Ich habe mir nie vorstellen können, dass ich in meinem Leben jemals eine Hecke schneiden würde. Hecken hielt ich für die Festungsmauern des Spießers. Sie gehörten eingerissen, nicht gestutzt. Dann aber, es ist schon einige Jahre her, habe ich das Unvorstellbare getan. Ich stutzte eine Hecke, noch dazu die meines eigenen Schrebergartens. Zentimetergenau! Während ich die Schere zum letzten Mal ansetzte, gelang es mir, das Stromkabel zu durchtrennen.

Das war nur der letzte rebellische Akt meines Unterbewusstseins gegen mein Dasein als Schrebergartenbesitzer. Über der Freude an vielen neu entdeckten Fertigkeiten (Hecken schneiden) waren meine Vorurteile weitgehend verstummt. Nein, ich gehöre nicht zu jenen frisch Bekehrten, die gestern noch auf den Schrebergarten als Hort der Engstirnigkeit geschimpft haben und ihn heute als Paradies vor der Haustür lobpreisen, das von jungen, toleranten, liberalen, weltoffenen, gebildeten Familien bevölkert wird.

Schrebergärten und ihre Bewohner sind mir immer noch unheimlich. Selbst als ich mich in einen leidenschaftlichen Heckenschneider verwandelte, verließ mich mein Misstrauen nicht. Was immer in den Zeitungen und Zeitschriften über das Leben mit Beet steht, mit Schrebergärten und ihren Bewohnern verhält es sich so, wie mit den meisten anderen Dingen der Welt. Sie sind weder böse noch gut, sie sind einfach da. Manche führen eine unscheinbare Existenz, andere eine aufdringliche. Die einen sind liebenswert, die anderen unerträglich. Das ist auch in meiner Schrebergartensiedlung so.

Da gibt es den neugierigen Herrn Barg. Er pflanzt mit Hingabe Kartoffeln, weil das seine Art ist, mit der Erde verbunden zu bleiben; Frau Schneider ist selten im Garten zu sehen und hat trotzdem die schönsten Blumenbeete; da gibt es Herrn Meier, von Beruf Friseur, der seine Hecken und Bäume mit so viel Hingabe trimmt wie die Locken seiner Kunden. Herr Goodluck aus Kamerun hat jeder Frau der Siedlung schon mindestens einmal eine Blume geschenkt, und die dicke Frau Sarin liegt den lieben langen Tag auf der Hollywoodschaukel. Ihr gellender Schrei hallt nur dann durch die ganze Siedlung, wenn ihr Mann ihr etwas Frisches zu trinken bringen soll. Und es gibt den ebenso eifrigen wie erfolglosen Herr Tuncay. Er müht sich seit Jahren unter den missmutigen Blicken seiner Familie, einen verfallenen Schrebergarten zum Leben zu erwecken.

Jetzt, da der Frühling anbricht, sind sie alle wieder zu sehen in der Siedlung, sie und Dutzende andere. Ab jetzt werde ich hier wöchentlich von ihnen und ihren Gärten berichten.

P.S.: Falls sich jemand fragen sollte, warum ich einen Schrebergarten besitze, wenn ich doch nach wie vor ein tiefes Misstrauen gegen sie hege. Ich kann einfach schlecht nein sagen.