SchrebergärtenHinter der Hecke

Schrebergärten und ihre Bewohner: Manche sind liebenswert, andere unerträglich. Und Ulrich Ladurner steckt mittendrin. von 

Ein Schrebergarten lehrt den fachmännischen Umgang mit schwerem Gerät.

Ein Schrebergarten lehrt den fachmännischen Umgang mit schwerem Gerät.  |  © zettberlin / photocase.com

Ich habe mir nie vorstellen können, dass ich in meinem Leben jemals eine Hecke schneiden würde. Hecken hielt ich für die Festungsmauern des Spießers. Sie gehörten eingerissen, nicht gestutzt. Dann aber, es ist schon einige Jahre her, habe ich das Unvorstellbare getan. Ich stutzte eine Hecke, noch dazu die meines eigenen Schrebergartens. Zentimetergenau! Während ich die Schere zum letzten Mal ansetzte, gelang es mir, das Stromkabel zu durchtrennen.

Das war nur der letzte rebellische Akt meines Unterbewusstseins gegen mein Dasein als Schrebergartenbesitzer. Über der Freude an vielen neu entdeckten Fertigkeiten (Hecken schneiden) waren meine Vorurteile weitgehend verstummt. Nein, ich gehöre nicht zu jenen frisch Bekehrten, die gestern noch auf den Schrebergarten als Hort der Engstirnigkeit geschimpft haben und ihn heute als Paradies vor der Haustür lobpreisen, das von jungen, toleranten, liberalen, weltoffenen, gebildeten Familien bevölkert wird.

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Schrebergärten und ihre Bewohner sind mir immer noch unheimlich. Selbst als ich mich in einen leidenschaftlichen Heckenschneider verwandelte, verließ mich mein Misstrauen nicht. Was immer in den Zeitungen und Zeitschriften über das Leben mit Beet steht, mit Schrebergärten und ihren Bewohnern verhält es sich so, wie mit den meisten anderen Dingen der Welt. Sie sind weder böse noch gut, sie sind einfach da. Manche führen eine unscheinbare Existenz, andere eine aufdringliche. Die einen sind liebenswert, die anderen unerträglich. Das ist auch in meiner Schrebergartensiedlung so.

Ulrich Ladurner

Ulrich Ladurner ist Südtiroler, Fotograf und seit 1999 Politikredakteur der ZEIT. Als Korrespondent und Reporter berichtet er vor allem aus Krisen- und Kriegsgebieten. Für ZEIT ONLINE schreibt er über seine Schrebergartenkolonie.

Da gibt es den neugierigen Herrn Barg. Er pflanzt mit Hingabe Kartoffeln, weil das seine Art ist, mit der Erde verbunden zu bleiben; Frau Schneider ist selten im Garten zu sehen und hat trotzdem die schönsten Blumenbeete; da gibt es Herrn Meier, von Beruf Friseur, der seine Hecken und Bäume mit so viel Hingabe trimmt wie die Locken seiner Kunden. Herr Goodluck aus Kamerun hat jeder Frau der Siedlung schon mindestens einmal eine Blume geschenkt, und die dicke Frau Sarin liegt den lieben langen Tag auf der Hollywoodschaukel. Ihr gellender Schrei hallt nur dann durch die ganze Siedlung, wenn ihr Mann ihr etwas Frisches zu trinken bringen soll. Und es gibt den ebenso eifrigen wie erfolglosen Herr Tuncay. Er müht sich seit Jahren unter den missmutigen Blicken seiner Familie, einen verfallenen Schrebergarten zum Leben zu erwecken.

Jetzt, da der Frühling anbricht, sind sie alle wieder zu sehen in der Siedlung, sie und Dutzende andere. Ab jetzt werde ich hier wöchentlich von ihnen und ihren Gärten berichten.

P.S.: Falls sich jemand fragen sollte, warum ich einen Schrebergarten besitze, wenn ich doch nach wie vor ein tiefes Misstrauen gegen sie hege. Ich kann einfach schlecht nein sagen.

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Leserkommentare
    • 3zu2
    • 18. April 2013 12:50 Uhr
    1. Das...

    ...wird schon, Herr Ladurner. Einfach tapfer weiter schnibbeln.
    http://www.flickr.com/pho...

    Eine Leserempfehlung
  1. 'Falls sich jemand fragen sollte, warum ich einen Schrebergarten besitze, wenn ich doch nach wie vor ein tiefes Misstrauen gegen sie hege. Ich kann einfach schlecht nein sagen.'

    Bleiben Sie dabei nicht auch ein wenig Ihrem Credo treu, 'Einblicke in unübersichtliche Landschaften' http://blog.zeit.de/ladur... zu nehmen? (in der Hoffnung, daß sich Ihre Kolonie niemals in ein 'Krisen- und Kriegsgebiet' wandelt...)

