Duftschöpfer Serge LutensDie Weisen aus dem Morgenland brachten Parfum

Der Franzose Serge Lutens war Fotograf für Dior, bevor er sich in den Orient verliebte und Parfums entwarf. Im Interview räumt er auf mit der Weihnachtsgeschichte. von 

Der Duft-, Mode- und Bilddesigner Serge Lutens

Der Duft-, Mode- und Bilddesigner Serge Lutens  |  © Francesco Brigida

ZEIT ONLINE: Monsieur Lutens, die Weihnachtszeit bringt den Duft des Orients mit, Zimt, Nelken, Weihrauch und Myrrhe. Was fasziniert sie als Parfumeur am arabischen Kulturraum?

Serge Lutens: Man kann eine Kultur nicht allein mit dem Geist erfassen. Man trägt sie in sich, einen Geschmack, ein Empfinden. Als ich anfing Parfums zu machen, war ich sehr stark von Marokko angezogen. Warum? Als Kind in Lille musste ich jeden Tag die Rue Tournai überqueren, um in die Stadt zu kommen. Das war eine arabische Straße, viele Algerier haben dort gelebt. Die Gerüche, die Stimmung, das Geheimnisvolle dieser Straße haben mich umfangen. Ich habe das alles aufgesogen. Das war wohl meine erste Begegnung mit dem Orient.

ZEIT ONLINE: Jetzt leben Sie seit mehr als 40 Jahren in Marrakesch und entwerfen Parfums, die oft als orientalisch beschrieben werden. Warum hat jeder Kulturraum seine eigene Duftsprache?

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Lutens: Es ist eine Frage der Ernährung, des Klimas und der Alltagskultur. Völker, die Fisch essen, mögen keine warmen Parfums. Menschen, die Fleisch essen, mögen warme Parfums. Ich mag reichhaltige Parfums, aber offen müssen sie sein. Japan , Schweden , Norwegen und andere Länder des Nordens sind Länder der Sauberkeit. Dort mag man meine Parfums nicht. Man liebt das Wasser, das Bad, aber nicht Parfums. Frankreich hat keine Tradition der Sauberkeit, Baden war immer eine schlimme Pflicht und Parfum eher dazu dar, um den Körpergeruch zu überdecken. Die Menschen im Orient hingegen sind sehr sauber. Zum Beispiel werden die Neugeborenen und Verstorbenen mit Orangenblüten abgerieben. Parfum ist dort überall im Leben.

Duftnoten – Alles über Parfum

In einem Themenschwerpunkt widmen wir uns der Kunst des Parfums, weil über Duft viel zu wenig geschrieben und gesprochen wird. Die Serie Duftnoten – Alles über Parfum auf ZEIT ONLINE will das Bewusstsein für Parfums schärfen und einen kritischen Diskurs über eine vernachlässigte Kunstform anregen.

Wie entsteht ein olfaktorisches Meisterwerk? Wer sind die Meister hinter den großen Klassikern? Mit welchen Worten kann ich meinen Lieblingsduft beschreiben? Und welche olfaktorischen Schätze gibt es abseits der bekannten Marken zu entdecken?

Der Schwerpunkt

Bisher erschienen:

Essay: Wir sollten besser riechen

Glossar: Von Absolue bis Zibet

Parfum-Portale: Im Netz duftet's

Jean-Claude Ellena: Zu Besuch beim Herrn der Düfte

Parfum-Rohstoffe: Wie kommt die Natur in die Flasche?

Ironiefreie Zone: Parfum, das einzig wahre Accessoire

Die Top Ten: Duftempfehlungen von Luca Turin

Im Labor bei Chanel: Der Parfumeur Christopher Sheldrake

Parfum-Erfahrungen: Mein Duft und ich

Weltmarkt Parfum: Welche Düfte verkaufen sich wo am besten?

Der junge Wilde: Der Pariser Parfumeur Francis Kurkdjian

Promiparfums: Popstars aus der Flasche

Meister des Orients: Serge Lutens erklärt die wahre Weihnachtsgeschichte

Müssen gute Parfums teuer sein? Dominique Ropion im Interview

In loser Folge ab Mai 2013:

Nischenparfums – Kleine Firmen mit großem Bouquet

ALS E-BOOK

Die Serie Duftnoten - Alles über Parfum gibt es auch als E-Book. Gehen Sie auf Entdeckungsreise in die Welt des Parfums in dieser für Ihren eReader hochwertig aufbereiteten Fassung. Unser E-Book steht Ihnen dabei als EPUB-Version für Ihren eReader, sowie als MOBI-Version für Ihr Kindle Lesegerät von Amazon zur Verfügung.

