Laster im Laster

Ein bisschen Sucht wäre schön. Vielleicht nur bei schönem Wetter, oder im Sommer. Ich suche die Abhängigkeit, doch sie meidet mich. Vor 20 Jahren, da hatte ich noch Angst vor ihr. Mit einem Lkw karrte ich Fliesen, Gipskarton und Bauholz aus Bayern in den Osten der Republik. Die Menschen dort wollten alle schicke Bäder und Holzverkleidungen im Landhausstil. Wie die meisten Trucker entrann ich der Ödnis des Autobahnfahrens mithilfe von Zigaretten. 

Auf dem Bock meines 7,5-Tonners rauchte ich Marlboro, nur die weißen, leichten – aus Furcht vor der Sucht, diszipliniert im Rhythmus der Strecke: eine Fluppe für die A9 von Nürnberg nach Hof, eine zweite für die A73 bis Chemnitz, eine dritte für die A4, nach der Abfahrt eine vierte. Heute beneide ich alle Raucher um ihr köstliches Laster. Um die frische Luft vor der Tür, die Sonne im Gesicht, die Gespräche der Raucherpause, die Distanz zum Bildschirm. Für mich ist heute Rauchertag. Ich habe freigenommen. Ich werde rauchen, ganztags, Kette, eine ganze Stange. Sucht, ich bin bereit! (Tilman Steffen)

Dann lieber uncool

Meine erste Zigarette habe ich mit elf im Wald geraucht. Dann war lange nichts. Sehr lange. Ein technisches Problem vor allem. Der Lungenzug: Ich habe ihn einfach nicht hingekriegt. Nur paffen ist peinlich. So litt ich still und quälte meinen ersten Freund damit, ihm seine Zigaretten zu drehen. Ungenießbare, weil krumm und sehr ungleichmäßig gefüllt.

Mit Mitte 20 hielt ich es nicht mehr aus; ich wollte endlich cool sein. Und das gleich doppelt, aber immer noch ohne Lungenzug. Drogen! Auf einer USA-Reise bat ich in San Francisco (!) einen Bekannten, mir Hasch zu besorgen – für Kekse. So wurden in einer Wohnung in Ashbury Heights Hasch-Brownies gebacken. Die schmeckten wunderbar und sehr normal, wir kicherten reichlich über unsere Aktion und merkten – nichts. Also gingen wir schlafen. Die Wirkung spürte ich erst am nächsten Morgen. Erstens Kopfschmerzen, zweitens extreme Lichtempfindlichkeit und drittens Sprachstörungen: Statt "Ticket to Sausalito, please" kam nur unverständliches Gemurmel aus meinem Mund. Meine Umkehrung des nie gelungenen Lungenzugs. Seitdem bin ich einfach uncool. (Kirsten Haake)

Die Mini-Rebellion

Ich mag diesen Vater, der sich nachmittags auf dem Spielplatz seine Zigarette anzündet. Seine und meine Töchter besuchen die gleiche Kita. Und Sören, so nenne ich ihn einfach mal, bricht regelmäßig DAS Tabu: Rauchen in Gegenwart der Kinder. Es ist die nachmittägliche Mini-Rebellion in unserem Kinderkiez. Erfrischend. So ganz geheuer scheint Sören allerdings sein Laster nicht immer zu sein. Dann stellt er sich ein wenig abseits hin.

Manchmal besuchen wir Sörens Familie zu Hause. Wir sitzen in der kleinen Küche und trinken Kaffee. Irgendwann steht Sören auf, stellt sich ans Küchenfester und raucht. Den Arm hält er weit aus dem Fenstern, es sieht immer etwas ungemütlich aus. Seine Tochter sagt: "Du sollst nicht rauchen, daran kann man sterben." Sören lächelt dann. Verlegen. (Marlies Uken)

Anfangen, Aufhören, Anfangen

Ich hatte einfach schon viel zu lange keine Lust mehr darauf. Als eines Morgens der Tabak alle war und die Knete knapp, entschied ich mich einfach, jetzt aufzuhören. Und es ging lange Zeit gut. Meine Kondition wurde besser. Die Puste ging seltener aus. Ich fühlte mich ziemlich großartig. Zwei volle Jahre lang.

Als ich dann aber mit der Frau meiner studentischen Träume auf den Dächern der Uni-Stadt nachts heimlich zusammen Zigaretten zu paffen begann – auch sie hatte eigentlich aufgehört – war das Nichtrauchen nur noch Farce. Weil ich kosequent bin, bin ich seit sechs Jahren wieder dabei. Immerhin: Insgeheim vergeht mir schon wieder die Lust daran. (David Schmidt)