"Haben Sie noch eine freie Stelle?" Ich schaue an meinen multidimensional bedufteten Unterarmen herunter und schüttele den Kopf. In den vergangenen Minuten hat die Parfumerieverkäuferin sechs verschiedene Düfte an mir getestet. "Vielleicht noch dieser hier, am Hals? Auch gaanz neu", sagt sie und hebt die Flasche zum Stoß. "Bitte nicht!" Dieses ziel- und geschmacklose Anpüstern muss aufhören. Das Vokabular der Beraterin erschöpft sich in schön, blumig, frisch, kräftig und beliebt – meins wiederum genügt nicht, um auszudrücken, was ich suche und was auf keinen Fall. Mir dämmert: Bevor ich das richtige Parfum finden kann, muss ich die richtigen Worte finden.

Vielen anderen ist das bereits gelungen, und sie teilen ihre Sprache und ihr Wissen im Internet. Beinahe jeder Duft der Welt ist in großen Online-Parfumotheken mit seinen Hauptbestandteilen archiviert; Kopfnote , Herznote , Basisnote freigegeben zur Diskussion. Welche Gemeinsamkeiten haben meine Lieblingsparfums? Wie beschreibe ich sie? Wer hat sie eigentlich komponiert? Und ist es demjenigen gut gelungen?

Nirgends wird so leichtfertig, laienhaft, aber dabei so intensiv und leidenschaftlich über Düfte debattiert wie in den Foren von Plattformen wie Sniffapalooza , Basenotes , Parfumo oder Fragrantica . Die sinnliche Erfahrung und ihre Übersetzung in Sprache und Schrift macht aus einigen Enthusiasten irgendwann Experten, und aus einigen Experten Kritiker. Wenn irgendwo unverblümt erörtert wird, warum der neue Herrenduft von Calvin Klein wie "billige Plörre" und "synthetisches Blubberwasser" riecht, dann wohl kaum in den Hochglanzmagazinen, deren Fortbestehen von Calvin Kleins Anzeigen abhängt.


Parfum ist wahrscheinlich die letzte Kunstform, zu der sich in den analogen Medien des 20. Jahrhunderts noch keine lebendige Kritik etabliert hat. Die New York Times wagte 2006 einen Anfang, als sie den duftbegeisterten Wirtschaftsjournalisten Chandler Burr zum weltweit ersten Parfumkritiker einer Tageszeitung machte. Sein Urteil hat Gewicht. Mittlerweile ist er Kurator am Museum of Arts and Design in New York und hat gerade die erste Ausstellung eröffnet, die Parfums als Kunstwerke betrachtet.

Chemie ist so spannend

Diese Perspektive hat in den vergangenen Jahren kaum einer so standhaft eingenommen wie der Biophysiker Luca Turin. Auf der Suche nach Erklärungen, wie Parfums zusammengesetzt sind und wie wir sie wahrnehmen, stieß ich auf sein Buch The Secret of Scent . Nie zuvor fand ich Molekularchemie so interessant, noch nie hatte ich versucht zu verstehen, wie unser Geruchsapparat arbeitet. Turins ziegelsteindickes Lexikon Perfumes. The A-Z Guide , in dem er zusammen mit seiner Frau Tania Sanchez mehr als 1.500 Düfte lobt oder vernichtet, wurde zu meiner unterhaltsamen Nachtlektüre.

Sanchez und Turin hatten sich in einem Onlineforum kennengelernt. Wo sonst konnte man als Außenstehender der Parfumindustrie so herrlich über Parfum streiten. Eine fundierte Auseinandersetzung mit Düften und ihrer Komposition hatte es bis zur Jahrtausendwende nur branchenintern gegeben. Der große Parfumeur Edmond Roudnitska schrieb wunderbar scharfsinnige und zornige Essays über sein Handwerk und seine Kunst, aber die meisten wurden lediglich in Fachmagazinen abgedruckt und blieben dem großen Publikum vorenthalten. Heute gibt es sie zum Download im iTunes-Shop.

Eine mündige Kritik kann nur aus dem Diskurs entstehen. Und der wird weitgehend im Netz geführt, in zumeist englischsprachigen Blogs wie Bois De Jasmin oder Now Smell This , gelesen von Laien wie Profis gleichermaßen. Meinen ersten Schritt in diese neuen Räume sinnlichen und sinnhaften Erfahrungsaustauschs tat ich über die Seiten des Berliner Blogs The Olfactorialist . Nischenmarken, von denen ich noch nie gehört hatte. Düfte, die ich unbedingt riechen musste!