SchrebergärtenHeute ist Montag, da heißt er Rolf

Für Fremde ist es nicht einfach, in einer Schrebergartensiedlung Fuß zu fassen. Manchen hilft eine freundliche, zuvorkommende Art. Anderen nur ein deutscher Vorname. von 

Gute Nachbarschaft ist in einem Schrebergarten harte Arbeit.

Gute Nachbarschaft ist in einem Schrebergarten harte Arbeit.   |  © suze / photocase.com

John Goodluck zog in unsere Schrebergartensiedlung, als es noch üblich war, zu Schwarzafrikanern "Neger" zu sagen. Er hat sich darüber nicht beklagt, sondern ist diesem hässlichen Umstand mit Gelassenheit begegnet. In den ersten Tagen stellte er sich selbst den übelsten Nachbarn mit den Worten vor: "Ich bin John Goodluck, aber du kannst mich Hans nennen!" Dann streckte er die Hand aus und lächelte.

"Hans?" – "Ja. John kann man mit Hans übersetzen!" – "Ah…" – "Aber wenn Du Hans nicht gut findest, kannst Du auch Willi zu mir sagen!" – "Willi?" – "Ja", sagte John Goodluck immer freundlich lächelnd, "wenn es Dir besser passt, dann gerne auch Roland." – "Roland?" – "Oder ist Dir Horst lieber?" – "Ja, ich weiß nicht…" –"Du kannst es Dir aussuchen, nimm irgendeinen deutschen Namen, dann bin ich Dir weniger fremd!"

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Das verwirrte die Angesprochenen. Gleichzeitig gefiel ihnen das Entgegenkommen des Fremden, der in der Schrebergartensiedlung gelandet war wie ein Besucher von einem anderen Stern. Entgegen allen Erwartungen wirkte er nicht bedrohlich, er sprach fließend Deutsch – und nun bot er auch noch von sich aus an, mit einem deutschen Namen genannt zu werden! Heute würde man sagen: John holte die Nachbarn dort ab, wo sie sich damals befanden, nämlich mitten im Sumpf ihrer Vorurteile.

Wer hätte sich all die wechselnden Namen merken sollen?

Es gab einen Witzbold, der vorschlug, man könne John doch jeden Tag einen anderen Namen verpassen: Am Montag Willi, am Dienstag Rolf, am Mittwoch Martin und so weiter und so fort. Aber das war den Menschen in der Siedlung zu viel des Bösen. Sie waren nicht unempfindlich gegenüber Johns Problemen. In der Siedlung waren sie irgendwie ja alle Zugezogene. Das Neusein, das Ankommen, ist eine schwierige Sache, für beide Seiten. Das wussten sie durchaus. Darum erschien ihnen der Vorschlag des Witzboldes irgendwie unanständig, außerdem: Wer hätte sich all die wechselnden Namen merken sollen. Und was, wenn zum Beispiel einige John am Montag Willi nannten, andere aber Rolf sagten?

"Gestern hat mir Willi gesagt, dass ich heute…" – "Du meinst Rolf?" – "Nein, ich meine Willi!" – "Aber wieso Willi? Heute ist doch Dienstag und da heißt er doch Rolf?" – "Nein, ich sag's Dir: Heute ist Montag, da heißt er Horst…" –  "Horst? Eben hast Du doch Willi gesagt?!"

So oder so ähnlich wären die Gespräche verlaufen, wäre man der Idee des boshaften Witzboldes gefolgt. Wie ich meine Nachbarn einschätze, hätte es ob solcher Missverständnisse zu Handgreiflichkeiten kommen können. Die Natur hat diese Menschen ja eher rechthaberisch gebaut. Man ließ die Idee mit den wechselnden Namen für John also bleiben, schon aus praktischen Gründen. Unter den Bewohnern der Siedlung bürgerte sich für John Goodluck ziemlich schnell der Name Hans ein.

Das ist alles sehr, sehr lange her. Nicht Jahre, sondern Jahrzehnte. Längst schon ist das Wort Neger nicht nur aus der Siedlung verbannt. John "Hans" Goodluck spricht über die Demütigungen der Vergangenheit nicht.

Wie er auf die Idee mit den Vornamen gekommen war, das erzählte er mir an einem lauen Sommerabend. Wir tranken in seinem Garten ein Bier. Ingrid, sein blonde deutsche Frau habe ihn, kurz nachdem sie den Schrebergarten gepachtet hatten, ein Buch mit deutschen Vornamen in die Hände gedrückt hatte. "Die Leute hier sind nicht von Natur aus böse. Das musst Du wissen. Aber sie sind neidisch auf alle gut aussehenden Männer. Und du – mein Lieber – bist einfach umwerfend!"

Ulrich Ladurner

Ulrich Ladurner ist Südtiroler, Fotograf und seit 1999 Politikredakteur der ZEIT. Als Korrespondent und Reporter berichtet er vor allem aus Krisen- und Kriegsgebieten. Für ZEIT ONLINE schreibt er über seine Schrebergartenkolonie.

Sie küsste ihn auf die Wange und fuhr fort: "Wenn so ein schöner Mann auch noch einen so wunderbaren Namen wie John Goodluck trägt, dann kann es gefährlich werden!"

"Gefährlich?" – "Ja, gefährlich böse!"

John schwieg und staunte über die Worte seiner Frau. "Da ist es gut, wenn Du dich künstlich etwas hässlicher machst. Fang mal mit einem deutschen Vornamen an." Sie dachte nach: "Ulf zum Beispiel könntest Du dich nennen, oder Alf oder Ralf!" Dann lachten sie beide. So war das.

Und es war doch auch anders.

