FastenzeitEinatmen. Ausatmen. Einatmen. Ausatmen.
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Was können wir weglassen?

Im Fasten reduziert sich der Mensch auf seine notwendigsten Funktionen. Er atmet bis in die letzte Bronchie. Er fühlt sein Herz, wie es schlägt. Er hört das Blut, wie es durchs Hirn rauscht. Wenn er Pech hat wie ich, dann bekommt er Kopfschmerzen. Einen Tag später waren sie wieder weg. Der Körper fährt herunter wie eine Maschine, die gewartet werden muss. Das Yoga setzt den Stoffwechsel auch ohne Koffein in Gang, bringt die Organe dazu, auch ohne  Energiezufuhr von außen zu arbeiten. Wasser und Tee spülen die Versorgungsleitungen so gründlich durch, dass man nachts drei, vier Mal auf Klo gehen muss. Die Einläufe besorgen den Rest. Die Gifte gehen, ein weiches, seltsames, unfassbares Glück kommt. Der Kursleiter sagt, wir sollen uns nicht fragen: Was wollen wir? Wir sollen uns fragen: Was können wir weglassen?

Ich würde lieber nicht übers Essen sprechen

Manche, die hier dabei sind, fasten jedes Jahr. Einige schon zum achten Mal, zum vierzehnten Mal. Sie versprechen mir, dem Novizen, am dritten Tag werde sich eine ungeahnte Euphorie einstellen. Bis es soweit ist, sprechen alle vom Essen und beteuern doch, sie hätten keinen Hunger. Einer sagt, am liebsten isst er Kartoffeln. Eine andere sagt, sie liebe Rouladen. Ich sage, ich würde lieber nicht übers Essen sprechen. Aber es scheint der kleinste gemeinsame Nenner in der Gruppe zu sein, sich auszutauschen über das, was man sich versagt.

Am dritten Tag ist tatsächlich etwas anders. Ich würde es nicht Euphorie nennen. Aber die Entschleunigung hat etwas ungeheuer Beglückendes. Ich gehe langsamer, fast andächtig. Ich genieße jeden Schritt, so wacklig er auch sein mag. Die leichte Übersäuerung, die die tägliche, ungewohnte Bewegung verursacht, und die beinahe schon betörende Schwäche, die vom Fasten kommt, sind eine harmonische Verbindung eingegangen. Der Muskelkater zieht sich wohlig von den Waden bis hinauf in die Schultern, die sich noch fragen, welcher Schwachkopf sie nach Jahrzehnten bildschirmarbeitsbedingter Vernachlässigung aus ihrem Tiefschlaf zu wecken versucht. Wenn ich einatme, tief hinein in beide Lungenflügel, habe ich das Gefühl, einen Brustpanzer aus erstarrten Muskeln zu durchstoßen. Auf einem der Spaziergänge klettere ich auf einen Hochsitz und sitze dort, wie lange weiß ich nicht, und denke: nichts.

Bin ich jetzt ein Esoteriker? Tatsächlich ist seit dem zweiten Tag jener leichte, aber chronische Schnupfen verschwunden, den ich seit Jahren pflege. Zwei weitere Tage später scheint plötzlich auch jene Hautirritation geheilt, die niemals auf Salben reagieren wollte. Man könnte ins Grübeln kommen. Am fünften Tag bin ich endgültig davon überzeugt, dass man sich unter professioneller Anleitung zu Tode fasten kann, ohne einmal zu hungern. Am sechsten Tag erinnert mich mein Körper daran, dass das Leben noch Überraschungen bereit hält, die ich lieber nicht verpassen will.

Am siebten Tag, nach dem morgendlichen Yoga, nach ein paar Tassen Tee, brechen wir das Fasten. Das Stückchen Äpfel ist ein wenig zu mehlig, die halbe Kiwi erstaunlich sauer, die Birnenspalte unglaublich aromatisch. Ich bin satt.

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Leserkommentare
    • Erkos
    • 21. Februar 2013 13:35 Uhr

    Fasten ist (wenn es nicht medizinische Gründe dagegen gibt) zu empfehlen. Schade nur, dass dieses gute Prinzip immer wieder durch falsche Fakten in Mißkredit gebracht wird. Auch wenn es im Artikel nur einmal kurz vorkommt: "Gift" verschwindet beim Fasten nicht aus dem Körper. Es sei denn, jemand erklärt mir, von welchem Stoff denn da die Rede ist.
    Unverständlich fand ich auch den Begriff der "leichten Übersäuerung". Ich nehme doch mal an, es geht um Laktatbildung im Muskel. Die hat dann aber nichts mit Muskelkater zu tun. Das ist ein alter Hut.
    Trotzdem: Fasten ist gesund!

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    • W4YN3
    • 21. Februar 2013 13:36 Uhr

    Ja, Fasten habe ich auch schon einmal gemacht und es ist tatsächlich erstaunlich, dass man nur anfangs so starken Hunger hat, am Ende aber fast gar keinen Hunger.

    Ein Tag Ramadan hat mich aber gelehrt: nichts zu trinken tagsüber ist eine Qual, Respekt vor jedem, der das einen Monat durchhält!

    "welcher Schwachkopf sie nach Jahrzehnten bildschirmarbeitsbedingter Vernachlässigung aus ihrem Tiefschlaf zu wecken versucht" -> köstlich ;)

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    Letztes Jahr im Sommer hatten wir bei 35 Grad Fußballtraining und haben nur Laufeinheiten gemacht - die Hölle. Es waren auch einige Muslime darunter, die gerade in der Zeit nichts trinken durften. Die sahen danach aus wie durchgekaut und ausgespuckt. Aber sie haben durchgehalten - Respekt.

