Schrebergarten-KolumneHerr Knacks ganzer Stolz

Hinter der Hecke hört man Getuschel: Was wird aus einer thailändischen Schönheit, wenn sie sich im Finkenweg niederlässt? Eine neue Folge der Schrebergarten-Kolumne von 

Frau Sarins Stimme gellt über die Hecke.

Frau Sarins Stimme gellt über die Hecke.  |  © zettberlin/photocase.com

Nach seiner zweiten Scheidung im Jahr 1985 hatte Herr Knack endgültig genug von den Frauen. Lieber allein als mit Frau — das war die Überzeugung, nach der er künftig zu leben gedachte. Doch nach ein paar Monaten bitterer Einsamkeit kam er zu dem Schluss, dass er nicht von den Frauen genug hatte, sondern von den deutschen Frauen.

Ich habe gekocht, also musst du das Geschirr spülen!
Ich habe geputzt, also musst du einkaufen!
Ich habe gebügelt, also musst du Wäsche aufhängen!

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So redete die deutsche Frau, dachte Herr Knack. Nie schenkt sie einem was, nie gibt's was umsonst, keine Großzügigkeit nirgendwo.

Und trotzdem: Eine Frau wollte er schon, nur anders eben als die deutschen Frauen sollte sie sein. Also fuhr Herr Knack nach Thailand, um sich eine Frau zu suchen. Nein, Herr Knack fuhr nicht als Sextourist dahin! Das kann ich zwar nicht bezeugen, aber ich bin mir sicher. Herr Knack ist nicht so einer.


Er wollte eine ernsthafte Beziehung, etwas fürs Leben. Pflegeleicht sollte die Frau allerdings schon sein. Das – so hatte er gehört — waren die Thailänderinnen. Mit ihnen müsse man nicht dauernd über etwas verhandeln, ja nicht mal viel reden müsse man. Die verstünden auf Anhieb, was Mann wollte. "Das", sagte mir Herr Knack, "habe ich alles geglaubt".

Damals, in den achtziger Jahren, gab es noch nicht so viele deutsche Männer, die sich Frauen aus fernen Ländern holten, um den heimischen zu entgehen. Herr Knack war ein Pionier. In der Schrebergartensiedlung war er eine Sensation.

Einst war sie das hübscheste Wesen in der Kolonie

Als er im Frühjahr 1986 zum ersten Mal mit seiner frisch geehelichten thailändischen Frau stolz über den Finkenweg zu seinem Schrebergarten schritt, staunten die Bewohner der Siedlung über das ungleiche Paar. Hässlich war Herr Knack gewiss nicht, aber ein wenig ungepflegt wirkte er schon. Er war nicht ein Mann, dem sich eine Frau, ohne zu zögern, in die Arme werfen würde. Die Thailänderin an seiner Seite aber war das hübscheste Wesen, das seit Bestehen der Siedlung gesichtet worden war. Sie hieß Sarin. In den folgenden Jahren war sie von Frühjahr bis Herbst im Garten zu sehen. Sie suchte den Kontakt zu den anderen Bewohnern nicht, lehnte ihn aber auch nicht ab, wenn ihr einer angeboten wurde. Die Frauen schnitten sie meist, die Männer stellten ihr nach. Frau Sarin blieb nach allen Richtungen hin freundlich distanziert. Sie ließ sich nicht aus der Fassung bringen, nicht von den gehässigen, neidischen Frauen und auch nicht von den lüsternen Männern.

Mochte sie ihre Nachbarn? Verachtete sie sie? Waren sie ihr gleichgültig?

Das konnte man nicht sagen. Sie setzte das immer gleiche Lächeln auf. Nichts an ihr veränderte sich. Nur dicker wurde sie, recht schnell sogar. Das erfüllte die Frauen der Siedlung mit stiller Genugtuung. Warum sollten es Thailänderinnen leichter haben als wir, dachten sie.

