WeihnachtenSPUG – die Gesellschaft zum Schutz vor unnützen Geschenken

Vor 100 Jahren kämpfte Eleanor Belmont in den USA dafür, Weihnachten vom übermäßigen Konsum zu befreien. Ihre Botschaft ist heute so aktuell wie damals. von 

Das war also die Bescherung. Die Geschenke sind ausgepackt, manche mit großer Freude. Andere werden in den kommenden Tagen bei Ebay verkauft. Hätte sich die SPUG-Bewegung durchgesetzt, die sich vor 100 Jahren in den USA formiert hat, hätte dieses Weihnachtsfest vielleicht mehr Menschen glücklich gemacht – mit weniger Geschenken.

Im November 1912 hielt der ehemalige Broadway-Star Eleanor Belmont, geborene Robson , in New York eine Rede, die das Leben von Arbeitnehmern "nicht nur in den Großstädten, sondern auch in den Städten und Weilern" der USA verändern sollte. Ihre Rede führte zur Gründung der Society for the Prevention of Useless Gift Giving , der Gesellschaft zum Schutz vor unnützen Geschenken – kurz SPUG. Belmont hatte es sich in den Kopf gesetzt, die Welt vom Konsumterror zu befreien.

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Dabei hätte sie mit ihrem Vermögen ganze Warenhäuser mitsamt dem Personal aufkaufen können. Eleanor Belmont war die Tochter einer Schauspielerin und eines Musikers, die von England in die USA ausgewandert waren. 1910 hatte sie ihre eigene, an Höhepunkten nicht gerade arme, Bühnenkarriere – George Bernard Shaw schrieb Major Barbara für sie – beendet und den Banker August Belmont geheiratet, einen der reichsten Männer der Welt. Das Leben als Ehefrau war ihr jedoch zu langweilig. Belmont, die auf Fotos immer etwas spöttisch in die Kamera sieht, schloss sich den Sufragetten Anne Morgan und Getrude Smith-Robinson an. Letztere waren New Yorker Socialites: reich geboren, echte Hingucker. Morgan, deren Vater der Großbank JPMorgan Chase das Morgan beisteuerte, war eine Erbin ohne Mann und andere Verpflichtungen. Auch Smith-Robinson hatte sich gegen die Ehe entschieden. Stattdessen investierten die beiden Zeit und Liebe in diverse Wohltätigkeitsvereine, darunter den 1911 von ihnen gegründeten Vacation Savings Fund , eine Art Müttergenesungswerk für arbeitende Frauen.

Der Fund richtete sich an die zahllosen Angestellten in Fabriken, Boutiquen und Haushalten, die oft noch im Kindesalter waren und die, wie die New York Times im April 1913 schrieb, "einem Zusammenbruch nahe waren und Ruhe benötigten". Die Frauen zahlten einen kleinen monatlichen Beitrag, der Fund sicherte ihnen dafür Unterkunft in ausgewählten Erholungsheimen außerhalb New Yorks zu. Dort konnten sie auch ohne männliche Begleitung ein paar Tage Urlaub machen – damals eine außergewöhnliche Maßnahme. Für viele der Frauen war die Reise ins Umland die erste überhaupt.

Eleanor Robson Belmont im Jahr 1905

Eleanor Robson Belmont im Jahr 1905  |  © Wikimedia

In nur zwei Jahren wuchs die Zahl der beteiligten Frauen von 43 auf mehr als 10.000. Um die Teilnahme am Sparprogramm zu erleichtern, richtete der Fund in der ganzen Stadt Kassenstellen ein. Den Frauen war es erlaubt, Geld abzuheben, doch die Einlagen wuchsen beständig – außer in der Vorweihnachtszeit. Das Komitee des Funds leitete eine Untersuchung ein. Das Ergebnis: Die Frauen benötigten das Geld, weil sie sich zum Kauf von Weihnachtsgeschenken verpflichtet fühlten – für ihre Vorgesetzten. Bis zu zwei Wochengehälter gab eine Arbeitnehmerin üblicherweise für das Weihnachtsgeschenk für ihren Chef oder ihre Chefin aus, unabhängig davon, wie das persönliche Verhältnis war. Die Frauen, die für sich selbst und oft auch ihre Familien aufkommen mussten, bekamen im Gegenzug weder Urlaubstage noch Weihnachtsgeld. Üblich war eine Flasche günstiges Parfum. Die Unternehmer förderten den Brauch noch, indem sie die Frauen zu immer größeren Einkäufen ermunterten: Wer etwas aus dem Sortiment des eigenen Arbeitgebers kaufte, konnte den Gegenwert mit zusätzlichen Tagen abarbeiten oder erhielt Prozente.

