SexismusIm Knigge-Wahn

Ok, wenn er mir die Tür aufhält? Oder die Rechnung lieber selbst bezahlen? Die nötige Debatte über sexistische Übergriffe ist zur Suche nach verbindlichen Regeln geworden. von 

Ein Aufschrei ging durch Deutschland. Was wir hören, ist sein Echo. Von allen Seiten schallt es, mehrstimmig, verzerrt, ohrenbetäubend. "Das Ende von Brüderle", brüllen die einen, "Das Ende des weißen Mannes", deklarieren die anderen, "Brüste werden zum Handicap", schreibt die Zeitung und die Talkshows der Nation suchen händeringend nach jungen Frauen oder irgendwem, der auch noch seinen Senf abgeben könnte zum Thema aller Themen, von dem niemand mehr so ganz weiß, welches es eigentlich ist.

Gesichert scheint bislang überhaupt nur das, was wir auch schon vorher wussten. Die Basics, die hier ein gesellschaftliches Update erfahren haben, lauten: Die Sprüche von schmierigen alten Männern sind schmierig. Man sollte sie nicht hören müssen. Man sollte mit den Augen rollen und gehen, man sollte sich wehren, wenn sie einem zu viel werden. Man sollte generell versuchen, Grenzen zu wahren, man sollte professionell miteinander umgehen. Man sollte immer an sein Gegenüber denken, man sollte nichts sagen, mit dem man einander verletzen könnte, man sollte die Würde des anderen, als Mensch, als Frau wie als Mann, nicht beleidigen.

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Man sollte, man sollte nicht, man sollte – dies ist der Duktus eines von Grund auf begrüßenswerten kommunikativen Prozesses, in dem gesellschaftliche Codes immer wieder ausgehandelt und bestätigt werden, in der Grenzverletzungen und deren Akteure markiert und bestraft werden. Das Ausstellen und Erinnern von Dos and Don'ts sind Zeichen einer gesunden demokratischen Debattenkultur. Sie sichern das offene Klima in einem Land, in dem sich Opfer von Diskriminierung und sexuellen Übergriffen nicht fragen müssen, ob sie gehört werden, sondern wissen, dass eine Gesellschaft hinter ihnen steht.

Allein: Darum geht es schon lange nicht mehr. Was wir nun hören und nicht mehr hören können, ist keine Erinnerung an das "Man sollte", sondern ein penetrantes Stimmengewirr von "Also, ich finde, man darf nicht". Was via Twitter, Talkshow, Timeline und Zeitungsumfragen entsteht, ist vielmehr ein Endlos-Katalog dessen, was jede und jeder Einzelne meint, an individuellen Meinungen über die Grenzen angemessener Kommunikation ausflaggen zu müssen. Es ist zwar anstrengend zuzuhören, aber auch das wäre noch in Ordnung. Was aber das eigentlich Absurde an der Ansammlung von Einzelmeinungen über persönliche Grenzen ist, liegt genau in einem Wort: persönlich. Allgemeinheit generiert man nicht, indem jede und jeder erzählt, wann es ihr oder ihm zu viel, zu heikel, zu privat wird und wann nicht.

Grenzverschieber auf beiden Seiten

Hier wird die Ebene objektiv einseitiger Übergriffe und hierarchiegetriebenen Machotums verlassen und das Gebiet des Geschlechterspiels betreten. Und dort wird es nun einmal neblig. "Finde es wunderbar, wenn ein Mann mir in den Mantel hilft oder die Türe aufhält, etc. Diese Nettigkeit empfinde ich nicht als sexistisch", twittert die eine junge Frau. Eine andere interpretiert dieses Verhalten als sexistisch, eine dritte möchte vielleicht die Tür aufgehalten sehen, aber die Rechnung für alkoholische Getränke doch lieber selber bezahlen. Der Knigge-Wahn, das pedantische Ausklabustern von Behaviourismen, das aus der Debatte um den Sexismus geworden ist, führt nicht zu einem bewussteren, respektvolleren Umgang miteinander, sondern ins Nichts. Denn ein Kodex, wie er denjenigen vorschwebt, die nun über einzelne Verhaltensweisen twittern, ignoriert nicht nur, dass es mitunter auch Frauen gibt, die es manchmal ganz angenehm finden, weiblich, jung und hübsch zu sein, und dieses auch einzusetzen wissen. Die Grenzverschieber sind schließlich auf beiden Seiten der Geschlechtergrenzen aktiv.

