GartenschauIch pflanz' mir einen Cocktail

Die Fringe in London ist das junge, volksnahe Pendant zur Chelsea Flower Show: Menschen pflanzen sich bis zu den Knien ein und bieten Kurse zum Basteln von Saatbomben. von Louise Brown

In der "Midnight Apothecary" mixt Lottie Muir Cocktails aus den Kräutern eines Londoner Dachgartens.

In der "Midnight Apothecary" mixt Lottie Muir Cocktails aus den Kräutern eines Londoner Dachgartens.  |  © Chelsea Fringe/Eleanor Salter-Thorn

"Keep off, fresh planting", steht auf einem kleinen Schild im Schatten der Battersea Power Station. Der Pop-Up-Garten neben dem geschwärzten Mauerwerk, das mit seinen vier modernistischen Türmen wie Big Ben zur Londoner Skyline gehört, ist der Ausgangspunkt der Chelsea Fringe, einer etwas anderen Art von Gartenschau. Nicht nur der urbane Hintergrund unterscheidet die Fringe von der weltberühmten Chelsea Flower Show, die zeitgleich auf der gegenüberliegenden Seite der Themse stattfindet. Bei der Fringe werden keine Gold-, Silber- oder Bronze-Medaillen vergeben; Show-Gärten aus der Hand internationaler Landschaftsdesigner, finanziert von Banken und Investmentfirmen, sucht man vergeblich. Und während die Karten für die Chelsea Flower Show 65 Euro kosten, sind die Fringe-Events kostenlos.

"Die Chelsea Fringe steht für eine neue Generation von Gärten," sagt ihr Begründer Tim Richardson, Gärtner und Kolumnist, ein freundlicher Onkel-Typ mit Hornbrille. "Es geht hier nicht um die hohe Kunst der Hortikultur, sondern eher um eine milde Form von politischem Aktivismus." 

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Zum Beispiel die 50 Menschen aus kleinen Wissenschafts- und Kunstorganisationen, die sich bis zu den Knien in Erde einpflanzen lassen und in einer Mischung aus Freilichttheater und Speaker’s Corner Reden über Themen wie "How to be an artist in uncertain times", "crowd-sourcing solar data" und "Water for everyone" halten. Ein Experiment, um Ideen zu nachhaltiger Raumplanung zu erkunden, sagt der Initiator Paul Clarke. 

Pflanzen, Sitzgelegenheiten – alles ist selbst finanziert

Oder der Verein Abundance, der sich um die Weiterverwendung von liegengebliebenem Fallobst kümmert und auf der High Road des wohlhabenden west-londoner Stadtteils Chiswick den vorbeilaufenden, Bugaboo-schiebenden Müttern einen Kurs zum Basteln von Saatbomben anbietet.

Aber natürlich geht es in erster Linie auch bei der Fringe um Gärten und um die Fantasie ihrer Gestalter. Insgesamt 200 Projekte sind in diesem Jahr zu sehen. Eines der schönsten stammt von der Designerin Anna Rose Hughes, die aus der ehemaligen Herrentoilette einer Kofferfabrik im unglamourösen Stadtteil Peckham einen wunderbaren, kleinen Garten geschaffen hat. Farne sprießen aus den Toilettenschüsseln, junge Bäume füllen die Bögen des dazugehörigen Hinterhofs, dicht bepflanzte Beete wuchern Seite an Seite mit den Gräsern und Farnen, die aus den alten Gemäuern wachsen.

Einen Container voller Bauschutt hat Hughes mit Freunden und Kollegen für ihr Projekt WC@Vanguard Court aus dem Toilettenblock herausgeschleppt. Der Garten wird jetzt vor allem von den Künstlern, die in den angrenzenden, alten Studios arbeiten, für ihre Teepausen genutzt. Pflanzen, Sitzgelegenheiten – alles ist selbst finanziert. "Bei der Fringe geht es weniger um die Gärten, als um die Gärtner. Es ist eine Chance, zu zeigen, was ich kann. Bei der Chelsea Flower Show würde ich nie so weit kommen", sagt Hughes.

Rhododendron-Blüten weisen den Weg zum Toiletten-Garten von Anna Rose Hughes.

Rhododendron-Blüten weisen den Weg zum Toiletten-Garten von Anna Rose Hughes.  |  © Chelsea Fringe/Louise Brown

Den Weg von der Hauptstraße Peckhams zu Hughes Toiletten-Garten findet man dank der an Gittern und Regenrinnen angebrachten Rhododendron-Blüten. Am Office Garden, dem Projekt eines örtlichen Büros, läuft man drei Mal vorbei, bis man ihn hinter einer schwarzen Reling gegenüber der Reisebusstation in Victoria entdeckt: Lupinen und Geranien sprießen aus einem grün gestrichenen Schreibtisch.

Ein Fringe-Besuch ist eine Schatzsuche und eine Reise in unbekanntere Teile Londons. Die car gardens der Künstlerin Adele Howitt und der Landschaftsarchitektin Fiona Weir schmücken das Horniman Museum, ein 1901 im Arts-and-Crafts-Stil gebautes Museum im Stadtteil Lewisham. Die beiden Frauen haben ausrangierte Autos mit bienenfreundlichen Gewächsen bepflanzt. Aus einem Londoner Taxi bersten Verbena und Schmetterlingsflieder.

Leserkommentare
  1. Ich möchte mich aufs Fahrrad schwingen und nonstop zur Fringe radeln. Dort würde ich mich als allererstes erschöpft aber glücklich nach Peckham durchfragen und in einem Eckchen der alten Herrentoilette ausruhen. Als nächstes stände der Besuch bei den eingepflanzten Wissenschaftlern auf meinem Programm. Ich würde gucken wollen, ob sie schon Wurzeln schlugen.
    Zum Sonnenuntergang führe ich auf die Dachbar. Nach ein oder sieben Cocktails könnten mich weder die Schmetterlinge noch die Bienen oder gar der Sonnenaufgang wecken.

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  • Schlagworte Chelsea | Garten | Show | Großbritannien | London
  • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

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