Die Männer brauchten lange, um sich von dem Bild zu trennen, das sie sich von Sarin gemacht hatten, doch schließlich mussten selbst sie einsehen, dass das Leben an der Seite von Thailänderinnen nicht leicht sein dürfte. Sarin wurde nämlich nicht nur dick, ihre Stimme bekam einen scharfen, gellenden Unterton.
1990 dann schaffte Herr Knack auf Wunsch seiner Frau eine Hollywoodschaukel an. Sarin ließ sich dort nieder und stand nie wieder auf.

Ulrich Ladurner

Ulrich Ladurner ist Südtiroler, Fotograf und seit 1999 Politikredakteur der ZEIT. Als Korrespondent und Reporter berichtet er vor allem aus Krisen- und Kriegsgebieten. Für ZEIT ONLINE schreibt er über seine Schrebergartenkolonie.

Das behaupteten die Nachbarn. Ich kann es nicht überprüfen, denn ich habe den Schrebergarten noch nicht so lange. Doch kann ich sagen, dass ich Sarin immer in der Hollywoodschaukel liegen sehe, wenn ich auf dem Weg zu meinem Garten an ihrem vorbeikomme. Rund und zufrieden sieht sie aus. Meist schläft sie. Wenn sie aufwacht, ruft sie mit gellender Stimme nach ihrem Mann. Herr Knack eilt dann sogleich herbei, um ihr jeden Wunsch zu erfüllen. Er sieht dabei nicht glücklich aus, sondern eher wie jemand, der eine Niederlage erlitten hat, es aber nicht zugeben möchte. Herr Knack hatte einen Traum, und der lag nun auf der Hollywoodschaukel und kommandiert ihn herum.

"Seht ihr", sagen die Frauen des Schrebergartens zu ihren Männern, "das kommt davon, wenn man sich eine Frau aus fernen Ländern holt!" Die Männer lächeln zerknirscht, verziehen sich hinter der nächsten Hecke und denken an Herrn Knack, der in die Welt hinauszog, um das Beste für sich zu holen, es aber nicht bekam.

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Leserkommentare
  1. Ich mag die Schrebergartengeschichten von Herrn Ladurner. Die Menschlichkeit stellt er bisher in jeder Folge bestens heraus, das Ende bleibt meist offen. "Nur ein Stück Erde" hat mir bisher am Besten gefallen, gleich danach kommt diese Geschichte. Die Erwartungshaltungen der beiden Männer traf auf die eigenständigen Frauen.

    Herr Ladurner, Bitte schreiben sie weiter.

  2. Es ist ärgerlich, wenn schon in der Überschrift der erste Bock geschossen wird: "Herr" Ladumers Probleme.
    Dass wir nicht Herrn Knacks Vornamen erfahren, sondern nur den seiner Frau, ist nicht die feine Art, mag aber als Stilmittel noch durchgehen, weil Sarin der bekannte Name für das Nervengas 2-(Fluoro-methylphosphoryl)oxypropan ist.

    Ist das wirklich so: "Die Männer lächeln zerknirscht, verziehen sich hinter der nächsten Hecke und denken an Herrn Knack..."? Die Männer werden wohl nicht Hand an sich legen, indem sie sich selbst verziehen, sondern sie verziehen sich hinter die nächste Hecke.

    Eine Leserempfehlung
  3. ...für mich bedeutet der Schrebergarten seit 30 Jahren etwas ganz anderes.
    Anbauen von Gemüse, das die Familie genießt, erste Erfahrungen der Kinder mit der Gärtnerei und jedes Jahr weitere Kompetenzen erlangen. Bemerkenswerte Nachbarschaften mit guten Gesprächen und gegenseitiger Hilfe.
    Die Freiheit, einen Garten so lange zu bewirtschaften, wie es Freude macht und die Energie reicht, um ihn dann aber zum passenden Zeitpunkt abzugeben und sich im Stadthaus nicht mehr belasten zu müssen.

    Aber trotzdem o.k., wenn manche Leser ihre Freude an den Geschichten Herrn Ladurners haben...

  4. Spaß an diesen Geschichten, bitte mehr davon.

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  • Serie Hinter der Hecke
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Garten | Scheidung | Beziehung | Sarin | Thailand
  • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

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