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ZEIT ONLINE: Düfte haben traditionell auch religiöse Zwecke.

Lutens: Ja, das Parfum der Mekka-Pilger enthält Weihrauch. Im Vatikan wird Weihrauch verbrannt und auch die jüdischen Gemeinden benutzen dieselben Rohstoffe, mit unterschiedlicher Dosierung.

ZEIT ONLINE: Erinnert mich an die Weihnachtsgeschichte.

Lutens: Die Drei Weisen aus dem Morgenland. Man sagt, die Heiligen Drei Könige kamen vom Stern geleitet nach Bethlehem zur Krippe. Sie hätten Weihrauch, Myrrhe und Gold mitgebracht. Aber Gold kann es nicht gewesen sein. Sie waren doch bettelarm, die Drei Weisen. Wären sie reich gewesen und mit Gold gekommen, wären sie nicht auf Eseln geritten, sondern auf dem Pferd. Ich habe recherchiert, und wenn ich anfange, etwas zu suchen, bin ich sehr hartnäckig. Ein kleines fingernagelgroßes Stück Gold mitzubringen, ergibt keinen Sinn. Aber es gab damals ein sehr wertvolles Parfumharz, das man Or nannte, also Gold. Das wissen nur sehr wenige.

Serge Lutens

Er wurde 1942 im französischen Lille geboren. Mit 14 begann er eine Lehre in einem Friseursalon und entdeckte seine Begeisterung für Make-up und Fotografie. Als junger Mann arbeitete Serge Lutens für die Vogue, dann für große Häuser wie Dior, für die er 1967 eine erste Make-up-Linie entwarf. Er drehte eigene Filme und Werbespots. 1980 entwickelte er für die japanische Kosmetikfirma Shiseido das Produktdesign, sowie 1982 das Parfum Nombre Noir.

Im Jahr 2000 gründete er die Luxusmarke Parfums-Beauté Serge Lutens, die zu Shiseido gehört. In der Reihe sind mittlerweile mehr als 50 Düfte erschienen. 2007 ernannte ihn die französische Regierung zum Commandeur des Arts et des Lettres.

ZEIT ONLINE: Das passt ja zum jüngeren Brauch, an Weihnachten Parfum zu verschenken. Vom kultischen Harz zu heutigen Parfums ist die Zivilisation einen weiten Weg gegangen. Gefällt Ihnen, was Sie heute riechen?

Lutens: In Europa gibt es fast überall eine Hysterie, die ganze Welt mit Parfumprodukten zu kolonisieren. Ich glaube, dass es nicht wünschenswert ist, solchen Einfluss auszuüben. Seit der Nachkriegszeit ist unsere sinnliche Wahrnehmung ziemlich zensiert worden. Das amerikanische Marketing kam und schickte sich an, den Konsum zu vereinfachen, den es im 19. Jahrhundert gegeben hatte.

ZEIT ONLINE: Sie meinen die Unterscheidung in Damen- und Herrendüfte?

Lutens: Man kann ernsthaft fragen, ob man sowas nach männlich und weiblich unterteilen kann. Es gibt keine Männerrestaurants oder Frauenrestaurants, keine Männer- oder Frauenmusik. Es geht doch um die Sinnlichkeit. Ich habe in England sehr elegante Herren gesehen, die Rosendüfte trugen. In puncto Parfum sollten wir die Adams und Evas des amerikanischen Marketings hinter uns lassen. Da sind Männer und Frauen getrennt wie die Scheißhaustüren im Bahnhof. Wir sollten eher nach dem suchen, was Geschlechter verbindet, als nach den Unterschieden.

ZEIT ONLINE: Denken Sie bei der Arbeit an einem Parfum an Damen oder Herren?

Lutens: Auf gewisse Art habe ich mich immer eher in eine Frau hineinversetzt. Die sensible, sinnliche Welt ist die weibliche. Ich kenne inzwischen den orientalischen Mann gut, weil er den weiblichen Anteil viel stärker auslebt. In den westlichen Gesellschaften ist das nicht so sehr akzeptiert.