Eleanor Belmont, die anders als ihre Mitstreiterinnen Morgan und Smith-Robinson aus einfachen Verhältnissen stammte, erschien dies ein unhaltbarer Zustand. Beim nächsten Treffen des Vacation Savings Funds forderte sie die Frauen auf, mit dem übermäßigen Schenken ein Ende zu machen . "Gebt, ohne dafür etwas zurückzuerwarten. Macht Euch mehr Gedanken über das, was Ihr schenkt. Schenkt mehr von Euch. Kümmert Euch um Eure Nachbarn und lasst daraus einen Weihnachtsbrauch werden. Und wenn Ihr von nützlichen Geschenken sprecht, denkt daran, dass diese auch immaterieller Natur sein können. Hilfe ist ein sehr nützliches Geschenk."

Ihre Zuhörerinnen reagierten begeistert. Doch nur 50 unterschrieben sofort. Jeweils vier von ihnen schlossen sich zu einer SPUG-Squad, einer Einheit zusammen. Mit Plakaten mit der Aufschrift "Sind Sie ein SPUG?" machten die Frauen auf ihre Mission aufmerksam. Einen Monat später zählte die New York Times schon mehr als 2.000 Frauen und einige Männer beim SPUG-Treffen . "Ich habe schon einiges in meinem Leben losgetreten", wird Mary Donelly, eine der Vereinsvorsitzenden, zitiert, "und jedes Mal ist es mir gelungen, auch Männer für meine Sache einzuspannen". Tatsächlich soll Theodore Roosevelt einer der bekanntesten männlichen Unterstützer der Bewegung gewesen sein.

Leserkommentare
    • bepeace
    • 25. Dezember 2012 13:16 Uhr

    wunderbarer Artikel und vielen Dank dafür.
    Gab es tatsächlich nichts entsprechendes in Europa?

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    im Zuge der fortschreitenden Amerikanisierung des europäischen Kontinents...

  1. im Zuge der fortschreitenden Amerikanisierung des europäischen Kontinents...

    Antwort auf "nur in Amerika?"
  2. Nett - aber wer will sich denn wirklich "dafür einsetzen, dass unsere Weihnachtszeit wieder zu dem wird, was sie einst war: Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen."

    Unsere Wirtschaft lebt von diesem Fest, es wird bei Atheisten genauso gefeiert wie inzwischen bei türkischen Familien und einfach als Fest gesehen - seine christlichen Wurzeln sind zudem ohnehin fragwürdig. Friede und Wohlgefallen liegen inzwischen in den Händen der Regierenden, die nur in unseren Breiten frei gewählt sind und sind nicht an Weihnachten gekoppelt.

    Es ist auch fragwürdig, die Verbraucher zu weniger Konsum aufzufordern, wenn gleichzeitig über ein maues Weihnachtsgeschäft geklagt wird.

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    Ich finde die christlichen Wurzeln des Weihnachtsfestes (Weihnacht, definiere ich als "geweihte Nacht" sprich: Heilige Nacht, Heiliger Abend) keineswegs fragwürdig.

    Als Atheist, der ich nicht bin, bliebe mir aber auch nichts anderes übrig als das Fest als grandioses Wirtschaftsfest zu feiern, nein, ich würde nur mitmachen - mitlaufen - mitschwimmen, aber nicht feiern.

    Die Wurzeln des "heiligen Wirtschaftsfestes" (fragen sie den CocaCola Weihnachtsmann) halte ich dagegen für überaus fragwürdig.

  3. Ich finde die christlichen Wurzeln des Weihnachtsfestes (Weihnacht, definiere ich als "geweihte Nacht" sprich: Heilige Nacht, Heiliger Abend) keineswegs fragwürdig.

    Als Atheist, der ich nicht bin, bliebe mir aber auch nichts anderes übrig als das Fest als grandioses Wirtschaftsfest zu feiern, nein, ich würde nur mitmachen - mitlaufen - mitschwimmen, aber nicht feiern.

    Die Wurzeln des "heiligen Wirtschaftsfestes" (fragen sie den CocaCola Weihnachtsmann) halte ich dagegen für überaus fragwürdig.

    Antwort auf "Rückwärtsgewandt"
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    Wieso bliebe ihnen als Atheist nichts anderes übrig, als den Konsum zu feiern?
    Schon mal recherchiert, dass seit tausenden von Jahren zu dieser Zeit (Wintersonnwende) gefeiert wird? Nun hat seit in paar hundert Jahren eben mal die Kirche dieses Fest für sich entdeckt und solange herumgerechnet, dass Jesus Geburt auf diese Zeit fällt. Ich bin mir sicher, in etlichen hundert oder tausend Jahren feiern die Menschen immer noch zu dieser Zeit, aber wahrscheinlich aus anderen Gründen.

