Als ich jüngst an Frau Schneiders Garten vorbeiging, stürmte sie aus dem Haus und rief: "Hallo! Warten Sie einen Moment!"

Schnellen Schrittes ging sie auf mich zu. Sie hielt eine zusammengerollte Zeitung in der Hand und fuchtelte damit herum. "Halt!"

Ich hielt überrascht an. Denn Frau Schneider hatte ich bisher selten zu Gesicht bekommen. Sie war eine sehr reservierte Person und außerdem die einzige in der gesamten Siedlung, die grundsätzlich jeden siezte. Sie achtete auf Distanz. Es hieß, sie sei Lehrerin gewesen, doch so genau wusste das keiner.

"Sie", sagte Frau Schneider, "Sie sind doch eine Intellektueller, nicht wahr?" Sie war außer Atem und keuchte. "Also, so würde ich das nicht sagen. Ich…" – "Sie arbeiten doch bei einer Zeitung, nicht wahr?" – "Ja, gewiss, aber ein Intellektueller…" – "Ist auch egal. Der Umgang mit Worten gehört jedenfalls zu ihrem Beruf."

Sie entrollte die Zeitung. Ihr Atem ging nun etwas ruhiger. "Können Sie mir sagen, was 'biodeutsch' bedeutet?"

Sie blickte mich an. Es lag große Entschlossenheit in ihren Augen.

"Nun, das ist so ein Begriff…", ich zögerte.

"Was heißt das: so ein Begriff? Heraus mit der Sprache! Sie sind doch bei einer Zeitung. Hier steht es!"

Sie zeigte auf einen Artikel. Sie hatte das Wort "biodeutsch" mit Leuchtmarker unterstrichen. Ich blieb vorsichtig.

"Das heißt vielleicht soviel wie 'natürlich deutsch'." – "Naturdeutsch?" – "Nun ja, das vielleicht auch…" – "Aha, und woran erkennt man einen Naturdeutschen?" – "Ich denke, das ist so ein Begriff…" – "Am blonden Haar?" Frau Schneider schüttelt ihre tatsächlich sehr blonden, sehr dichten Haare.

"Nun, das könnte gemeint sein." – "Oder an meinen blauen Augen?" Sie riss ihre tatsächlich sehr blauen Augen auf.

"Also, Frau Schneider…" – "Schneider, genau! Ist das nicht ein biodeutscher Name? Erkennt man Biodeutsche an ihrem Namen?" Sie stemmte ihre Hände in den Hüften.

"Ich würde dem Wort nicht soviel Bedeutung geben", sagte ich, um Beschwichtigung bemüht. "Was? Das sagen Sie, der Sie mit Worten zu tun haben! Sie entwerten ihre eigene Arbeit!" Sie atmete jetzt wieder heftiger.

"Das wollte ich nicht tun." – "Das ist so, als würde ein Handwerker mit dem Hammer zuschlagen und sagen, der Hammer hat keine Bedeutung!"

Ich musste über diesen Vergleich erst einmal nachdenken. Frau Schneider wollte mir aber keine Pause gönnen. In meiner Ratlosigkeit tat ich das, was die meisten heutzutage gerne tun: Ich griff zu meinem Mobiltelefon.