FastenzeitEinatmen. Ausatmen. Einatmen. Ausatmen.

Atem statt Mahlzeiten, Yoga statt Kaffee. Wie ist das, eine Woche lang nichts essen zu dürfen? Nicht essen zu müssen? Unser Autor Thomas Winkler hat es ausprobiert. von 

© Rupak De Chowdhuri/Reuters

Sechs Tage lang nur Kräutertee, sechs Tage lang mindestens einen Einlauf täglich, sechs Tage lang keine einzige noch so klitzekleine Kalorie – und dann so was. Die große Überraschung war vielleicht vier Zentimeter lang, ziemlich braun, von fester Konsistenz und rutschte ohne Vorwarnung einfach so in die Kloschüssel. Es ist erstaunlich, wie renitent Exkremente sein können.

Sie finden das eklig? Ich kann Ihnen sagen: ich auch. Bis vor Kurzem jedenfalls. Dann fuhren ich und ein Dutzend mir bis dahin unbekannte Menschen in ein ehemaliges Kloster. Wir blieben eine Woche und bezahlten ein paar Hundert Euro dafür, nichts essen zu dürfen. Am Ende der Woche dachte ich: nichts essen zu müssen.

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Im Preis inbegriffen waren: Mineralwasser, so viel man wollte. Mehr Kräutertee, als man wollen können kann. Ausgiebige Spaziergänge durch die liebliche thüringische Landschaft. Die Anleitung und ärztliche Aufsicht eines Heilpraktikers. Eine tägliche Runde, in der wir uns über unser aktuelles Befinden unter besonderer Berücksichtigung der persönlichen Verdauungsleistungen in Kenntnis setzen. Und, nicht zuletzt: morgens und abends jeweils eine Stunde Yoga.

Pausen sind wichtig

Denn Hippokrates, auf den Ärzte ihren Eid schwören, hat schon vor zweieinhalbtausend Jahren nicht nur das Fasten empfohlen, um "ein kleines Weh" zu heilen. Als Ergänzung befürwortete er tägliche "Körperübungen". Also finden wir uns, noch bevor sich die Wintersonne durch den Morgennebel gekämpft hat, auf unseren Matten ein. Wir lassen Kopf und Schultern gen Boden sinken. Wir heben die Arme zum Himmel. Wir verknoten die Beine. Wir verdrehen die Wirbelsäule. Und: Wir atmen. Tief ein. Tief aus. Langsam und fließend. Bis nur noch der Atem zu hören ist. Bis man identisch ist mit sich und dem Überlebenswichtigsten, das der Körper sonst einfach eben mal so leistet. Ein. Aus. Ein. Aus. Ein. Aus.

Pausen sind wichtig. Die Pausen zwischen den Atemzügen. Die Pausen zwischen den Übungen. Die Pausen zwischen den einzelnen Schlucken Tee. Die lange, drei Stunden währende Pause am Nachmittag, in der ich keine Lust habe zu lesen, sondern nur nachdenke oder auch gar nichts denke und dämmere und mich ein wenig wundere, dass ich nicht mal Lust habe, zu lesen. Dann schlafe ich, oder vielleicht auch nicht, bis die Kirchturmuhr, die vor Jahrhunderten schon den Tagen der Zisterzienserinnen eine Struktur gab, wieder zum Yoga ruft.

Leserkommentare
    • tufelix
    • 21. Februar 2013 14:51 Uhr

    Langsame Tiefatmung - die man auch "Bauchatmung" nennt, sollte Teil des Lebens sein. Wenn man es praktiziert, merkt man erst, wie wenig Energie man durch Brustatmung eigentlich aufnimmt.
    Langsame Bewegungen, die die Energie steuern und den Körper beleben ("erneuern"), kann man nicht nur mit Yoga, sondern auch mit Qi-Gong oder Tai-Chi ausführen.
    Meditation oder ZEN oder "nichts denken" oder "wahrnehmen": Wenn man dem Atem oder den Bewegungen mit der Aufmerksamkeit folgt, geschieht das Nichts-Denken ganz von allein.

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    • Erkos
    • 21. Februar 2013 16:03 Uhr

    dass wir von unterschiedlichen Dingen reden, wenn wir "Energie" sagen. Ansonsten wäre es völlig unverständlich, dass Sie der Brustatmung eine schlechtere Energiebilanz nachsagen, als der Bauchatmung.
    Welche "Energie" also meinen Sie?

  1. Letztes Jahr im Sommer hatten wir bei 35 Grad Fußballtraining und haben nur Laufeinheiten gemacht - die Hölle. Es waren auch einige Muslime darunter, die gerade in der Zeit nichts trinken durften. Die sahen danach aus wie durchgekaut und ausgespuckt. Aber sie haben durchgehalten - Respekt.

    Dennoch müssen das seltsame Götter sein, die so etwas von ihren Jüngern verlangen.

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    Antwort auf "Fasten & Ramadan"
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    • K.P.R.
    • 21. Februar 2013 16:25 Uhr

    sind nicht vergleichbar. Die Muslimekönnen ja nach Sonnenuntergang bis zum Morgen essenn und tun dies ja auch, und die die fasten gehen ja nachts nicht an den Kühlschrank, oder?

