Schrebergärten : Zack, zack, der Sensenmann

Eine Schrebergartensiedlung ist eine Schicksalsgemeinschaft. Sie bringt den Kontakt zu Leuten mit sich, die merkwürdige Vorlieben haben. Wie Friseur Silvio Meier

An vier festgelegten Tagen im Jahr müssen wir Pächter der Schrebergartensiedlung Gemeinschaftsarbeit verrichten. Der Vorstand teilt uns in Gruppen ein und betraut uns mit ganz bestimmten Aufgaben. Wir jäten Unkraut, bessern Wege aus, säubern Wassergräben oder streichen das Vereinshaus in frischen Farben.

So zahlreich die Aufgaben auch sind, so wenig geht es darum, viel zu erledigen, sondern eher darum, sich ein wenig besser kennen zu lernen. Es gibt ein unausgesprochenes Einverständnis darüber, dass es viel wichtiger und vergnüglicher ist, sich Geschichten zu erzählen, als hart zu arbeiten. An den Tagen der Gemeinschaftsarbeit also herrscht in der Siedlung mediterrane Geselligkeit.

"Der ehemalige Präsident unseres Schrebergartenvereins ist letzte Woche gestorben", sagte der allzeit wohl informierte Herr Barg, während wird zusammen vor dem Vereinshaus standen. Wir hatten eine halbe Stunde gearbeitet und nun Gartenscheren, Schaufeln und Hacken weggelegt, um eine längere Pause einzulegen und ein wenig Bier zu trinken.

"Und unser Vizepräsident ist ebenfalls verschieden", erzählte Herr Barg weiter. Ein Raunen ging durch die Menge. Dann hörte man das Klirren von Bierflaschen. Es war ein heißer Tag und wir waren alle sehr durstig.

"Der Fritz ist auch gestorben letzte Woche, und die Frieda und die Hertha auch", sagt Herr Barg. Wieder ging ein Raunen durch die Menge. "Ein Todeswelle ist über uns hereingeschwappt", sagte ein Pächter mit dramatischem Unterton.

Ulrich Ladurner
© ladurnerfoto.de

Ulrich Ladurner ist Südtiroler, Fotograf und seit 1999 Politikredakteur der ZEIT. Als Korrespondent und Reporter berichtet er vor allem aus Krisen- und Kriegsgebieten. Für ZEIT ONLINE schreibt er über seine Schrebergartenkolonie.

"Ach was", sagte ein anderer, "wir werden nur älter. Der Generationenwandel vollzieht sich. Neue kommen nach, und wir müssen gehen."

"Ja", sagte ein dritter, "so ist der Lauf der Dinge, so ist der Lauf der Welt! Das Alte stirbt, das neue blüht!" – "Aber traurig ist es schon", sagt ein vierter.

Wir tranken wieder Bier, vermieden es aber, uns zuzuprosten. Ein dichtes Schweigen  breitete sich aus. Plötzlich schnitt eine hohe, scharfe Stimme die Stille entzwei: "Der Sensenmann geht um."

Alle Blicke richteten sich auf Silvio Meier, den Friseur. Er war grau im Gesicht, seine Augen waren glanzlos und sein Gesicht von tiefen Falten durchfurcht.

"Ja, der Sensenmann", wiederholte er mit seiner Fistelstimme. Wir erschraken, denn Silvio wusste offenbar, wovon er sprach. Hatte er in der letzten Zeit Umgang mit dem Sensenmann gehabt?

"Es ist Zeit, wieder an die Arbeit zu gehen", sagte der Präsident. Wir waren froh, denn Silvio Bemerkung hatte bei uns allen eine gewisse Beklemmung ausgelöst.

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