Duftschöpfer Serge LutensDie Weisen aus dem Morgenland brachten Parfum
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"Ich arbeite wie ein Couturier"

ZEIT ONLINE: Nehmen Männer und Frauen dieselbe Schönheit in Düften wahr?

Lutens: Schönheit lässt sich nicht durch ein Produkt definieren. Sie ist der Ausdruck eines Gefühls, nicht das Ergebnis von Chemie. Schönheit ist der Moment, in dem man erhobenen Hauptes seinen eigenen Schmerz durchschreitet, sein eigenes Leiden, seine eigenen Ruinen durchquert, um wieder zurückzukehren ins Leben. Sicherlich hat jeder eine andere Vision von Schönheit.

ZEIT ONLINE: Warum überhaupt ein Parfum auftragen?

Lutens: Noch nie waren die Menschen weiter entfernt von ihrer jeweiligen Identität als heute. Parfum wird häufig genutzt, um lediglich das Bild eines anderen zu tragen. Die wenigsten nutzen es, um sich selbst zu finden oder zu definieren. Ein Parfum hilft einem, seine eigene Erinnerung, seine Identität gespiegelt zu sehen. Man legt es an und nach zwei, drei Minuten vergisst man es. Aber man weiß, es ist da. Es gibt einem Selbstvertrauen.

ZEIT ONLINE: Kann das mit Parfums funktionieren, die für einen Massenmarkt gemacht sind?

Lutens: Ich weiß nicht, ob man diese Produkte wirklich alle Parfums nennen kann. Sie sind wie Fahrstuhlmusik, genauso effizient in der Anwendung.

ZEIT ONLINE: Aber die meisterhaften Parfums, gehören sie in den Kreis der Künste?

Lutens: Ich würde sagen, es gibt weder den Kreis der Künste noch die Kunst an sich. Es gibt nur den Künstler, eine Lebensform. Man kann seine Kunst perfektionieren, sich für Kunst interessieren. Aber Menschen wie Soutine haben nie das Malerhandwerk gelernt. Van Gogh hat nie eine Akademie abgeschlossen. Heute sind die Schulen vollgestopft mit Künstlern, alles reiche Bürgerkinder. Aber eines ist merkwürdig: Es gibt kaum noch Kunst! Es gibt nur angemaltes Plastikzeug mit Stacheldraht. Man findet keinen Rembrandt mehr, keinen Kirchner, keinen Van Gogh, keinen Picasso.

ZEIT ONLINE: Ihnen fehlt die Kunst in der Gegenwart?

Lutens: Es fehlt an Köpfen! An Männern und Frauen. Es gibt zu viele künstliche Figuren, die Funktionen ausfüllen. Und ein Parfum, das nur Ergebnis technischer Arbeit ist, ist zwar möglicherweise handwerklich gut gemacht, aber keine Kunst. Und wenn wir von Kunst im Parfum sprechen wollen, dann muss es wirklich zu einer Seele gehören. Diese Kunst muss aus dem Körper erwachsen und kann nicht bloß das Produkt der Essenzen auf dem Tisch sein.

© ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE: Sie schaffen Ihre Parfums zusammen mit Christopher Sheldrake von Chanel . Verstehen Sie sich als künstlerischer Direktor oder Kurator Ihrer Marke?

Lutens: Nein, als Kurator ganz bestimmt nicht. Ich wäre eher derjenige, der das Museum niederbrennt. Ich bin Créateur . Zu 100 Prozent. Ich arbeite wie ein Couturier. Das Kleid habe ich im Kopf. Noch davor habe ich eine Frau im Kopf. Das Kleid ist die Illustration dessen, was ich sagen möchte. Hat sie einen Smoking an oder trägt sie ein unglaubliches Spitzenkleid? Der Rest des Parfums entscheidet sich von Sitzung zu Sitzung. Jede Sitzung dauert drei Tage, mehrmals im Jahr, in Paris oder Marrakesch.

ZEIT ONLINE: Wie ist die Aufgabenteilung in der Arbeit mit Christopher Sheldrake?

Lutens: Er ist der Techniker und ich habe den Instinkt, der mitunter auch den Zufall hereinkommen lässt. Jenseits des Bewusstseins. Und mein Unwissen ist riesig! Bei meinen Fotos ist es ähnlich. Ich weiß, wie ein Licht gesetzt werden muss, ich sehe Schatten, die sonst niemand sieht. Aber ich kann diese technischen Dinge nicht selbst bedienen, diese ganzen Knöpfe. Wenn ich ein Kleid entwerfe, zeichne ich es, aber es ist nicht mein Beruf, es zuzuschneiden. Ich weiß ganz genau, was ich will. Man arbeitet immer mit dem Unbewussten. Deshalb kann der Schaffensprozess nicht zu zweit funktionieren. Es ist ein einsames Geschäft.

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Leserkommentare
  1. 1. [...]

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    Lieber Student,

    es ist Weihnachten oder unter Insidern eine Zeit die man N°5 nennen könnte.
    Die Chemieindustrie ist ein riesiger Kuchen und das Parfum die lustigsten Rosinen. Wer kann es also den Textbildnern verdenken, ein paar davon verkaufen zu wollen?

