PromiparfumsPopstars aus der Flasche

Lala Inhalt, gaga Verpackung und fertig ist das Promiparfum. Steht der Star tatsächlich selbst im Labor? Und warum nur riechen diese Düfte alle gleich? von 

Lady Gaga während der Kaufhauspremiere ihres Parfums in New York

Lady Gaga während der Kaufhauspremiere ihres Parfums in New York  |  © Timothy A. Clary/AFP/Getty Images

Blut und Sperma! Noch nie gab es ein Parfum aus den elementarsten aller Körperflüssigkeiten. Wenn je einer mit diesem Tabu brechen würde, dann doch wohl die Extremistin und Königin der Popsuperlative, Lady Gaga. Geruch und Gerücht teilen zwar einige Buchstaben, nicht aber die Liebe zur Wahrheit. Nein, eigenes Sperma produziert Lady Gaga noch nicht, doch zumindest an der Struktur ihres Bluts sollte sich ihr neues Parfum Fame orientieren, beschied sie. Madame hat eigens die Haus Laboratories in Paris gegründet, um dort ihren Saft zu mischen.

Das Ejakulat ihrer PR-Maschine wurde mit viel Tamtam im August auf der New Yorker Fashion Week präsentiert. Lack und Leder, Promis und Plastik und ganz viel Schwarz. Die Haute-Volée durfte sich salben mit dem Elixier der Unterwelt: ein gefährliches Fluidum aus giftiger Belladonna, zerschmettertem Herz der Tigerorchidee und benebelndem Weihrauch.

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Lady Gagas Sekret ist dunkel wie die Nacht, aufgefangen in einem futuristischen Eierflakon. Berührt es Menschenhaut, wird es auf magische Weise klar wie das Badewasser eines, naja, Festivalcampers. Und das mit dem Blut – auch nur ein Witz. Die Blumen des Bösen duften übrigens nach Kirschkaugummi. Gefährlich wird dieses Parfum höchstens den Sparbüchsen der Teenies. Und die Haus Laboratories sind das, was man bei RTL Explosiv eine Briefkastenfirma nennt.

Flüssiger "Fame" im schwarzen Ei unter der Goldklaue

Flüssiger "Fame" im schwarzen Ei unter der Goldklaue  |  © Ian Gavan/Getty Images

Hinter einem Promiparfum wie Fame steckt immer ein großer Kosmetikkonzern, der auf Basis eines Lizenzvertrags den Namen des Stars verwenden darf. Es werden Zielgruppen- und Marktanalysen gemacht und das Konkurrenzumfeld untersucht. Denn Popstars und Parfums gibt's wie Sand am Meer – kommen beide zusammen, ergibt sich meist ein maximal überflüssiges Produkt, das allein durch strategisches Marketing zu einem finanziellen Erfolg werden kann.

Die drei Parfumeure, die sich Fame ausgedacht haben, sind angestellt beim Schweizer Aromahersteller Firmenich. Von dem lizenznehmenden Kosmetikkonzern Coty haben sie nach einer Art Wettbewerbsausschreibung den Zuschlag erhalten, aus ein paar vagen Vorgaben einen Duft zu entwickeln, der gefällig genug ist, um ein Massenpublikum zu erreichen.

Richard Herpin, Honorine Blanc und Nathalie Lorson bekommen ständig solche Aufträge. In den Flaschen von Justin Bieber , Halle Berry, Gwen Stefani, Céline Dion, Britney Spears , Usher , Dita von Teese oder David Beckham stecken ihre Düfte. Sie sind Dienstleister, bereit dazu, ihre handwerkliche Kreativität dort einzudämmen, wo echte Parfumeurskunst beginnt. Als Profis wissen sie wohl zu unterscheiden zwischen der Arbeit für ein Haute-Couture-Haus und einem A-Listen-Promi. Je nach Auftrag stapeln sie hoch oder eben tief.

Duftnoten – Alles über Parfum

In einem Themenschwerpunkt widmen wir uns der Kunst des Parfums, weil über Duft viel zu wenig geschrieben und gesprochen wird. Die Serie Duftnoten – Alles über Parfum auf ZEIT ONLINE will das Bewusstsein für Parfums schärfen und einen kritischen Diskurs über eine vernachlässigte Kunstform anregen.