Was hinter der aufgebrachten Suche nach Regelwerken eigentlich steckt, geht noch einen Schritt weiter als die Verfestigung der Rollenklischees Mann/Aggressor – Frau/Opfer. Im Jahr 2012 ist ein Buch unter dem Titel Erotisches Kapital: Das Geheimnis erfolgreicher Menschen erschienen, das dazu aufrief, den eigenen Sex-Appeal für das berufliche Fortkommen einzusetzen. Der Aufschrei der Kritiker war keiner, der nur die Tatsache verteufelte, dass hier mit Catherine Hakim eine gestandene Wissenschaftlerin von der London School of Economics Frauen riet, ihre Reize einzusetzen. Der Tabubruch schien bereits in der alleinigen Tatsache ausgemacht, festzustellen, dass auch die Arbeitswelt nicht frei ist von Erotischem, dass man es hier also mit einer irrationalen, quasi archaischen Kraft zu tun hat, die immer wirkt, egal, ob sie während eines Interviews, eines Bewerbungsgespräches, einer Konferenz durch professionelles Verhalten ausgeblendet oder bei einem semiprivaten Absacker unter Kollegen voll ausgespielt wird.

"Wenn wir Sex schon nicht ausmerzen können, setzen wir ihn doch ein", riet dieses Buch – ein zweifelhafter Appell. Doch das Sujet trifft den Kern dessen, was hinter dem Wunsch steht, den Brüderle-Skandal in genau definierte, kontextungebundene Kodizes zu übersetzen: Die Utopie der Geschlechtslosigkeit. Diese ist ebenso unerreicht und unerreichbar wie das Abschaffen von dem – per se ungerechten – Spiel aus Sympathie und Antipathie, Gekränktheiten und Allianzen, die es in jeder Institution, in jedem Arbeitsfeld gibt, immer gab und immer geben wird. Solange Menschen Menschen begegnen und Frauen Männern, gibt es keinen neutralen Boden. Sie spüren nun einmal gleiche Wellenlängen, kommen wegen einander lieber zur Arbeit, schauen einander hinterher oder in die Augen. Ändern kann man das nicht. Auch das gehört zu den Basics.

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Leserkommentare
  1. In dieser Debatte geht es nicht um Kind oder Karriere, sondern um den generellen Umgang der verschiedenen Geschlechter, untereinander und miteinander. Abstrakt sind die Umgangsregeln einem jeden bekannt, der Anspruch niemandem Schaden zuzufügen sei es mit Taten, als auch mit Worten. Aber den auf alle alltäglichen Situationen zu übersetzen ist wie im Artikel wunderbar dargelegt, Sache des Subjekts und so aus der Natur heraus persönlich, nicht allgemein gültig und kann dadurch auch dem Anspruch manchmal nicht gerecht werden.

    Kind oder Karriere sind ein anderes Paar Schuhe und selbst das ist nicht so schwarz weiss wie man es vielleicht gerne hätte. Es gibt immer mehr Männer die in Karenz gehen, nur soviel dazu.

    Antwort auf "Kind oder Karriere?"
  2. die dies übernehmen.
    Das, was hier abläuft, erinnert mich genau daran: Weibliches Naturell drückt Knopf: "Gefühl, Zärtlichkeit, Entgegenkommen" gewünscht - und der Mannroboter darf aktiv werden.
    Gottseidank lebe ich seit jetzt 40 Jahren mit ein und derselben Frau zusammen - aber ohne dass ich erst nachgucken muss, welches Lämpchen leuchtet. Rot oder Grün. Man findet sich einfach und geht gemeinsam, man findet seinen gemeinsamen Weg jeden Tag neu. Schön altmodisch.
    Nicht mit einer "Dies ist mein Weg, dies ist mein Recht" -Maschine. Die ausblendet, dass hier zwei Wege zusammengeführt werden müssen und nicht aufeinander prallen. Das BEIDE sich eingeben müssen.
    Leider gibt es dafür kein allgemein funktionierendes Lehrfach an der Uni, keine Lektüre, die allgemeingültig zeigt, wie es geht.
    Man muss nur bereit sein, mit zu gehen - nicht, zu gehen, ohne mit.

