Wir stellen uns Musiklisten zusammen, zitieren Zeitgenössisches auf unseren Social-Media-Profilen, veröffentlichen Bücher im Selbstverlag: Wir alle sind Kuratoren. Durch die Vermischung von Konsum und Kreation, nicht zuletzt befördert in digitalen Medien, sind wir zu öffentlich sichtbaren Gestaltern unserer Lebenswelt geworden.

Der Kurator ist eine der wichtigsten Figuren der Gegenwart. Er kümmert sich, im Wortsinn, um das, was ihm lieb und teuer ist. Er schafft den publizistischen Rahmen, in dem die Kunst seiner Wahl angemessen gefeiert werden kann. Frédéric Malle widmet sich dem Parfum, im großen Stil.

Duft bestimmt sein Leben. Sein Großvater gründete die Parfumlinie von Christian Dior. Nach dem Kunstgeschichtsstudium trat Malle die Ausbildung in einem von Frankreichs besten Parfumlaboren an. Er wurde Duftberater für die großen Kosmetikfirmen und ist seit 2000 künstlerischer Direktor seiner eigenen Edition de Parfums.

Der 50-Jährige kennt die Branche und ihre Schwächen: Heute sind Parfums oft nicht viel mehr als flüssiges Marketing großer Luxushäuser. Weder tragen sie individuellen Ausdruck in sich, noch helfen sie dem Träger oder der Trägerin dabei, ein solchen zu betonen. Unter diesen Umständen müssen Parfumeure den künstlerischen Anspruch an ihr Handwerk verleugnen.   

In der Edition de Parfums hingegen dürfen sie aus dem Vollen schöpfen. Keine Budgetvorgaben, keine Marktanalysen, unbegrenzter Zugriff auf die feinsten Rohstoffe und keine Kompromisse. Fertig ist das Parfum erst, wenn Komponist und Kurator zufrieden sind.

Aber waren nicht auch Coco Chanel oder Christian Dior Kuratoren ihrer Parfums? Nein, muss man leider sagen. Ihre Parfumeure arbeiteten im Stillen, keiner von ihnen durfte den Markenschöpfer überstrahlen. Bis heute entstehen Parfums meist in den Laboren von Zulieferern. Sie entwerfen den Duft, verwahren die Rezeptur, und der Luxusabnehmer druckt am Ende sein Logo drauf. Es zählt allein das Image. Im Gegensatz dazu ist Frédéric Malles Edition ein Denkmal für die Kunst der Parfumerie. Sie wäre wie geschaffen fürs Museum – wenn die Werke nicht erst auf der Haut eines Menschen ihre Schönheit offenbarten.

Malle hat die besten Parfumeure der Welt um sich geschart, darunter Jean-Claude Ellena, Olivia Giacobetti und Dominique Ropion. In den 13 Jahren seit der Gründung der Edition sind 21 Parfums erschienen. Das neuste, Dries Van Noten mit Namen, ist eine olfaktorische Interpretation der Mode des belgischen Designers, komponiert von Bruno Jovanovic aus Nelken, Jasmin, Patschuli, Vanille und Moschus. Dabei geht es in der Edition nie um Mode, sondern um Stil. Die Düfte sind zeitlos, keiner orientiert sich an aktuellen Trends.

Une Rose von Edouard Fléchier zum Beispiel geht tief ins Herz der Türkischen Rose, gibt ihr Erdung mit Holz-, Trüffel- und Knoblauchnuancen und eine unwiderstehliche Anziehungskraft durch einen Hauch von, tja, Bibergeil. So etwas würde kein Parfumeur dem Massenmarkt anbieten. Auch das introvertierte Dans Tes Bras von Maurice Roucel hätte dort keine Chance als Abbild einer stillen, warmen Umarmung. Und Géranium Pour Monsieur von Dominique Ropion wäre mit seiner rosig-minzigen Frische viel zu dandyhaft für die Douglas-Filiale.

Deshalb verkauft Malle seine Düfte nur in ausgewählten Fachgeschäften, die für seine großen gläsernen Kühlschränke mit den rot-schwarzen Flakons gern Platz schaffen. Die Preise der Parfums variieren je nach Wert der Rohstoffe. Sie sind meist etwa ein Drittel teurer als ein durchschnittlicher Dior-Duft. Und unendlich viel eleganter.