Wie entsteht ein olfaktorisches Meisterwerk? Wer sind die Meister hinter den großen Klassikern? Mit welchen Worten kann ich meinen Lieblingsduft beschreiben? Und welche olfaktorischen Schätze gibt es abseits der bekannten Marken zu entdecken?

Der Schwerpunkt

Bisher erschienen:

Essay: Wir sollten besser riechen

Glossar: Von Absolue bis Zibet

Parfum-Portale: Im Netz duftet's

Jean-Claude Ellena: Zu Besuch beim Herrn der Düfte

Parfum-Rohstoffe: Wie kommt die Natur in die Flasche?

Ironiefreie Zone: Parfum, das einzig wahre Accessoire

Die Top Ten: Duftempfehlungen von Luca Turin

Im Labor bei Chanel: Der Parfumeur Christopher Sheldrake

Parfum-Erfahrungen: Mein Duft und ich

Weltmarkt Parfum: Welche Düfte verkaufen sich wo am besten?

Der junge Wilde: Der Pariser Parfumeur Francis Kurkdjian

Promiparfums: Popstars aus der Flasche

Meister des Orients: Serge Lutens erklärt die wahre Weihnachtsgeschichte

Müssen gute Parfums teuer sein? Dominique Ropion im Interview

In loser Folge ab Mai 2013:

Nischenparfums – Kleine Firmen mit großem Bouquet

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Die Serie Duftnoten - Alles über Parfum gibt es auch als E-Book. Gehen Sie auf Entdeckungsreise in die Welt des Parfums in dieser für Ihren eReader hochwertig aufbereiteten Fassung. Unser E-Book steht Ihnen dabei als EPUB-Version für Ihren eReader, sowie als MOBI-Version für Ihr Kindle Lesegerät von Amazon zur Verfügung.

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Popstarparfums werden für junge Mädchen gemacht. In ihrer pubertären Empathie sollen sie sich mit dem Duft des Showgeschäfts bestäuben oder mit dem, was sie dafür halten. Der Geschmack der 14- bis 24-jährigen ist harmlos, blumig, süß, fruchtig. Deshalb riechen all diese Marketingwässerchen ähnlich, nach Himbeerzuckerwatte und Liebesapfel, Vanille und Karamell, Aprikose und Pflaume. Naomi Campbell, Avril Lavigne und Heidi Klum waren sich noch nie so einig – den großen Unterschied macht höchstens das Verpackungsdesign.

Lady Gaga hat die Produktentwickler sicherlich vor eine Herausforderung gestellt. Ihre Fans wollen der großen Durchgeknallten nicht nacheifern, sondern sie bewundern. Gagas Künstlichkeit und Lebensferne – trotz allen persönlichen Austauschs mit ihren Anhängern – lässt sich nicht in einen zielgruppenaffinen Duft gießen. Er müsste wahrhaft avantgardistisch, dunkel, sexy und überraschend sein und wäre damit viel zu ehrgeizig und komplex für mädchenhafte Trägerinnen. So wählte man einen Kompromiss zwischen lala Duft und gaga Verpackung. Inkonsequent und für erwachsene Nasen eine Enttäuschung.

Rabea Weihser
Rabea Weihser

Rabea Weihser ist Redakteurin im Ressort Kultur bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

Es kann aber auch gut laufen mit den Stars. Die Schauspielerin Sarah Jessica Parker zum Beispiel hat sich in den Entwicklungsprozess ihrer Parfums immer wieder eingemischt. Sie hat mit den beauftragten Parfumeuren diskutiert und nach Duftnoten gesucht, die ihr viel bedeuten. Der amerikanische Journalist Chandler Burr hat sie ein Jahr lang während der Arbeit an ihrem ersten Parfum Lovely (2005) begleitet und seine Beobachtungen im Buch The Perfect Scent aufgeschrieben. Viele Treffen und sensible Verhandlungen durfte er miterleben, immer wieder ging es um die Balance zwischen Markttauglichkeit und persönlichem Ausdruck. Und natürlich darum, die Marke Sarah Jessica Parker nicht zu beschädigen. Die Parfümeure Laurent Le Guernec und Clement Gavarry vom Hersteller IFF haben Feingefühl bewiesen. Lovely wurde ein Erfolg, Parkers modische Stilsicherheit und Sinnlichkeit fanden sich im Duft wieder. Seitdem sind acht weitere Düfte in ihrem Namen erschienen. Nur von den Menschen, deren Handwerk und Kunstfertigkeit in die Flasche flossen, erfährt man nichts. Sie arbeiten einfach die Aufträge ab, die auf ihrem Tisch landen.

