Blut und Sperma! Noch nie gab es ein Parfum aus den elementarsten aller Körperflüssigkeiten. Wenn je einer mit diesem Tabu brechen würde, dann doch wohl die Extremistin und Königin der Popsuperlative, Lady Gaga. Geruch und Gerücht teilen zwar einige Buchstaben, nicht aber die Liebe zur Wahrheit. Nein, eigenes Sperma produziert Lady Gaga noch nicht, doch zumindest an der Struktur ihres Bluts sollte sich ihr neues Parfum Fame orientieren, beschied sie. Madame hat eigens die Haus Laboratories in Paris gegründet, um dort ihren Saft zu mischen.

Das Ejakulat ihrer PR-Maschine wurde mit viel Tamtam im August auf der New Yorker Fashion Week präsentiert. Lack und Leder, Promis und Plastik und ganz viel Schwarz. Die Haute-Volée durfte sich salben mit dem Elixier der Unterwelt: ein gefährliches Fluidum aus giftiger Belladonna, zerschmettertem Herz der Tigerorchidee und benebelndem Weihrauch.

Lady Gagas Sekret ist dunkel wie die Nacht, aufgefangen in einem futuristischen Eierflakon. Berührt es Menschenhaut, wird es auf magische Weise klar wie das Badewasser eines, naja, Festivalcampers. Und das mit dem Blut – auch nur ein Witz. Die Blumen des Bösen duften übrigens nach Kirschkaugummi. Gefährlich wird dieses Parfum höchstens den Sparbüchsen der Teenies. Und die Haus Laboratories sind das, was man bei RTL Explosiv eine Briefkastenfirma nennt.

Hinter einem Promiparfum wie Fame steckt immer ein großer Kosmetikkonzern, der auf Basis eines Lizenzvertrags den Namen des Stars verwenden darf. Es werden Zielgruppen- und Marktanalysen gemacht und das Konkurrenzumfeld untersucht. Denn Popstars und Parfums gibt's wie Sand am Meer – kommen beide zusammen, ergibt sich meist ein maximal überflüssiges Produkt, das allein durch strategisches Marketing zu einem finanziellen Erfolg werden kann.

Die drei Parfumeure, die sich Fame ausgedacht haben, sind angestellt beim Schweizer Aromahersteller Firmenich. Von dem lizenznehmenden Kosmetikkonzern Coty haben sie nach einer Art Wettbewerbsausschreibung den Zuschlag erhalten, aus ein paar vagen Vorgaben einen Duft zu entwickeln, der gefällig genug ist, um ein Massenpublikum zu erreichen.

Richard Herpin, Honorine Blanc und Nathalie Lorson bekommen ständig solche Aufträge. In den Flaschen von Justin Bieber , Halle Berry, Gwen Stefani, Céline Dion, Britney Spears , Usher , Dita von Teese oder David Beckham stecken ihre Düfte. Sie sind Dienstleister, bereit dazu, ihre handwerkliche Kreativität dort einzudämmen, wo echte Parfumeurskunst beginnt. Als Profis wissen sie wohl zu unterscheiden zwischen der Arbeit für ein Haute-Couture-Haus und einem A-Listen-Promi. Je nach Auftrag stapeln sie hoch oder eben tief.

Popstarparfums werden für junge Mädchen gemacht. In ihrer pubertären Empathie sollen sie sich mit dem Duft des Showgeschäfts bestäuben oder mit dem, was sie dafür halten. Der Geschmack der 14- bis 24-jährigen ist harmlos, blumig, süß, fruchtig. Deshalb riechen all diese Marketingwässerchen ähnlich, nach Himbeerzuckerwatte und Liebesapfel, Vanille und Karamell, Aprikose und Pflaume. Naomi Campbell, Avril Lavigne und Heidi Klum waren sich noch nie so einig – den großen Unterschied macht höchstens das Verpackungsdesign.

Lady Gaga hat die Produktentwickler sicherlich vor eine Herausforderung gestellt. Ihre Fans wollen der großen Durchgeknallten nicht nacheifern, sondern sie bewundern. Gagas Künstlichkeit und Lebensferne – trotz allen persönlichen Austauschs mit ihren Anhängern – lässt sich nicht in einen zielgruppenaffinen Duft gießen. Er müsste wahrhaft avantgardistisch, dunkel, sexy und überraschend sein und wäre damit viel zu ehrgeizig und komplex für mädchenhafte Trägerinnen. So wählte man einen Kompromiss zwischen lala Duft und gaga Verpackung. Inkonsequent und für erwachsene Nasen eine Enttäuschung.

Es kann aber auch gut laufen mit den Stars. Die Schauspielerin Sarah Jessica Parker zum Beispiel hat sich in den Entwicklungsprozess ihrer Parfums immer wieder eingemischt. Sie hat mit den beauftragten Parfumeuren diskutiert und nach Duftnoten gesucht, die ihr viel bedeuten. Der amerikanische Journalist Chandler Burr hat sie ein Jahr lang während der Arbeit an ihrem ersten Parfum Lovely (2005) begleitet und seine Beobachtungen im Buch The Perfect Scent aufgeschrieben. Viele Treffen und sensible Verhandlungen durfte er miterleben, immer wieder ging es um die Balance zwischen Markttauglichkeit und persönlichem Ausdruck. Und natürlich darum, die Marke Sarah Jessica Parker nicht zu beschädigen. Die Parfümeure Laurent Le Guernec und Clement Gavarry vom Hersteller IFF haben Feingefühl bewiesen. Lovely wurde ein Erfolg, Parkers modische Stilsicherheit und Sinnlichkeit fanden sich im Duft wieder. Seitdem sind acht weitere Düfte in ihrem Namen erschienen. Nur von den Menschen, deren Handwerk und Kunstfertigkeit in die Flasche flossen, erfährt man nichts. Sie arbeiten einfach die Aufträge ab, die auf ihrem Tisch landen.