Fahrradfahren stand für mich immer in einem gefühlten Zusammenhang mit Revolution. Im Rückblick könnte ich es so erklären: Revolutionen sind Umstürze – und war es nicht diese Erfahrung des Umsturzes, der wir uns aussetzten, als wir lernten, Fahrrad zu fahren? Wir eierten los, stürzten um, es schmerzte, aber das schreckte uns nicht ab, wir schwangen uns zurück auf den Sattel und rollen seither fröhlich und gesund durchs Leben … Es gibt aber auch Leute, denen die Koppelung von Fahrrad und Revolution gar nicht einleuchten dürfte. Samuel Beckett zum Beispiel. In seinem Roman Molloy schrieb er: "Wie beruhigend ist es, von Fahrrädern zu sprechen" (und nicht über seine Mutter)!

Wenn der Satz stimmen würde, könnten Fahrrad und Revolution unmöglich zusammenfinden, man hat ja der Revolution allerhand nachgesagt, aber dass sie beruhigend ist? Jedenfalls dann nicht, wenn Philosophie für uns heißt, zu zweifeln oder zu staunen oder sich überraschen zu lassen, weil wir die Dinge mit der Philosophie plötzlich von ihrer Unter- oder ­Hinterseite sehen, im ­besten Fall auch mal von ihrer Schokoladenseite. Philosophie kann dann im Ergebnis beruhigend sein, aber eben nur als Ergebnis (selten als die Errungenschaft für immer, von der Thukydides spricht, meist nur als eine kurzlebige, momentane, flüchtige). Wäre es von vornherein beruhigend, über Fahrräder zu sprechen, würden wir nicht philosophieren. Dafür müssen wir das Fahrrad problematisieren. Das Problem sehen, das mit dem Fahrrad in die Welt gekommen ist. Und dann, im Durchgang der Problematisierung des Fahrrads, nach keuchendem Aufstieg, vielleicht, wenn's glückt, winkt ein entspanntes Hinabrollen.

Was nun ist das Ärgerliche am Fahrrad? Dass es das Paradies ist, aus dem wir vertrieben wurden. Vom Stand der Technik aus gesehen erscheint das Fahrrad als der Gipfel der Versöhnung von Mensch und Natur. Das Fahrrad als Versprechen einer humanen Moderne, einer humanen Technik, die sich symbiotisch zur Natur verhält. Das Fahrrad reißt den Menschen nicht aus der Natur heraus. Das Fahrrad ist dem Menschen zu Diensten, ohne dass er über ihm thront. Der strampelnde Mensch auf dem Rad taugte nie als Sinnbild von Hybris. Das Fahrrad ist das letzte Versprechen einer Technik ohne Dialektik, ohne Umschlag in die Katastrophe.

Nach dem Fahrrad begann eine neue Zeit. Unsere Zeit. Die Zeit des Krieges und der wechselseitigen Unterwerfung zwischen dem Menschen und einer zur zweiten Natur, zur Post-Natur erwachsenen planetarischen Technik. Es ist diese neue Technik, die sich quasi autonom den Menschen unterwirft, während der noch glaubt, sich über die Natur himmelhoch aufzuschwingen. Der Freiburger Wald-und-Wiesen-Philosoph Martin Heidegger hat das erstaunlich präzise zur Kenntnis genommen. Ebenso Ernst Jünger. Ein Satz aus seinem Skandal-Buch Der Arbeiter, der nicht verständlich würde, wären wir beim Fahrrad geblieben: "Es ist der Sinn des Verkehrs, dass wir überfahren werden."

Nun aber mal langsamer. Schauen wir einmal ganz genau hin, was beim Fahrradfahren passiert und was im Vergleich dazu beim Auto. Fangen wir mit einer alten denunziatorischen Beschreibung des Fahrradfahrers an: Der Radler buckelt nach oben und tritt nach unten. Höchst unschön, wenn wir diese Haltung innerhalb von ­gesellschaftlichen ­Hier­archien einnehmen. Wir können in der Haltung des Radlers aber auch die Haltung des Menschen gegenüber der Welt sehen, dann sieht das schon viel schöner aus. Der gekrümmte Rücken: eine Abkehr vom Himmel und allen Himmelsstürmereien. Hier ist unser Platz, nicht anderswo. Richten wir ihn uns so ein, dass er erträglich wird. Und das Strampeln: na ja, wir haben halt einen Körper. Wir haben nur ihn und wenn wir uns daran gewöhnt haben, ihn von A nach B zu bewegen, dann immer auch, um ihn selbst zu bewegen, er ist nie nur ein Mittel (dafür da, um unseren Geist in die Bibliothek zu lotsen), er ist immer auch Zweck in sich. Das Fahrrad trägt dem Rechnung.

Noch schöner am Strampeln: Wir rackern uns ab, aber hinterlassen keine Spuren! All die heiklen ideologischen Boden-Metaphern, Scholle, Acker, Wurzeln: Das Fahrrad lässt sie souverän hinter sich und unter sich. Die Haltung des Fahrradfahrers: Sie besagt, dass wir die Erde im Blick haben, nur sie, aber ihr nicht mehr verwurzelt sind, dass wir uns bewegen, uns aber nie erheben, nicht über die Strecke, nicht über den Körper. Ohne Wurzeln, aber auf dem Boden der Tatsachen!

Aber es ist nicht nur die Haltung, sondern auch ein entscheidendes Wissen, das der Menschheit auf dem technischen Stand des Fahrrads gegeben ist, bevor es mit dem Auto verloren geht. Ein konkretes, erfahrbares (das gilt fürs Fahrrad noch im Wortsinn), für alle nachvollziehbares Wissen um Zusammenhänge und Proportionen. Was passiert denn, wenn wir in die Pedale treten? Jeder weiß es: Wir fahren, und zwar je weiter oder schneller, je mehr Kraft wir dabei aufwenden.