  2. Huhu Liebe Duftikusse,

    Serge Lutens hat in den letzten 15 Jahren in etwa ähnlich viele Parfums entworfen, wie Steve Jobs Computer gebaut hat...

    Serge Lutens ist eine Marke der Japanischen Konzernz Shiseido.

    Die Person Serge Lutens hat ein Atelier, ein "Labor". Er hat Ideen. Doch ob ein neues Serge Lutens Parfum auf den Markt kommt, entscheidet nicht ein Kreativer, sondern die Zahlen des Konzerns.

    So böse, so fremdartig, so "zu welchem Anlass soll ich´s nur tragen" die Serge Lutens Parfums auch sind, gemacht, eben so böse, fremdartig usw. hat sie Christopher Sheldrake, der gern von Shiseido und Lutens zum Techniker, der Lutens Visionen umsetzt degradiert wird.

    Wer jetzt nicht weiter weiß: Einfach an Perceive von Avon (leicht zu bekommen) oder Laughter von Space.NK (schwierig zu bekommen) schnuppern und verstehen, dass Sheldrake der Meister ist und Lutens einfach ein schriller Künstler der heute gern mit Duft spielt, wie er früher mit Licht gespielt hat.

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    Redaktion

    Lieber parfumeur,

    wir haben bereits mit Christopher Sheldrake gesprochen: http://www.zeit.de/lebensart/2012-11/chanel-sheldrake-parfum

    Beste Grüße aus der Redaktion.

  3. Lieber Student,

    es ist Weihnachten oder unter Insidern eine Zeit die man N°5 nennen könnte.
    Die Chemieindustrie ist ein riesiger Kuchen und das Parfum die lustigsten Rosinen. Wer kann es also den Textbildnern verdenken, ein paar davon verkaufen zu wollen?

    Antwort auf "[...]"
  4. Redaktion

    Lieber parfumeur,

    wir haben bereits mit Christopher Sheldrake gesprochen: http://www.zeit.de/lebensart/2012-11/chanel-sheldrake-parfum

    Beste Grüße aus der Redaktion.

    Antwort auf "¡Sheldrake!"
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    Huhu Redaktion,

    weiß ich doch... Ich recherchiere Täglich, denn das Internet ist ein Platz der ähnlich voller Inspirationen und Quatsch ist, den man verduften kann, wie ein Café in der Innenstadt.

    Kritisch bin ich nur, wenn es sich durchsetzt ein X für ein O zu verkaufen, z.B. Serge Lutens zu einem Parfumkreateur zu machen, weil es doch überall so gemacht wird und gut läuft so.

    Eine künstlerische Leitfigur zu einer Marke zu machen ist genial und DAS ist ein spannendes Thema. Wie hat es Shiseido geschafft, dass eine Zeitredakteurin so weiterreicht !!!

    DAS ist das spannende am Thema Serge Lutens und Christopher Sheldrake.

    Parfum ist künstlerisch ausgekleidete Zeit, wie Musik. Das ist klar. Doch leichter als in Ihrem Stammthema, der Musik, ist bei der Parfumerie zu erkennen, wer wirklich neben dem Titel auf der Partitur steht.

  5. Huhu Redaktion,

    weiß ich doch... Ich recherchiere Täglich, denn das Internet ist ein Platz der ähnlich voller Inspirationen und Quatsch ist, den man verduften kann, wie ein Café in der Innenstadt.

    Kritisch bin ich nur, wenn es sich durchsetzt ein X für ein O zu verkaufen, z.B. Serge Lutens zu einem Parfumkreateur zu machen, weil es doch überall so gemacht wird und gut läuft so.

    Eine künstlerische Leitfigur zu einer Marke zu machen ist genial und DAS ist ein spannendes Thema. Wie hat es Shiseido geschafft, dass eine Zeitredakteurin so weiterreicht !!!

    DAS ist das spannende am Thema Serge Lutens und Christopher Sheldrake.

    Parfum ist künstlerisch ausgekleidete Zeit, wie Musik. Das ist klar. Doch leichter als in Ihrem Stammthema, der Musik, ist bei der Parfumerie zu erkennen, wer wirklich neben dem Titel auf der Partitur steht.

    Antwort auf "Christopher Sheldrake"
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    Redaktion

    Lieber parfumeur,

    dass das Verhältnis zwischen Kreation und Inspiration bei Serge Lutens ein heikles Thema ist, war mir bewusst. Deshalb habe ich es im Interview angesprochen. Sicherlich geht es in diesem Themenschwerpunkt auf ZEIT ONLINE darum, die Menschen hinter den Parfums vorzustellen. Da bin ich ganz bei Ihnen.