  2. Kann ich aus eigener, unguter Erfahrung bestätigen. Es dauert vielleicht ein, zwei Tage, in denen man hungrig ist und Übelkeit verspürt, aber das geht schnell vorbei. Der Körper stellt dann denn Stoffwechsel um und fängt an, die Reserven anzubrauchen. Das funktioniert erstaunlich gut. Nur habe ich dabei weder gewollt gefastet noch vollständig auf Kalorien verzichtet, vielleicht eine halbe Mahlzeit am Tag - mehr hab ich nicht runterbekommen, der ganze Körper hat sich gegen Essen gewehrt.

    Für Menschen, die eher viel essen und für die Nichtessen ein Verzicht darstellt, mag das Fasten möglicherweise eine interessante, gar spirituelle Erfahrung sein.

    Für Menschen wie mich ist Nahrungsverzicht nichts Positives. Wenn es mir gut geht, habe ich Hunger, esse viel und kann langsam wieder zunehmen. Entspannung, Ruhe, Nachdenken verbinde ich eher mit reichhaltigen Mahlzeiten, die auch Spaß machen. Nahrungsverzicht geht bei mir mit Gehetze, Stress und Psychodruck einher.

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    • Erkos
    • 21. Februar 2013 16:08 Uhr

    Wie schon mehrfach bemerkt ist Fasten nicht für jedermann geeignet. Wer ein Essproblem hat, sollte es tunlichst meiden.
    Nur muss man sich in D oder anderswo nur umschauen um festzustellen, dass Übergewicht ein gewaltiges Problem der Gesellschaft ist. Zielpersonen, denen Fasten nutzen könnte, gibt es folglich zuhauf.

  3. - die sich für ihre gesunde Ernährung loben, wenn ein Salatblatt im Burger liegt.

    Eigentlich ist es doch hier wieder wie mit allem anderen: die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte.

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    Antwort auf "@Apfelsaftschorle"
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    • volumen
    • 21. Februar 2013 15:16 Uhr

    sie sagen es, genau zwischen den beiden hackfleischpatties

    • volumen
    • 21. Februar 2013 15:16 Uhr

    sie sagen es, genau zwischen den beiden hackfleischpatties

    Antwort auf "Verstehe"
  4. und Fasten kann eine sehr gute Lebenserfahrung sein. Fasten ist aber nicht für jedermann bzw. für jedermann gleich gut geeignet. Daher vorsicht. Nicht übertreiben. Wer zum ersten mal fastet, dem sei eine Woche Fastenurlaub unter Anleitung empfohlen - siehe Thomas Winkler. Bewegung (Yoga, Wandern, Langlauf, Schwimmen)sowie Darmeinläufe unterstützen den Reinigungsprozess zusätzlich. Viele Fasten-Varianten sind möglich. Ich habe mit 6 Tage Heilfasten nach Dr. Buchinger beste Erfahrungen gemacht.

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    Ich habe mal Fasten im Rahmen einer Volkshochschulveranstaltung gemacht. Kostete fast nichts, man traf sich zu einer Einführungserklärung, erhielt ein paar Unterlagen mit Ratschlägen und kam dann am Ende der Woche noch einmal zusammen.

    Man braucht weder Yoga noch Kloster noch Fasten"urlaub", es sei denn, man weiß, dass man eh nicht genügend Eigendisziplin aufbringt, denn die ist schon vonnöten. Aber ich habe das mit einer Freundin zusammen gemacht, da war dann der Ehrgeiz durchzuhalten gleich ein bisschen größer :-)

    Es war schon eine gute Erfahrung und ich habe seitdem keine Migräne mehr gehabt, unter der ich zuvor häufig litt.

    Warum man da Hunderte Euro ausgeben muss, erschließt sich mir nicht, aber bitte, jedem, wie er´s mag.

    • Erkos
    • 21. Februar 2013 16:03 Uhr

    dass wir von unterschiedlichen Dingen reden, wenn wir "Energie" sagen. Ansonsten wäre es völlig unverständlich, dass Sie der Brustatmung eine schlechtere Energiebilanz nachsagen, als der Bauchatmung.
    Welche "Energie" also meinen Sie?

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    Man kann sich auch an- bzw. künstlich dummstellen. Sie wissen sehr genau, welche Art von Energie Mitkommentator tufelix spricht (und sehr wahrscheinlich hat die nichts mit James Prescott Joule oder Brennwerten zu tun, sondern mehr mit Lebensgefühl, Antrieb und Motivation zu tun - das nur, falls Sie sich nicht an- bzw. künstlich dummstellen).

    • Erkos
    • 21. Februar 2013 16:08 Uhr

    Wie schon mehrfach bemerkt ist Fasten nicht für jedermann geeignet. Wer ein Essproblem hat, sollte es tunlichst meiden.
    Nur muss man sich in D oder anderswo nur umschauen um festzustellen, dass Übergewicht ein gewaltiges Problem der Gesellschaft ist. Zielpersonen, denen Fasten nutzen könnte, gibt es folglich zuhauf.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Essen | Fastenzeit | Koffein | Körper | Yoga
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