ZEIT ONLINE: Nehmen Männer und Frauen dieselbe Schönheit in Düften wahr?

Lutens: Schönheit lässt sich nicht durch ein Produkt definieren. Sie ist der Ausdruck eines Gefühls, nicht das Ergebnis von Chemie. Schönheit ist der Moment, in dem man erhobenen Hauptes seinen eigenen Schmerz durchschreitet, sein eigenes Leiden, seine eigenen Ruinen durchquert, um wieder zurückzukehren ins Leben. Sicherlich hat jeder eine andere Vision von Schönheit.

ZEIT ONLINE: Warum überhaupt ein Parfum auftragen?

Lutens: Noch nie waren die Menschen weiter entfernt von ihrer jeweiligen Identität als heute. Parfum wird häufig genutzt, um lediglich das Bild eines anderen zu tragen. Die wenigsten nutzen es, um sich selbst zu finden oder zu definieren. Ein Parfum hilft einem, seine eigene Erinnerung, seine Identität gespiegelt zu sehen. Man legt es an und nach zwei, drei Minuten vergisst man es. Aber man weiß, es ist da. Es gibt einem Selbstvertrauen.

ZEIT ONLINE: Kann das mit Parfums funktionieren, die für einen Massenmarkt gemacht sind?

Lutens: Ich weiß nicht, ob man diese Produkte wirklich alle Parfums nennen kann. Sie sind wie Fahrstuhlmusik, genauso effizient in der Anwendung.

ZEIT ONLINE: Aber die meisterhaften Parfums, gehören sie in den Kreis der Künste?

Lutens: Ich würde sagen, es gibt weder den Kreis der Künste noch die Kunst an sich. Es gibt nur den Künstler, eine Lebensform. Man kann seine Kunst perfektionieren, sich für Kunst interessieren. Aber Menschen wie Soutine haben nie das Malerhandwerk gelernt. Van Gogh hat nie eine Akademie abgeschlossen. Heute sind die Schulen vollgestopft mit Künstlern, alles reiche Bürgerkinder. Aber eines ist merkwürdig: Es gibt kaum noch Kunst! Es gibt nur angemaltes Plastikzeug mit Stacheldraht. Man findet keinen Rembrandt mehr, keinen Kirchner, keinen Van Gogh, keinen Picasso.

ZEIT ONLINE: Ihnen fehlt die Kunst in der Gegenwart?

Lutens: Es fehlt an Köpfen! An Männern und Frauen. Es gibt zu viele künstliche Figuren, die Funktionen ausfüllen. Und ein Parfum, das nur Ergebnis technischer Arbeit ist, ist zwar möglicherweise handwerklich gut gemacht, aber keine Kunst. Und wenn wir von Kunst im Parfum sprechen wollen, dann muss es wirklich zu einer Seele gehören. Diese Kunst muss aus dem Körper erwachsen und kann nicht bloß das Produkt der Essenzen auf dem Tisch sein.

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ZEIT ONLINE: Sie schaffen Ihre Parfums zusammen mit Christopher Sheldrake von Chanel . Verstehen Sie sich als künstlerischer Direktor oder Kurator Ihrer Marke?

Lutens: Nein, als Kurator ganz bestimmt nicht. Ich wäre eher derjenige, der das Museum niederbrennt. Ich bin Créateur . Zu 100 Prozent. Ich arbeite wie ein Couturier. Das Kleid habe ich im Kopf. Noch davor habe ich eine Frau im Kopf. Das Kleid ist die Illustration dessen, was ich sagen möchte. Hat sie einen Smoking an oder trägt sie ein unglaubliches Spitzenkleid? Der Rest des Parfums entscheidet sich von Sitzung zu Sitzung. Jede Sitzung dauert drei Tage, mehrmals im Jahr, in Paris oder Marrakesch.

ZEIT ONLINE: Wie ist die Aufgabenteilung in der Arbeit mit Christopher Sheldrake?

Lutens: Er ist der Techniker und ich habe den Instinkt, der mitunter auch den Zufall hereinkommen lässt. Jenseits des Bewusstseins. Und mein Unwissen ist riesig! Bei meinen Fotos ist es ähnlich. Ich weiß, wie ein Licht gesetzt werden muss, ich sehe Schatten, die sonst niemand sieht. Aber ich kann diese technischen Dinge nicht selbst bedienen, diese ganzen Knöpfe. Wenn ich ein Kleid entwerfe, zeichne ich es, aber es ist nicht mein Beruf, es zuzuschneiden. Ich weiß ganz genau, was ich will. Man arbeitet immer mit dem Unbewussten. Deshalb kann der Schaffensprozess nicht zu zweit funktionieren. Es ist ein einsames Geschäft.