    Aber die Marke Serge Lutens ist in diesem Spannungsfeld ein interessantes Beispiel, sieht sich Lutens doch als kreativer Kopf. Ich würde sagen, er ist ein Regisseur. Er hingegen begreift sich als Couturier, sagt er, und das klingt recht einleuchtend. Wir wissen weit mehr über die Arbeit hinter den Kulissen der Modebranche als hinter denen der Parfumbranche. Wissen, dass Lagerfeld seine Figurinen zeichnet, aber die Schuhe, Pailletten, Rüschen von Spezialisten gefertigt werden, deren Namen unerwähnt bleiben. Die Robe wird als Lagerfeld resp. Chanel verkauft.

    Ihrem Kommentar zufolge, haben Sie sich bereits intensiv mit Lutens und der Branche beschäftigt. Damit haben Sie einen großen Wissensvorsprung vor vielen Lesern und fordern zurecht eine tiefergehende Auseinandersetzung mit dem Thema. Haben Sie etwas Geduld! Wir fangen doch gerade erst an.

    Herzliche Grüße!

  6. Huch, schock schwere Not,

    ich stelle gerade fest, dass der Leserwunsch des Kommentators "Herr Student" gern mal wieder andere relevante Themen zu lesen entfernt wurde anstatt nachzufragen. Hier, im Netz, wo die kostbare Gelegenheit zum Demokratischen Disput noch existiert...

    Das ist zwar Zeitgemäß in der Welt, doch nicht (meinem) Bild der ZEIT gemäß. Oder?

    Wie schade. Dann löschen Sie bitte meine doch auch wieder, damit wir nicht in eine Diskussion über Infomationsverteilung=Machtverteilung geraten...

    Dufte Grüße vom - auch gern ohne Nickname - Uwe

  7. Redaktion

    Lieber parfumeur,

    dass das Verhältnis zwischen Kreation und Inspiration bei Serge Lutens ein heikles Thema ist, war mir bewusst. Deshalb habe ich es im Interview angesprochen. Sicherlich geht es in diesem Themenschwerpunkt auf ZEIT ONLINE darum, die Menschen hinter den Parfums vorzustellen. Da bin ich ganz bei Ihnen.

    Aber die Marke Serge Lutens ist in diesem Spannungsfeld ein interessantes Beispiel, sieht sich Lutens doch als kreativer Kopf. Ich würde sagen, er ist ein Regisseur. Er hingegen begreift sich als Couturier, sagt er, und das klingt recht einleuchtend. Wir wissen weit mehr über die Arbeit hinter den Kulissen der Modebranche als hinter denen der Parfumbranche. Wissen, dass Lagerfeld seine Figurinen zeichnet, aber die Schuhe, Pailletten, Rüschen von Spezialisten gefertigt werden, deren Namen unerwähnt bleiben. Die Robe wird als Lagerfeld resp. Chanel verkauft.

    Ihrem Kommentar zufolge, haben Sie sich bereits intensiv mit Lutens und der Branche beschäftigt. Damit haben Sie einen großen Wissensvorsprung vor vielen Lesern und fordern zurecht eine tiefergehende Auseinandersetzung mit dem Thema. Haben Sie etwas Geduld! Wir fangen doch gerade erst an.

    Herzliche Grüße!

    Antwort auf "weiß ich doch ;-)"
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    ... deswegen frag ich ja wo immer ich kann, ob nicht mal jemand fragen kann, wie solch ein Profil, wie es das Shiseido Marketing um Serge Lutens modelliert hat entsteht und gehalten wird, bis es woanders oft noch viel weniger als in diesem Artikel heute, einfach so geschluckt wird.

    Gibt es Zeitpläne, in denen eine schillernde Figur nach und nach aufgebaut ist? Spielen da Styleguides mit, die am "nicht von dieser Welt" Erscheinen der schillernden Figur mitgearbeitet haben? Werden Marktanalysen gemacht, welcher Großhändler wann die Marke in welche Kanäle bringen wird? Nombre Noir ist von 82 das stimmt. Aber "warum" ist es !!! und warum emittiert die Marke seit dem sie von einer sog. Nischenmarke in den Großhandel übergegangen ist 2-4 mal so viele Parfums als vorher?

    Wirtschaftsredakteure kümmern sich nicht darum. Kulturredakteure kümmern sich nicht darum. Und das find ich eben schade. Wenn es en vogue ist, über Parfum zu sprechen, warum dann nicht mal die eigene "Macht" nutzen als textschaffende/r Wissensverbreiter/in und ins Räderwerk "hinein" fragen?

    Ich weiß: Investigativer Journalismus ist out und heut den Bloggern und Verschwörungstheoretikern überlassen... Doch in einer Industrie wie der Parfumkunst sicherlich mal eine "Reise" wert.

    Also... Ich gug weiter täglich, ob mal etwas wirklich neues von hinter den Kulissen kommt.

    Auf bald
    Uwe

  8. Danke fuer das interessante Interview. Serge Lutens' Boutique im Palais Royal in Paris ist ein wahres Schmuckstuck, dunkel, in tiefen Lila- und Rot-toenen gehalten, mit rotem Marmor verkleidet.
    Diese Serie ueber Duefte ist klasse und ich freue mich darauf, mehr zu lesen.

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