Aber John Goodluck erzählt aus der Vergangenheit immer nur die unterhaltsamen, die schönen Geschichten. Die schmerzhaften, die es gewiss auch gab, die lässt er weg.

Nur manchmal, wenn er in schlechter Stimmung ist – und das kommt sehr selten vor – erinnert er sich an diese Zeiten und seine Miene verdüstert sich: "Ja, es war am Anfang schon ziemlich hart hier." – "Und heute?", frage ich ihn dann, "wie ist es heute?"

"Ein bisschen weniger hart!"

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Leserkommentare
  1. Es ist traurig, dass ein Mensch schon VOR einer Begegnung davon ausgehen muss, dass man ihn nicht so akzeptieren wird, wie er ist. Es sträuben sich mir die Haare, wenn ich von einem Mann lese, der anderen Menschen verschiedene Vornamen, und damit auch verschiedene Identitäten, anbietet, in der Hoffnung, dass einer dieser Vorschläge auf Akzeptanz stoßen möge...Herr Goodluck vermittelt folgende Botschaft: Es gibt einen Grund dafür, meinen ursprünglichen Vornamen nicht zu akzeptieren. Gibt es den Grund wirklich? Sicherlich mag John mit seiner ausgefallenen Idee eher ein Einzelfall sein. Dennoch muss unbedingt auf die impliziten Botschaften und möglichen Konsequenzen dieser scheinbar harmlosen Idee zur Bewältigung von Kulturbarrieren und zwischenmenschlicher Distanz hingewiesen werden. Lieber Herr Goodluck, bitte bleiben Sie bei John!

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    • Kelhim
    • 03. Mai 2013 22:59 Uhr

    Die Geschichte handelt nicht von einem Menschen, der sich völlig unbegründet Vorurteile anderer Leute einbildete und ihnen vorauseilend mit einem deutschen Namen und Humor begegnen wollte. Sondern von einem Menschen, der sie wahrscheinlich oft genug erlebt hat. Wie ich die Geschichte verstehe, gelang es ihm auf diese Weise auch, seine neuen Schrebergarten-Nachbarn nachdenklich zu machen und für seine Situation zu sensibilisieren.

    einen Namen zu übersetzen? Das ist beispielsweise in Hans' Herkunftsland üblich.

    Zu Schulzeiten hat eine Mitschülerin von mir einmal ihren sehr kompliziert zu schreibenden und auszusprechenden Nachnamen geändert, der Vorname war auch hierzulande einigermaßen geläufig.
    Mit 13 war ich ein wenig verschossen in sie, aber leider blieb ich erfolglos. Jedoch wiesen mich einige Mitschüler auf die Problematik der Herkunft hin. Da mit ausreichender Naivität ausgestattet, fiel mir diese Xenophobie noch nicht einmal als Solche auf.
    Jahre später erzählte sie mir einmal, dass ihre Eltern beschlossen hatten, Deutschland sei nun auch die zukünftige Heimat der Familie, ein Zurück gebe es nimmermehr. Also wurde der Familienname germanisiert.
    Für die Chancengleichheit, und im Nachhinein völlig zurecht.
    Heute, Jahrzehnte später, meine Mitschülerin und alle ihre Geschwister sind Doktoren in gut bezahlten Jobs, erzeugt solch Verhalten nur noch Kopfschütteln. Aber wer einen fremdländischen Namen hat, wird weiterhin seltener zu Vorstellungsgesprächen eingeladen.
    Vielleicht war die Idee gar nicht so schlecht.

    • Kelsi
    • 03. Mai 2013 20:02 Uhr

    John klingt doch gar nicht so übel. Allemal besser als Achmed, Mustafa oder Ivan.

    *Ironiemodus Aus*

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  2. Mehr Stories aus der Schrebergartensiedlung!

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    • Kelhim
    • 03. Mai 2013 22:59 Uhr

    Die Geschichte handelt nicht von einem Menschen, der sich völlig unbegründet Vorurteile anderer Leute einbildete und ihnen vorauseilend mit einem deutschen Namen und Humor begegnen wollte. Sondern von einem Menschen, der sie wahrscheinlich oft genug erlebt hat. Wie ich die Geschichte verstehe, gelang es ihm auf diese Weise auch, seine neuen Schrebergarten-Nachbarn nachdenklich zu machen und für seine Situation zu sensibilisieren.

    5 Leserempfehlungen
    • TFox
    • 05. Mai 2013 9:02 Uhr
    5. […]

    Entfernt. Doppelposting. Danke, die Redaktion/jp

    • TFox
    • 05. Mai 2013 9:02 Uhr

    Vor allem zeigt diese Anekdote, dass Vorurteile meist auf beiden Seiten herrschen. John und Ingrid hatten ja ebensolche gegenüber ihren Kleingartennachbarn.

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  3. einen Namen zu übersetzen? Das ist beispielsweise in Hans' Herkunftsland üblich.

  4. Schrebergärten immer seltener werde diese in Deutschland, da viele oftmals platt gemacht werden für Gebäude...

    Es ist traurig und kleine grüne Inseln oder Ruhepole braucht der Mensch und hier sind die Schrebergärten auch wichtig, viele sind von Generation zu Generation vererbt geradezu vererbt worden und die Gartenzwergkolonie ist doch auch ein Stück Deutschland und Kultur...

    Vielleicht ist es an der Zeit, hier auch nach neuen innovativen Möglichkeiten zu suchen, evtl. grüne Dachoasen, unterirdische " wohlfühloasen ala Seailfe" und und kleine grüne Zonen zum Durchatmen und Innehalten, und wo sich Gemüse, Pflanzen und Bäume immer noch wohlfühlen samt der Gartenzwerge und ihrer Vielzahl an anderen Getier und Arten aller Coloure.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Bier | Garten | Gespräch | Natur
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