Jean-Claude Ellena, meisterhafter Parfumkomponist und ein Adept von Roudnitska, vergleicht den Stand des Allgemeinwissens über Düfte mit der Weinkultur. "Vor 30 Jahren gab es eine Phase, in der der französische Wein von sehr schlechter Qualität war", sagt er. "Dann fingen die Leute an, darüber zu sprechen, sich auszutauschen." Der neu entstandene Diskurs habe den Geschmack, die Ansprüche des Publikums und letztlich auch die Qualität der Weine verändert. Gleiches müsse mit Parfum passieren. "Auch darum schreibe ich", sagt Ellena, der seine Gedanken über Parfum in mehreren Büchern veröffentlicht hat. Er ist 65, hat den Höhepunkt seiner Karriere als Hausparfumeur bei Hermès erreicht, und überlässt das Internet den Jüngeren.

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Gerade kleine Luxus- und Nischenmarken finden im Netz eine begeisterte Kundschaft. Sie können unabhängiger von Vertrieben, Konzernen und Parfümerien agieren. So hat sich die Anzahl junger eigenständiger Parfumhäuser in den vergangenen Jahren vervielfacht. Eine Website und ein Ladengeschäft sind manchmal schon genug. Patricia de Nicolaï, die 1989 eine der ersten persönlich geführten Nischenmarken gründete, sagt: "Der Verkauf über unsere Website funktioniert sehr gut. Der Umsatz ist gleich auf mit dem in den Läden. Aber", fügt sie hinzu, "wenn man die Marke nicht kennt und keine Gelegenheit hat, die Parfums zu riechen, ist es schwierig".

 Ja, was nützen all die Worte: Parfum will duften! Es kann sich erst auf der Haut voll entfalten. Und man muss Zeit mit ihm verbringen, um zu erkennen, ob es der passende Begleiter ist. Darum bieten einige inhabergeführte, qualitätsbewusste Parfümerien einen Online-Probenversand an. Auf den Websites von Essenza Nobile aus Mannheim oder Aus Liebe zum Duft aus Bruchsal kann man sich für rund 4 Euro ein Teströhrchen mit jedem noch so extravaganten Parfum füllen lassen.

Zuerst bestellte ich nur eins, von dem ich auf The Olfactorialist gelesen hatte. Dann schaute ich mir die Inhaltsstoffe an. Ich suchte nach Düften in ähnlicher Zusammensetzung, erschnupperte und sortierte Röhrchen um Röhrchen. Ich lernte mehr über die Eigenschaften der Parfums und wie man sie beschreibt. Aquatisch, holzig, florientalisch, harzig , pudrig, aldehydisch , gar gourmand . Hätte ich mein Lieblingsparfum mittlerweile nicht gefunden, jetzt wüsste ich, wonach ich fragen müsste: "Können Sie mir einen würzigen Chypreduft auf Rosen- und Patschulibasis empfehlen?" Aber bitte ohne Vanille.