    Dennoch müssen das seltsame Götter sein, die so etwas von ihren Jüngern verlangen.

    Dafür, sich etwas so eindeutig gesundheitsgefährdendes anzutun? Sorry, diese Art zu Fasten halte ich für grundfalsch, sie ist mit Sicherheit ungesund, nicht trinken gefährdet den Körper sehr schnell, mit Neigung zu Nierensteinen können Sie sich ein paar Monate nach Ramadan schon mal auf die Koliken freuen.

    Und dann nach Sonnenuntergang fressen wie ein Scheunendrescher - auch bestimmt ultragesund. Wenn es diesen Gott wirklich gibt, ist er ein Sadist.

    • volumen
    • 21. Februar 2013 13:44 Uhr

    ...ich möchte Ihre, anscheinend rhetorisch gemeinte Frage gerne beantworten: ja!
    Ich halte Fasten durchaus für eine gute Sache. Aber die oft genannte Vorstellung (s. Post 1), man würde Gifte aus dem Körper entfernen, gerne auch entschlacken, entspricht einem nicht ganz zeitgemässen Bild von der Funktionsweise des Körpers.
    Warum aber 7 Tage im Jahr Fasten, warum nicht seine Ernährung überdenken und entrümpeln, sich mehr bewegen... kurzum das ganze Jahr vernünftig sein?

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    Weil der Mensch nunmal nicht aus Vernunft besteht und nicht nur diszipliniert leben kann. Da ist doch besser, wenigstens einmal im Jahr zu fasten und ein paar Wochen einen gewissen Effekt verspüren als gar nicht,oder ? :)

  1. Ist Ihnen noch zu helfen? Anstatt einmal im Jahr Ihr Leben völlig auf den Kopf zu stellen, sollten Sie sich lieber fragen, ob Sie nicht besser damit fahren, Ihren Alltag dauerhaft gesünder zu gestalten. Das bedarf dann auch keiner etlichen hundert Euro für ein solch seltsames Seminar, das einen synkretistischen Cocktail von allen möglichen Heilsversprechungen (Yoga, Kloster, etc.) verheißt.
    Gehen Sie lieber öfter mal so spazieren, schlafen Sie genug und nehmen Sie sich Zeit für Ihre Hobbies.
    Dann müssen Sie sich auch keinen Einlauf verpassen und andere Leute mit Ihren Exkrementen behelligen.

    6 Leserempfehlungen
  2. Wer es denn haben muss, "fasten" unter Anleitung und für ein wenig Geld. Aber eine Woche mag fürs erste Mal ganz nett sein, normalerweise wird es nach der ersten Woche erst interessant. Und fasten kann man ganz normal, ohne Esoklamuak, einfach aufhören zu essen, viel trinken, alle 2-3 Tage den Darm reinigen und wer mag, kann ganz normal arbeiten gehen. ( Und erstaunt sein, wie wenig man dabei ermüdet)

    Fasten an sich hat nichts geheimnisvolles oder merküwrdiges und passt in diese Jahreszeit gut hinein. Und ja, man kann sogar fasten, wenn man sich bewegt, normal ernährt und auch sonst nicht auf den Kopf gefallen ist. Und das Leben wird NICHT auf den Kopf gestellt, nur der Stoffwechsel ruft ein sehr sehr altes Überlebensprogramm auf und tut einfach gut.

    3 Leserempfehlungen
  3. Weil der Mensch nunmal nicht aus Vernunft besteht und nicht nur diszipliniert leben kann. Da ist doch besser, wenigstens einmal im Jahr zu fasten und ein paar Wochen einen gewissen Effekt verspüren als gar nicht,oder ? :)

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    • volumen
    • 21. Februar 2013 14:35 Uhr

    ach ja, ich bin vielleicht etwas streng gewesen. Wer ist schon das ganze Jahr vernünftig. Ich jedenfalls nicht. Also lieber eine Woche Vernunft als gar keine. Gerne !

    Ich habe allerdings die Erfahrung gemacht, dass die mir bekannten Menschen, die gelegentlich fasten, dies wie einen medizinischen Ablasshandel handhaben und mich dann auch noch mit schwungvollen Reden über ihre holistische Glanztat behelligen.

  4. die paar Hundert EUR kann man besser ausgeben.
    Laufen sie mal morgens vor dem Frühstück 2-3 Stunden ganz ruhig. Trinken sie ein wenig Wasser dabei. Das alle 2-3 Wochen hat man ungefähr das gleiche Erlebnis (ohne Mönch und Kloster allerdings). Der Hunger ist auch erst einmal weg.
    Sie können auch Einlaufen. Das ist besser als Einläufe, garantiert. Und immer Klopapier mitnehmen! Sie kennen das ja

    • volumen
    • 21. Februar 2013 14:35 Uhr

    ach ja, ich bin vielleicht etwas streng gewesen. Wer ist schon das ganze Jahr vernünftig. Ich jedenfalls nicht. Also lieber eine Woche Vernunft als gar keine. Gerne !

    Ich habe allerdings die Erfahrung gemacht, dass die mir bekannten Menschen, die gelegentlich fasten, dies wie einen medizinischen Ablasshandel handhaben und mich dann auch noch mit schwungvollen Reden über ihre holistische Glanztat behelligen.

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    Antwort auf "@volumen"
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    - die sich für ihre gesunde Ernährung loben, wenn ein Salatblatt im Burger liegt.

    Eigentlich ist es doch hier wieder wie mit allem anderen: die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Essen | Fastenzeit | Koffein | Körper | Yoga
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