Schrebergärten"Wissen Sie, was 'biodeutsch' bedeutet?"

Wo Menschen gärtnern, machen sie sich auch viele Gedanken: Über sich, über andere und mit Vorliebe über ihre Nachbarn. Und deren Beruf. von 

Als ich jüngst an Frau Schneiders Garten vorbeiging, stürmte sie aus dem Haus und rief: "Hallo! Warten Sie einen Moment!"

Schnellen Schrittes ging sie auf mich zu. Sie hielt eine zusammengerollte Zeitung in der Hand und fuchtelte damit herum. "Halt!"

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Ich hielt überrascht an. Denn Frau Schneider hatte ich bisher selten zu Gesicht bekommen. Sie war eine sehr reservierte Person und außerdem die einzige in der gesamten Siedlung, die grundsätzlich jeden siezte. Sie achtete auf Distanz. Es hieß, sie sei Lehrerin gewesen, doch so genau wusste das keiner.

"Sie", sagte Frau Schneider, "Sie sind doch eine Intellektueller, nicht wahr?" Sie war außer Atem und keuchte. "Also, so würde ich das nicht sagen. Ich…" – "Sie arbeiten doch bei einer Zeitung, nicht wahr?" – "Ja, gewiss, aber ein Intellektueller…" – "Ist auch egal. Der Umgang mit Worten gehört jedenfalls zu ihrem Beruf."

Sie entrollte die Zeitung. Ihr Atem ging nun etwas ruhiger. "Können Sie mir sagen, was 'biodeutsch' bedeutet?"

Sie blickte mich an. Es lag große Entschlossenheit in ihren Augen.

"Nun, das ist so ein Begriff…", ich zögerte.

"Was heißt das: so ein Begriff? Heraus mit der Sprache! Sie sind doch bei einer Zeitung. Hier steht es!"

Sie zeigte auf einen Artikel. Sie hatte das Wort "biodeutsch" mit Leuchtmarker unterstrichen. Ich blieb vorsichtig.

"Das heißt vielleicht soviel wie 'natürlich deutsch'." – "Naturdeutsch?" – "Nun ja, das vielleicht auch…" – "Aha, und woran erkennt man einen Naturdeutschen?" – "Ich denke, das ist so ein Begriff…" – "Am blonden Haar?" Frau Schneider schüttelt ihre tatsächlich sehr blonden, sehr dichten Haare.

"Nun, das könnte gemeint sein." – "Oder an meinen blauen Augen?" Sie riss ihre tatsächlich sehr blauen Augen auf.

Ulrich Ladurner

Ulrich Ladurner ist Südtiroler, Fotograf und seit 1999 Politikredakteur der ZEIT. Als Korrespondent und Reporter berichtet er vor allem aus Krisen- und Kriegsgebieten. Für ZEIT ONLINE schreibt er über seine Schrebergartenkolonie.

"Also, Frau Schneider…" – "Schneider, genau! Ist das nicht ein biodeutscher Name? Erkennt man Biodeutsche an ihrem Namen?" Sie stemmte ihre Hände in den Hüften.

"Ich würde dem Wort nicht soviel Bedeutung geben", sagte ich, um Beschwichtigung bemüht. "Was? Das sagen Sie, der Sie mit Worten zu tun haben! Sie entwerten ihre eigene Arbeit!" Sie atmete jetzt wieder heftiger.

"Das wollte ich nicht tun." – "Das ist so, als würde ein Handwerker mit dem Hammer zuschlagen und sagen, der Hammer hat keine Bedeutung!"

Ich musste über diesen Vergleich erst einmal nachdenken. Frau Schneider wollte mir aber keine Pause gönnen. In meiner Ratlosigkeit tat ich das, was die meisten heutzutage gerne tun: Ich griff zu meinem Mobiltelefon.

Leserkommentare
  1. noch nie getroffen, gesehen oder von ihnen gehört!

    ;)

    2 Leserempfehlungen
  2. Die Quelle der Definition, "pluspedia", kann kein Deutsch. Es müsste heißen. "Als Biodeutsche werden Personen bezeichnet..."; klassischer Plural. Das Wort biodeutsch ist überflüssig wie ein Kropf. Die Biotomate heißt so, weil ihre Zucht bestimmten Vorgaben genügte und nicht, weil es sprachlogisch wäre. Die Verwendung der Silbe "Bio" ist zweckkfrei für Lebende. Das Wort ist griechischer Herkunft und leitet sich von bios (βίος), "Leben" ab. Biodeutsche sind Lebensdeutsche. Wie albern. Ich bin froh, dass es noch Leute wie Frau Schneider gibt, denen das Gespür für ihre Muttersprache nicht abhanden gekommen ist.

    4 Leserempfehlungen
  3. Bisher kannte ich Biodeutscher nur von rechten, islamfeidlichen Blogs, wie z.B. Politically Incorrect. Ich dachte bisher immer das sei eine Wortschöpfung von diesen Leuten, mit der sie zugleich noch ihr zweites Feindbild (linke, grüne Gutmenschen) diskreditieren wollten.
    Wahrscheinlich haben die das Wort aber nur übernommen, gerade weil sie davon ausgehen, dass das Wort abwertend gemeint sei. Dadurch können sie Ausländern dann mal wieder ihre eigenen Charakterschwächen vorwerfen und sich als Opfer von Diskriminierung aufspielen.

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    • gooder
    • 10. Mai 2013 22:55 Uhr

    Wenni ich mich recht erinnere, wurde der Begrif Biodeutscher zu allererst von Cem Özdmir benutzt, er hat ihn quasi "erschhaffen".Desweiteren findet der Begriff auch in Publikationen Verwendung, die weder als rechts, noch als islamfeindlich zu bezichnen sind.

  4. sind die Deutschen, die das Wort "Biodeutsche" in den Mund nehmen unheimlich stolz darauf ein "Biodeutscher" zu sein.

    Quasi "Ich bin stolz Biodeutscher zu sein."

    2 Leserempfehlungen
    • Spr.
    • 10. Mai 2013 20:15 Uhr

    stramm rechten Ecke. Bedeutungsgleich ungefähr dem Wort "Arier" aus der Zeit, der die stramm Rechten nachtrauern und die sie wieder einführen wollen.

    Eine Leserempfehlung
    • gooder
    • 10. Mai 2013 22:55 Uhr

    Wenni ich mich recht erinnere, wurde der Begrif Biodeutscher zu allererst von Cem Özdmir benutzt, er hat ihn quasi "erschhaffen".Desweiteren findet der Begriff auch in Publikationen Verwendung, die weder als rechts, noch als islamfeindlich zu bezichnen sind.

  5. ich bin Botschaftsdeutscher, also habe Deutschland verlassen... wo Bio liegt ist mir nicht bekannt...genau so wenig weiß ich wo Sicht ist... kennen Sie doch, schlechtes Wetter in Sicht...

    • Varech
    • 10. Mai 2013 23:15 Uhr

    ... als ethnische Gruppe! Hatten wir das nicht schon mal?

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    würden Sie zu Recht ausgelacht werden.

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