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Kind oder Karriere?"
  3. Danke Frau Pauer. Mir wäre es ganz recht, würde mit ihrem Artikel ein Schlusspunkt unter diese nervige Debatte gesetzt. Wir brauchen keine neuen Regeln, denn die machen den Umgang nicht besser, sondern allenfalls umständlich und kompliziert. Eine genügt nämlich völlig und die ist allemein bekannt, weil auch schon mindestens 2000 Jahre alt: "Behandle deine Mitmenschen so wie du auch selbst behandlet werden möchtest".
    Doch gibt es anscheinend immer noch genug, die meinen, die Welt dreht sich nur um sie selbst.

    Eine Leserempfehlung
    • Laoyafo
    • 30. Januar 2013 14:01 Uhr

    Hilft uns das minutiöse Befolgen von Besteckregeln weiter? Vielleicht ist es gar nicht zielführend zu definieren, was genau man macht, um pc zu sein, und was dagegen eine sexistische Handlung sein soll. Das ist umso schwieriger, als sich die Verhältnisse im Schlafzimmer wieder umkehren können, je nach Neigung der Beteiligten.
    Meine Idee: Macht einfach klar, was ihr wollt und was ihr nicht wollt. Tür aufhalten ist doch geschlechtsneutral, man knallt sie nicht dem Hintermann oder der Hinterfrau ins Gesicht.
    Hingegen ist es gut zu wissen, dass nach Knigge ein Mann der Frau dann nicht den Vortritt lässt, wenn man unbekanntes Gebiet betritt! Das beruht auf folgender Tradition: Wenn sich nämlich zeigt, dass es sich um ein falsch eingeschätztes Lokal handelt, kann er ohne Gesichtsverlust die Umkehr nahlegen, ohne dass sie drin war. Vielleicht wissen Damen das auch heute zu schätzen.

    Es ist also nicht so schlecht, wenn man auch weiß, welchen Umständen eine Regel entstammt.

    Haben Sie den Knigge eigentlich mal gelesen? Das ist eine Anleitung zur Zwischenmenschlichkeit. Es geht darum, wie man mit Höhergestellten und mit Untergebenen umgeht und weiter mit allen möglichen Konstellationen. Wie man sein Besteck hält, habe ich da eher nicht drin gefunden.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • deDude
    • 30. Januar 2013 17:06 Uhr

    ... ich brauch keinen Knigge, Höflichkeit und anständiges Verhalten muss ich nicht in einem Ratgeber nachlesen, sowas sollte man eigentlich innerhalb der Erziehung und im Kontakt mit anderen Menschen lernen und ob Sie und ich unseren kleinen Finger beim Sekt trinken abspreizen oder nicht wird unsere Gesellschaft wohl eher nicht in den Abgrund stürzen ;-)

    • Laoyafo
    • 30. Januar 2013 17:51 Uhr

    dass ich genau das gesagt habe?

  4. "Kind oder Karriere? Müssen sich Männer diese Frage stellen?"

    Als alleinerziehender Vater im Middle-Management möchte ich Ihenen antworten: Nein, weder Frauen noch Männer müssen sich diese Frage stellen.

    5 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Kind oder Karriere?"
  5. wenn sie ebenfalls ein pubertierendes Aufmerksamkeitsdefizit hätte.

    2 Leserempfehlungen
    • ngw16
    • 30. Januar 2013 14:04 Uhr

    Nach den Tagen dieser "Diskussion" stelle ich fest, dass der Begriff "Sexismus" in völlig entgrenzter Form für alles verwendet wird, was irgendwie mit Sexualität zu tun hat.

    Jeder versteht offenbar etwas anderes darunter.

    Und deshalb war die erbitterte Auseinandersetzung auch so unlösbar.

    Nicht jeder Blick oder Wortwahl ist sexistisch.
    Nicht jedes Handeln mit sexueller Konnotation ist sexistisch.
    Nur, eine Frau empfindet es so, eine andere aber überhaupt nicht.
    Hellsehen ist aber eine selten anzutreffende Fähigkeit.

    Zweifellos gibt es Handeln, welches klar als Sexismus zählt.
    Derartiges Handeln ist abzulehnen, und auch juristisch zu verfolgen, wenn es bereits als Straftat gelten muss.

    7 Leserempfehlungen
    • gorgo
    • 30. Januar 2013 14:05 Uhr
    80. [...]

    Entfernt. Bitte äußern Sie sich sachlich zum konkreten Artikelinhalt. Danke. Die Redaktion/kvk

    Eine Leserempfehlung
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Bewerbungsgespräch | Diskriminierung | Talkshow | Sexismus
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