Pro Karneval:

Ich muss nur einmal Denn wenn et Trömmelche jeht hören und sie ist da. Die Lust auf die fünfte Jahreszeit. Auf Karneval in Köln. Dabei mache ich mir nichts vor. Der Karneval ist keine feinsinnige Auflehnung gegen die da oben und nur bedingt ein Ort um, wie es immer so schön heißt, Gemeinschaft zu spüren. All das gibt es anderswo besser.

Der Karneval ist vor allem schrecklich berechenbar. Und gerade deshalb so schön. Karneval ist der geplante Tabubruch. Damit meine ich nicht, statt der eigenen Nscho-tschi mal eine fremde Biene Maja zu küssen. Karneval, das ist das irrationale Vergnügen an einer festen Abfolge von Tagen voll Bützje und Alaaaf, die für nichts gut, zu nichts Nütze sind. Der Karneval ist sich selbst genug. Er ist das Gegenprogramm zur Funktionalitätsdoktrin. Während wir die Zahl unserer Feiertage von hundert auf zehn gedrosselt haben, steht der Karneval für die lustvolle Verschwendung des Augenblicks. Dabei ist er natürlich oft banal, spießig und chauvinistisch.

Aber in einer Zeit, in der wir Bier ohne Alkohol trinken, Burger ohne Fleisch essen und im Internet Sex ohne Körperkontakt haben, ist der Karneval der Moment, in dem das aufgeklärte Ich der Entzauberung der Welt tief in die Augen schaut und sich trotzdem der Sinnlosigkeit ergibt. In einer Welt der Selbstoptimierung ist das Unbotmäßige am Karneval nicht mehr seine triebhafte Amoralität, sondern die Irrationalität des ungezügelt Rauschhaften. So knüpft der Karneval an die jahrhundertealte Tradition an, aus der er einst entsprang – das Verbotene und Tabuisierte rituell zu feiern.

Natürlich ist es töricht, sich mit einer Pappnase für jemanden anderes zu halten. Ein Leben ohne Karneval wäre logischer, geordneter, erwachsener und tüchtiger. Mit einem Wort: unerträglich.
(Max Neufeind)

Contra Karneval:

Ich hasse Karneval, Oktoberfest und, ja, ich war auch nicht unglücklich, als ich am Tag der Weihnachtsfeier mit Erkältung im Bett lag. Erzwungene Spaßveranstaltungen sind mir ein Graus. Ich verstehe nicht, wie Leute, die normalerweise nur Minimal-Electro hören, plötzlich Uffta-Uffta-Wumms als ironisches Statement feiern. Und sich mit Menschen in den Armen liegen, neben denen sie sonst nicht im Bus sitzen würden.

Sicher, früher hatte der Karneval eine Katalysator-Funktion. Die Menschen hatten das ganze Jahr über nichts zu lachen, einen Winter mit Kartoffeln und Steckrüben hinter sich, da konnte man auch mal drei Tage lang die Geister mit Hochprozentigem vertreiben. Es war verständlich – und schlau von den Mächtigen – den Pöbel kontrolliert gegen Standes-, Kleidungs- und Sittenvorschriften rebellieren zu lassen.

Aber heute? Wenn ich am Rosenmontag mit roter Plastiknase und Wischmop auf dem Kopf in die Berliner U-Bahn steige, schaut kein Mensch von seinem Smartphone auf. In einer Spaßgesellschaft ist Karneval ein Anachronismus. Nicht mehr als nostalgische Schunkelei und Touristenfalle.

Insofern werde ich auch dieses Jahr wieder beim Statistischen Bundesamt in Wiesbaden anrufen. Einfach nur, um die schlecht gelaunte Stimme zu hören: "Außer mir ist heute keiner da."
(Carolin Ströbele)