Pro und Contra KarnevalBützje, Uffta-Uffta und Alaaf

Beim Karneval kann man sich endlich der kontrollierten Welt der Sinnlosigkeit ergeben, findet Max Neufeind. Carolin Ströbele hält das für einen Anachronismus. von  und Max Neufeind

Pro Karneval:

Ich muss nur einmal Denn wenn et Trömmelche jeht hören und sie ist da. Die Lust auf die fünfte Jahreszeit. Auf Karneval in Köln. Dabei mache ich mir nichts vor. Der Karneval ist keine feinsinnige Auflehnung gegen die da oben und nur bedingt ein Ort um, wie es immer so schön heißt, Gemeinschaft zu spüren. All das gibt es anderswo besser.

Der Karneval ist vor allem schrecklich berechenbar. Und gerade deshalb so schön. Karneval ist der geplante Tabubruch. Damit meine ich nicht, statt der eigenen Nscho-tschi mal eine fremde Biene Maja zu küssen. Karneval, das ist das irrationale Vergnügen an einer festen Abfolge von Tagen voll Bützje und Alaaaf, die für nichts gut, zu nichts Nütze sind. Der Karneval ist sich selbst genug. Er ist das Gegenprogramm zur Funktionalitätsdoktrin. Während wir die Zahl unserer Feiertage von hundert auf zehn gedrosselt haben, steht der Karneval für die lustvolle Verschwendung des Augenblicks. Dabei ist er natürlich oft banal, spießig und chauvinistisch.

Aber in einer Zeit, in der wir Bier ohne Alkohol trinken, Burger ohne Fleisch essen und im Internet Sex ohne Körperkontakt haben, ist der Karneval der Moment, in dem das aufgeklärte Ich der Entzauberung der Welt tief in die Augen schaut und sich trotzdem der Sinnlosigkeit ergibt. In einer Welt der Selbstoptimierung ist das Unbotmäßige am Karneval nicht mehr seine triebhafte Amoralität, sondern die Irrationalität des ungezügelt Rauschhaften. So knüpft der Karneval an die jahrhundertealte Tradition an, aus der er einst entsprang – das Verbotene und Tabuisierte rituell zu feiern.

Natürlich ist es töricht, sich mit einer Pappnase für jemanden anderes zu halten. Ein Leben ohne Karneval wäre logischer, geordneter, erwachsener und tüchtiger. Mit einem Wort: unerträglich.
(Max Neufeind)

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Contra Karneval:

Ich hasse Karneval, Oktoberfest und, ja, ich war auch nicht unglücklich, als ich am Tag der Weihnachtsfeier mit Erkältung im Bett lag. Erzwungene Spaßveranstaltungen sind mir ein Graus. Ich verstehe nicht, wie Leute, die normalerweise nur Minimal-Electro hören, plötzlich Uffta-Uffta-Wumms als ironisches Statement feiern. Und sich mit Menschen in den Armen liegen, neben denen sie sonst nicht im Bus sitzen würden.

Sicher, früher hatte der Karneval eine Katalysator-Funktion. Die Menschen hatten das ganze Jahr über nichts zu lachen, einen Winter mit Kartoffeln und Steckrüben hinter sich, da konnte man auch mal drei Tage lang die Geister mit Hochprozentigem vertreiben. Es war verständlich – und schlau von den Mächtigen – den Pöbel kontrolliert gegen Standes-, Kleidungs- und Sittenvorschriften rebellieren zu lassen.

Aber heute? Wenn ich am Rosenmontag mit roter Plastiknase und Wischmop auf dem Kopf in die Berliner U-Bahn steige, schaut kein Mensch von seinem Smartphone auf. In einer Spaßgesellschaft ist Karneval ein Anachronismus. Nicht mehr als nostalgische Schunkelei und Touristenfalle.

Insofern werde ich auch dieses Jahr wieder beim Statistischen Bundesamt in Wiesbaden anrufen. Einfach nur, um die schlecht gelaunte Stimme zu hören: "Außer mir ist heute keiner da."
(Carolin Ströbele)

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Leserkommentare
  1. Braucht man das? Man kann sich auch kaputt diskutieren ;)

    Ich mag auch kein Karneval. Solange meine Freunde mir die Freiheit lassen, dass ich mich über die Feiertage verdrücke, ist doch alles ok. Und immerhin habe ich dank der Jecken ein langes Wochenende!