    Schade, dass Atheisten von Gläubigen oft unterstellt wird, deren Leben sei irgendwie ärmer etc.
    Wir haben jedenfalls Spaß an Weihnachten - ohne Kommerz und ohne Glauben. Einfach die Zeit geniessen!

  4. 5. .....

    Wieso bliebe ihnen als Atheist nichts anderes übrig, als den Konsum zu feiern?
    Schon mal recherchiert, dass seit tausenden von Jahren zu dieser Zeit (Wintersonnwende) gefeiert wird? Nun hat seit in paar hundert Jahren eben mal die Kirche dieses Fest für sich entdeckt und solange herumgerechnet, dass Jesus Geburt auf diese Zeit fällt. Ich bin mir sicher, in etlichen hundert oder tausend Jahren feiern die Menschen immer noch zu dieser Zeit, aber wahrscheinlich aus anderen Gründen.

    Schade, dass Atheisten von Gläubigen oft unterstellt wird, deren Leben sei irgendwie ärmer etc.
    Wir haben jedenfalls Spaß an Weihnachten - ohne Kommerz und ohne Glauben. Einfach die Zeit geniessen!

    Antwort auf "Wurzeln"
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    "Nun hat seit in paar hundert Jahren eben mal die Kirche dieses Fest für sich entdeckt und solange herumgerechnet, dass Jesus Geburt auf diese Zeit fällt."

    Können Sie das irgendwie belegen?

  5. 6. Hä???

    "Nun hat seit in paar hundert Jahren eben mal die Kirche dieses Fest für sich entdeckt und solange herumgerechnet, dass Jesus Geburt auf diese Zeit fällt."

    Können Sie das irgendwie belegen?

    Antwort auf "....."
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    was wollen sie belegt haben? die Berechnung auf den 24./25. Dezember oder dass die Kirche das Fest für sich entdeckt hat?

    Zu beidem finden sich u.a. auf Wikipedia unter dem Stichwort "Weihnachten" die Antworten.

    Dass das Wintersonnwendfest seit Urzeiten von der Menscheit gefeiert wird, sollte aber hinlänglich bekannt sein ...?
    Der Gebursttag Christi ist nicht bekannt und wurde irgendwann quasi festgelegt.
    Der Tannenbaum ist ebenso wenig ein christliches Alleinstellungsmerkmal ...

  6. was wollen sie belegt haben? die Berechnung auf den 24./25. Dezember oder dass die Kirche das Fest für sich entdeckt hat?

    Zu beidem finden sich u.a. auf Wikipedia unter dem Stichwort "Weihnachten" die Antworten.

    Dass das Wintersonnwendfest seit Urzeiten von der Menscheit gefeiert wird, sollte aber hinlänglich bekannt sein ...?
    Der Gebursttag Christi ist nicht bekannt und wurde irgendwann quasi festgelegt.
    Der Tannenbaum ist ebenso wenig ein christliches Alleinstellungsmerkmal ...

    Antwort auf "Hä???"
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    • Marobod
    • 25. Dezember 2012 17:15 Uhr

    findet frueher statt als Weihnachten. Man hat also lediglich einen aehnlichen Zeitraum gewaehlt ohne das tatsaechliche Datum zu nutzen.

    Ich persoenlich nehme den Zeitraum um Weihnachten als Anlaß fuer ein Familienfest wahr und feiere eher die Sonnenwende ,ebenso im Sommer zur Sonnenwende.Schenken tut sich meine Familie gluecklicherweise nur dann wenn sie es fuer angebracht haelt.

    sind eher fast 1700 Jahre, es war ein römischer Kaiser, ein Heide der Christ wurde, der begann den 25. Dezember zu feiern, als Ablöse des Mithras Kults... was auch immer, das weicht weit vom Thema ab. Ich stelle nur fest daß es auf Grund des Glaubens mir nicht möglich scheint mich auf eine Atheistische Sichtweise einzulassen, muss ich aber auch nicht.
    Wenn sie die Tage für Zeit mit Ihrer Familie nutzen und ohne großen Konsum dann freut mich das für sie. Und damit wären wir wieder beim Thema

    • oannes
    • 25. Dezember 2012 16:19 Uhr

    Kommt leider zu spät.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Ebay | George Bernard Shaw | Theodore Roosevelt | USA | England | Weihnachten
  • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

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