    Keine Ahnung, wo Ihr Schrebergarten liegt - hier in Berlin hege ich größte Sympathien für die Schrebergärtner, die sich bereitwillig an Bäume ketten, sobald ihre Scholle von Autobahnen, Flughäfen oder anderen Varianten durchgeknallter Stadtplanung bedroht wird. Vor einigen Jahren noch war es in Westberlin sehr üblich, die heimatliche Wohnung im Sommer allenfalls zum Abholen der Post oder zum Wäschewaschen zu betreten und die freundlichere Jahreszeit ansonsten komplett in der Laube zu verbringen. Weil: niemand ist naturschwärmerischer als ausdrückliche Stadtmenschen (und ich gäbe das erste Glied des kleinen Fingers meiner linken Hand für eine Laube in der Stadt).

    Schrebergartenkolonien sind Mikrokosmen, zunehmend globalisiert. Ich kenne einige 'Herr Tuncays', denen die Korrektur allfälliger Vorurteile ganz wunderbar über den erfolgreich absolvierten Wettbewerb um den dicksten Kürbis o.ä. gelang. Was mich zu einer Literaturempfehlung bringt: 'Die Kürbisdame' von Fanny Morweiser http://www.diogenes.de/le...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • snoek
    • 18. April 2013 19:56 Uhr

    @das erste Glied des kleinen Fingers der linken Hand der dame.von.welt

    Na Kleena,

    es ist ja nicht das erste Mal, dass du hier als Tauschmittel für Immobilien feilgeboten wirst. http://www.zeit.de/lebens... Aber du kennst sie doch, sie meint das nicht so. Ich hoffe, es geht dir gut.

    Knutschä,

    snoek

  2. So ein Schrebergarten ist auch gar nicht so spießig, wie man es noch als Außenstehender vermutet hat. Höchstens der Verein als Ganzes, mit seinen Vorschriften. Doch die meisten der Schrebergärtner sind nett. Und zwar nett im Sinne von nett und nicht im Sinne von „Nett-ist-die-kleine-Schwester-von-Scheiße“. Ob jung oder alt, egal welche Nationalität, egal ob ehr der Ziergärtner oder der Gemüseanbauer. Es herrscht ein schönes Miteinander, ohne dass man sich zu eng auf die Pelle rückt. Und es gibt einem neben dem kleinen Stückchen Paradies und dem Gefühl der Freiheit auch noch das Gefühl eine Tradition aufrecht zu erhalten. In diesem Sinne: Gut Grün!

    Eine Leserempfehlung
  3. kleinen Garten in einer denkmalgeschützten Kolonie aus den 20er Jahren. Alles ganz schön und nicht so verbaut. Auf die Nachbarn und die ganze Vereinsmeierei könnte ich aber ganz gut verzichten. Da gibt es die Alten, die sich eigentlich immer hinter vorgehaltener Hand darüber aufregen, dass die Jungen (also wir) nix machen.

    Wie das ist, wenn man noch einer geregelten Arbeit nachzugehen hat, haben sie nach mind. 20 Rentenjahren bereits vergessen. Auch der Weg muss natürlich gepflegt (unkrautfrei) gehalten werden. Das macht natürlich Mühe und weil es ja so schön einfach ist, wird dann fleißig Unkrautex aus Polen (weil hier verboten) vergossen. In Ihrem Garten würden sie das ja nie machen, aber auf dem Weg ist das schon OK. Wer das ablehnt, muss dann sehen, wie er einen vergleichbaren Zustand aufrechterhält, um nicht zu sehr aus dem Rahmen zu fallen.

    Wären dann noch die anderen jüngeren Leute, die zumindest bei uns auch nicht viel besser drauf sind. Ein Platz zum Grillen und Bier trinken ist da der einzige Antrieb einen Kleingarten zu haben.

    "Normale" Leute mit "normalen" Kindern findet man eher selten. Ein Balkon ist ja aber auch keine Lösung.

    • snoek
    • 18. April 2013 19:56 Uhr
    5. .....

    @das erste Glied des kleinen Fingers der linken Hand der dame.von.welt

    Na Kleena,

    es ist ja nicht das erste Mal, dass du hier als Tauschmittel für Immobilien feilgeboten wirst. http://www.zeit.de/lebens... Aber du kennst sie doch, sie meint das nicht so. Ich hoffe, es geht dir gut.

    Knutschä,

    snoek

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "...;-)..."
  4. Ich hatte in Hamburg -Klein Borstel an den S-Bahn-Gleisen meinem Schrebergarten. Von meiner Grossmutter geerbt. Bis ich vor vielen Jahren ins Ausland ( ins "Elend" ,wie meine Mutter sagte ) verschlagen wurde. Bis heute ist mir "Das Sommerfest in unserem Schrebergarten" eine der schoensten Erinnerungen. Wenn ich koennte, wuerde ich mir sofort wieder dortselbst einen Schrebergarten kaufen.

  5. Das überzeugt mich, Herr Ladurner !

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  • Serie Hinter der Hecke
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Familie | Frühling | Garten | Zeitschrift | Kamerun | Zeitung
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