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Leserkommentare
    • Chrisma
    • 13. Dezember 2012 14:49 Uhr

    Dem ist nichts mehr hinzuzufügen - großartig!

  1. ...diese frage habe ich mir auch einmal gestellt -> mal abgesehen von den verwendeten und oft identischen essenzen enthaelt doch parfum auch eine 'soziale' (wenn ich das so nennen darf) komponente des 'wiedererkennens', d. h., wenn mein kollege nach 'prada xy' duftet, sind viele menschen 'versucht', auch genauso zu duften a lá 'ah - du benutzt auch gucci ab' etc. alles selber so erlebt. aus diesem grunde meide ich parfums auf rein synthetischer basis - eine ausnahme bildet 'grey flannel' von geoffrey beene...

    ansonsten waere mal eine kolumne ueber 'meine' parfums angebracht, oder wer schreibt schon ueber:

    penhaligon's -> 'english fern' & 'hammam bouquet'
    jo malone -> '154' & 'black vetyver & café'
    hugh parsons -> 'oxford street'

    ...nur eine 'kleine' auswahl dessen, wobei immer zu beachten ist (und das vergessen die meisten parfumkonsumenten), dass -bis auf die synthetischen- alle parfums auf jeder hautoberlaeche unterschiedlich wirken, d. h. bei jeder person 'entfaltet' sich der duft unterschiedlich...

    parfums sind wie gute weine oder ein gin -> in jungen jahren benutzt man 'fusel', um 'in' zu sein, aber wenn man-n- aelter und gereifter wird, muss es auch kein bier mehr sein, dann braucht man-n- schon 'was richtiges'... :-)

    cheers

  2. erschöpft sich leider immer wieder in der kulturpessimistischen Bilanz, daß das Handwerk des Parfumeurgewerbes industrialisiert sei und sich von der Kunst entfernt habe - von wenigen Ausnahmen abgesehen.

    Wenn hier kritisiert wird, daß die Promi-Düfte auf die Zielgruppe junger Mädchen, als HauptkonsumentInnen - und 2wave-Werbeträgerinnen der entsprechenden Streifen, Staffeln, Soaps usw. zugeschnitten sind, der sollte auch an die Geschmacks?prägungen durch Sex&theCity-Style-Marketing u.Ä. Mode-Schöpfungen für diese Abnehmerschaft erinnern, denn diese Kontexte erklären uns deren Bereitschaft zur optischen, habituellen und olfaktorisch wahrnehmbaren Anähnelung an die Trendsetzerinnen.

    Vergessen wird leider, daß ein gutes Parfum zu der Haut und Persönlichkeit passen sollte, die sich damit riechbar in Szene setzt.
    Meine Nase sagt mir, daß dies sehr dezent geschehen sollte - d.h. ein Parfum sollte erst ab einer zugelassenen Nähe von ca. 1m "ruchbar" werden und nicht vom Eigengeruch bzw. Aroma der Trägerin bzw. des Tragenden ablenken, sondern dies ausdifferenzieren oder unterstreichen.

    Warum sollte ich als Mann, mit tendenziell stärkeren Eigengeruch als eine Frau, zusätzlich noch Parfum auflegen, das zudem seltenst in der Lage ist, meine Geruchsnote aromatischer zu machen, als sie ohnehin schon ist? ^^

    Nach meiner Erfahrung ist der Eigengeruch junger Mädchen schwach - daher das Duft-Tuning zu discount-Preisen in chicen Flacons mit großem Namen.
    Nicht gerade anziehend das...

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