Schrebergärten : Nur ein Stück Erde

Warum mühen sich Großstädter mit Garten, Grill und Gerät ab? Mancher will einfach seine Ruhe. Und mancher sucht auf einer Scholle ein ganzes Heimatland.
Manchem Kosmopoliten kann ein Schrebergarten ein ganzes Heimatland ersetzen.

Der Pächter meines Nachbargartens war vor vielen Jahren gestorben, und sehr lange Zeit fand sich niemand, der das Grundstück haben wollte. Die Pflanzen wucherten, das Haus verfiel und die Vorstandsmitglieder der Schrebergartensiedlung machten besorgte Gesichter.

"Wir müssen was tun!", sagten sie jedes Mal, wenn sie bei der jährlich anstehenden Gartenbegehung diesen – wie sie ihn nannten — Schandfleck sahen. Interessenten gab es zwar viele, doch sie zogen sich stets nach der ersten Besichtigung zurück. Das Grundstück war schön, die Pacht günstig, nur das alte Schrebergartenhaus musste komplett eingerissen werden. Die Kosten schreckten alle Bewerber ab. Fast alle. 

"Hallo Nachbar!", rief er mir zu, als ich Herr Tuncay zum ersten Mal sah. Wir wechselten über den Wassergraben hinweg eine paar Worte. Ich erfuhr dabei, dass er in der Türkei geboren wurde und schon seit drei Jahrzehnten in Deutschland lebte. Ich hätte gerne weiter gefragt, doch Herr Tuncay unterbrach unser Gespräch mit den Worten. "Ich muss jetzt loslegen!" Dann drehte er sich abrupt um und begann aufzuräumen. Ich rief ihm noch ein "Gute Arbeit!" hinterher und verdrückte mich auf meine Hängematte. Es war ein sonniger, sehr heißer Tag im Juli. Es dauerte nicht lange und ich schlief ein.

Als ich aufwachte und zu Herrn Tuncay hinüberblickte, arbeitete er immer noch. Dabei war Herr Tuncay eher klein und schmächtig von Statur. Die Hecke war schon geschnitten, das Gras auch, allerlei Pflanzen gestutzt und nun war er damit beschäftigt, Müll aus dem verfallenen Haus zu schaffen. Ein fleißiger Mann. Doch schien er mir von einem Ehrgeiz getrieben, der über das in dieser Schrebergartensiedlung übliche Maß hinausging. Als wolle Herr Tuncay sich das Grundstück regelrecht einverleiben, so behände wieselte er herum, so allgegenwärtig war er.

Ulrich Ladurner
© ladurnerfoto.de

Ulrich Ladurner ist Südtiroler, Fotograf und seit 1999 Politikredakteur der ZEIT. Als Korrespondent und Reporter berichtet er vor allem aus Krisen- und Kriegsgebieten. Für ZEIT ONLINE schreibt er über seine Schrebergartenkolonie.

Später, als es bereits dämmerte und ich mich auf den Weg in die Stadt machte, ging ich noch einmal an den Wassergraben und rief ihm "Auf Wiedersehen!" zu. Er lächelte, hob die Hand und beugte sich dann über die Schubkarre, die randvoll mit Schutt gefüllt war und schob diesen auf einen bereits recht hohen Müllhaufen. 

Zehn Tage später kehrte ich in meinem Garten zurück. Und erkannte das Nachbargrundstück nicht wieder. Alles war aufgeräumt, die Wiese penibel geschnitten und an der Stelle des verfallenen Hauses stand eine nagelneues, großes Schrebergartenhäuschen und glänzte in frischen Farben. Zwischen all den in die Jahre gekommenen Häuschen rief es: "Seht her! Ich bin da!"   

"Schön haben Sie das alles gemacht. Und was für ein Haus Sie da haben!", sagte ich zu Herrn Tuncay. Er bedankte sich und war sichtlich stolz auf sein Werk. Ich war ein wenig neidisch.

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Ein Jahr lang hatte ich auch einen Schrebergarten

Doch der Schrebergarten und ich haben nie so richtig zu einander gefunden. Oftmals stellten sich die Vereinsatzung und deren gewählten Vertreter zwischen uns. Nach einem Jahr habe ich die Beziehung beendet. Doch ich bin um eine Einsicht reicher geworden: sei Herr auf der eigenen Scholle. Dank einer festen, gemauerten Hütte (mit Wasser, Licht und Klo) habe ich noch etwas Positives habe ich mitgenommen. Ich hatte die Angst vor einem Hausbau verloren.