Leserkommentare
  1. "Schönheit ist der Moment, in dem man erhobenen Hauptes seinen eigenen Schmerz durchschreitet, sein eigenes Leiden, seine eigenen Ruinen durchquert, um wieder zurückzukehren ins Leben."

    Ich glaube, das ist einer der besten Sätze, die ich je gelesen habe. Ein brilliantes Interview ist das.

    • DK1987
    • 21. Dezember 2012 14:51 Uhr

    In erster Linie möchte ich mich bei der Redaktion herzlich bedanken, dass ich so ein interessantes Interview lesen darf.

    Ich bin selbst ein begeisterter Fan von Parfümen wie Serge Lutens, Masion Francis Kurkdjian, Jacques Polge etc.

    Könnten Sie bitte ein Interview mit Monsieur Kilian Hennessey durchführen??

    Er selbst ist wie Serge Lutens (Inspiriert von Serge Lutens) und bin von seinen Produkten begeistert (Auch wenn nicht alle mir gefallen).

    Das wäre meine Bitte bzw. mein Vorschlag.

    Vielen Dank!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    Redaktion

    Liebe/r DK1987,

    vielen Dank für Ihr großes Interesse! Die Liste der Parfumeure, mit denen ich möglichst bald sprechen möchte, ist lang. Aber ich nehme Kilian Hennessey sehr gern auf. Was finden Sie besonders interessant an By Kilian?

  2. Redaktion

    Liebe/r DK1987,

    vielen Dank für Ihr großes Interesse! Die Liste der Parfumeure, mit denen ich möglichst bald sprechen möchte, ist lang. Aber ich nehme Kilian Hennessey sehr gern auf. Was finden Sie besonders interessant an By Kilian?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • DK1987
    • 22. Dezember 2012 11:50 Uhr

    Ich finde es sehr besonders, dass jeder Duft von By Kilian eine Geschichte hat (L´oeuvre Noire, Arabian Nights, Asian Tales und in the garden of good and evil, wobei ich L´oeuvre Noire am meisten mag und die anderen eher weniger).

    Jeder Duft von L´oeuvre Noire wurde von Gedichten und Liedern inspiriert. Soweit ich weiß, hat Hr. Hennessey "Back to Black" kreieren lassen, als er Back to Black von Amy Winehouse gehört hat.

    Back to Black ist sehr komplex im Vergleich zu anderen Honig- und Tabakdüften (Oft wird BtB mit Tobacco Vanille verglichen, wobei hc BtB viel komplexer und vielseitiger finde).

    Die meisten Düfte sind von der Meisterin Calice Becker kreiert worden und ich mag sie auch.

    Seine Düfte haben sehr schöne Namen wie z.B. Straight to Heaven (Mein absoluter Lieblingsduft, der nicht wie ein Parfüm riecht, sondern eher ein Aura ist) und A Taste of Heaven.

    Vor allem hat er das großartigste Service mit einer schönen Packung. Seine Flasche ist schwarz und verpackt mit einem edlen Box. Wer dafür nicht 175€ zahlen will, kann auch eine Nachfüllung kaufen, welche 75€ kostet (Was nicht wirklich teuer ist für eine Niche).
    Da weiß man, dass er in erster Linie loyale und treue Kunden erwerben will.

    Allerdings wäre es schön, dass meine Kritik, dass er heutzutage zu viele Düfte auf einmal auf den Markt rausbringt (Es wird zu "wannabe", prominent und selbst für ihn bzw. seine Perosn werden mehr Werbungen gemacht als für Düfte, in Ihrem Interview erwähnt oder gefragt wird.
    Danke.

  3. ... deswegen frag ich ja wo immer ich kann, ob nicht mal jemand fragen kann, wie solch ein Profil, wie es das Shiseido Marketing um Serge Lutens modelliert hat entsteht und gehalten wird, bis es woanders oft noch viel weniger als in diesem Artikel heute, einfach so geschluckt wird.