    2 Leserempfehlungen
    • lufkin
    • 11. Februar 2013 10:38 Uhr

    Liebe Frau Ströbele, Sie sind nicht allein.
    Ich kann mit dem ganzen Quatsch auch nichts anfangen und geh höchstens meiner Freunde zu liebe mal mit. Aber Geld für ne Verkleidung rauswerfen? Niemals.
    Wenn wenigstens der Rosenmontagszug mal interessant wäre aber hier hat man nur gefühlt zehn Piratenschiffe und 100 Prinzenwagen... keine politischen Statements, keine Satire, keine Ideen. Da bleib ich lieber zu Hause.
    Schönen Gruß aus Aachen

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  2. Alles schön und gut, wenn die Berauschten sich auch selbst um die Beseitigung ihrer irrationalen exkrementalen Hinterlassenschaften kümmern würde.
    Nichts gegen die Umzüge, das Kostümieren und Fassenacht an sich - aber als Bewohner einer Karnevalshochburgsinnenstadten kann man einfach nur flüchten, wenn die eigene Straße allen Klohäuschen zum Trotz zur Kloake umfunktioniert wird. Soviel zur "Entzauberung der Welt".

    3 Leserempfehlungen
  3. und ansonsten - ist das eine Pro/Contra-Debatte wert?
    Ich erfreue mich an der Lustigkeit der Menschen, die sich dieses Feiern verinnerlichen - die verstehen es, besser zu leben in diesen Tagen der Freude und des Geschunkels.
    Besser als in einer Bar herumzuhängen, ältere oder gar alte aber erfolgreiche Männer ob ihres Alters zu beleidigen, mich über deren verwunderte Blicke zu empören nach einem Jahr gelangweilten Hinterherlaufens ob nicht doch noch etwas freches passiert und dann einen Entrüstungsschrei loszulassen, wenn nicht mehr passiert.
    Was 'ne langweilige Alternative.
    Da lob ich mir die Zeitgenossen, die ihre Sau ohne Hintergedanken zappeln lassen.
    Alaaf- helau und zicke zacke.

    • Gerry10
    • 11. Februar 2013 13:04 Uhr

    ...die Welt ist viel absurder als sich man sich in Zeiten, in denen der Karneval noch Bedeutung hatte vorgestellt hat.
    Man denke nur an die Menschen die vor Apple-Geschäften...Tschuldigung...Stores nächtigen.
    Oder S21, BER, Plagiate, etc...es gibt soviel Irrsinn um uns herum, dass es dringend Zeit für ein "Fest der Vernunft" wäre..

    • Yulivee
    • 11. Februar 2013 13:51 Uhr

    ich hätte weniger gegen Karneval, wenn es nicht diese erzwungene Fröhlichkeit gäbe.
    Scheinbar muss man immer alles toll und lustig finden an Karneval.
    Die Musik find ich aber schrecklich! Und ich will nicht von wildfremden Menschen abgeknutscht werden. Das ist mir alles zu nah und zu aufdringlich.

    Zudem ist es doch meist nur ein großes Sauffest, oder? Da gehts dann schon vormittags los..

    Eine Leserempfehlung
  4. Ich halte es wohl mit Frau Ströbele: in Zeiten von ganzjährigem Komasaufen, Binge-Drinking oder Botellón braucht es gewiss keine extra Tage, die dem Vollrausch gewidmet sind. In unserer freiheitlichen Gesellschaft besteht doch vorgeblich überhaupt keine Notwendigkeit mehr, in fremde Rollen zu schlüpfen.
    Ich selbst habe den diesjährigen Karneval in Köln nüchtern verlebt - ist also möglich, wenngleich schwer. Meine Erfahrungen aus der Welt der Nüchternheit finden Sie auf meinem Blog unter:

    http://www.elyseoswelt.de/category/er-nuchtert/

    Elyseo da Silva

  5. Als überzeugte rheinische Nicht-Karnevalist sage ich aber der lieben Frau Ströbele: "Levve und levve losse!"

    Wir sind von Weiberfastnacht bis einschließlich Aschermittwoch regelmäßig außer (Rhein-) Landes und grüßen alle Jecken aus den Ardennen ;-)

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Karneval | Biene | Erkältung | Feiertag | Jahreszeit | Oktoberfest
  • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

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