    Gibt es Zeitpläne, in denen eine schillernde Figur nach und nach aufgebaut ist? Spielen da Styleguides mit, die am "nicht von dieser Welt" Erscheinen der schillernden Figur mitgearbeitet haben? Werden Marktanalysen gemacht, welcher Großhändler wann die Marke in welche Kanäle bringen wird? Nombre Noir ist von 82 das stimmt. Aber "warum" ist es !!! und warum emittiert die Marke seit dem sie von einer sog. Nischenmarke in den Großhandel übergegangen ist 2-4 mal so viele Parfums als vorher?

    Wirtschaftsredakteure kümmern sich nicht darum. Kulturredakteure kümmern sich nicht darum. Und das find ich eben schade. Wenn es en vogue ist, über Parfum zu sprechen, warum dann nicht mal die eigene "Macht" nutzen als textschaffende/r Wissensverbreiter/in und ins Räderwerk "hinein" fragen?

    Ich weiß: Investigativer Journalismus ist out und heut den Bloggern und Verschwörungstheoretikern überlassen... Doch in einer Industrie wie der Parfumkunst sicherlich mal eine "Reise" wert.

    Also... Ich gug weiter täglich, ob mal etwas wirklich neues von hinter den Kulissen kommt.

    Auf bald
    Uwe

    Antwort auf "Createur vs. Parfumeur"
    • DK1987
    • 22. Dezember 2012 11:50 Uhr

    Ich finde es sehr besonders, dass jeder Duft von By Kilian eine Geschichte hat (L´oeuvre Noire, Arabian Nights, Asian Tales und in the garden of good and evil, wobei ich L´oeuvre Noire am meisten mag und die anderen eher weniger).

    Jeder Duft von L´oeuvre Noire wurde von Gedichten und Liedern inspiriert. Soweit ich weiß, hat Hr. Hennessey "Back to Black" kreieren lassen, als er Back to Black von Amy Winehouse gehört hat.

    Back to Black ist sehr komplex im Vergleich zu anderen Honig- und Tabakdüften (Oft wird BtB mit Tobacco Vanille verglichen, wobei hc BtB viel komplexer und vielseitiger finde).

    Die meisten Düfte sind von der Meisterin Calice Becker kreiert worden und ich mag sie auch.

    Seine Düfte haben sehr schöne Namen wie z.B. Straight to Heaven (Mein absoluter Lieblingsduft, der nicht wie ein Parfüm riecht, sondern eher ein Aura ist) und A Taste of Heaven.

    Vor allem hat er das großartigste Service mit einer schönen Packung. Seine Flasche ist schwarz und verpackt mit einem edlen Box. Wer dafür nicht 175€ zahlen will, kann auch eine Nachfüllung kaufen, welche 75€ kostet (Was nicht wirklich teuer ist für eine Niche).
    Da weiß man, dass er in erster Linie loyale und treue Kunden erwerben will.

    Allerdings wäre es schön, dass meine Kritik, dass er heutzutage zu viele Düfte auf einmal auf den Markt rausbringt (Es wird zu "wannabe", prominent und selbst für ihn bzw. seine Perosn werden mehr Werbungen gemacht als für Düfte, in Ihrem Interview erwähnt oder gefragt wird.
    Danke.

    Antwort auf "Kilian Hennessey"
  4. dior, chanel, YSL ... wird's freuen.

    vielleicht bleibt mann / frau dann doch etwas länger im laden und sagt nicht: "come in and find out", sondern...

    "come in and stay a long time" ,-)))

  5. Das flüssige Gold - Parfums und ihre Ingredienzen- die Weltgeschichte riecht auch die durch Jahrhunderte- was trug Kleopatra und co?? Tja Die Damen und Kavaliere der Welgeschichte veränderten auch ihre Gerüche und Parfums im Laufe der Zeit samt die Herstellung und Verpackung dieser...

    Amber, Sandelholz, Ylang Ylang, Moschus, Rosendürfte usw. vieles kostbarer als Gold in der Geschichte und auch wurden Parfums manchmal verwandt um unliebsame Gegenspielerinnen los zu werden, Alchemisten der Jahrhunderte - und daraus wurden manchmal die Parfümere der einzigartiges schufen.
    Auch die Herstellung des Parfums hat sich gewandelt, und wäre auch eine spannende Geschichte, die sich lohnte erzählt zu werden. ....

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  • Schlagworte Chanel | Dior | Duft | Gold | Kunst | Orient
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