Hinter der Hecke : Ein Nashorn im Schrebergarten

Die ganze Kolonie fragt sich, warum Frau Schneider die schönsten Blumen hat. Unser Kolumnist Ulrich Ladurner forscht nach und lässt sich mit Currypulver benebeln.
Frau Schneiders Lebensmotto: Lesen treibt die schönsten Blüten.

Frau Schneider sieht man selten im Garten arbeiten, und doch hat sie die prächtigsten Blumenbeete der ganzen Siedlung. Den Nachbarn ist das ein Rätsel, ein ärgerliches Rätsel.

"Ach, Frau Schneider, wie schön ihre Blumen schon wieder blühen! Wie sie duften! Wie sie leuchten! Wie kriegen Sie das bloß hin?" Das sagen die Nachbarn zwar, wenn sie an Frau Schneiders Garten vorbeigehen, aber insgeheim sind sie neidisch. Und weil sie neidisch sind, huschen ihnen ein paar missmutige Gedanken durch den Kopf. Die sitzt doch immer im Gartenstuhl und liest! Die ist doch faul! Die verdient sich das nicht!

Es kursieren alle möglichen Gerüchte über Frau Schneiders Gartenkunst. Sie sind nicht schmeichelhaft, weshalb ich sie hier nicht wiedergeben möchte. Die Bewohner der Schrebergartensiedlung neigen manchmal dazu, Dinge, die sie nicht verstehen, mit kleinen Bösartigkeiten zu versehen, um sie sich auf Distanz zu halten. Eine immerzu Bücher lesende Frau, die in einem Gartenstuhl sitzt, das ist eine Sache, die ihnen eher fremd ist. Bücher sind nicht sehr verbreitet in meiner Siedlung.

Eines Tages ging ich kurz entschlossen zu Frau Schneider und fragte sie, wie sie denn so wundervolle Blumen heranziehen könne.
"Was ist ihr Geheimnis?", fragte ich vorsichtig ich über die Hecke hinweg.
"Es ist wegen Clara."
"Clara?"
"Ja, Clara, das Nashorn."

Frau Schneider bemerkte mein Staunen. Wie um mich zu beruhigen, öffnete sie das Gartentor und lud mich zum Tee ein. Es war das erste Mal, dass ich ihren Garten betrat. Es duftete so stark, dass mir fast schwindlig wurde. Wir setzten uns auf die Veranda. Auf einem winzigen Gartentisch stapelten sich Bücher.
"Sie lesen viel, nicht wahr? "
"Die einzige Beschäftigung, die sich lohnt", antwortete Frau Schneider und verschwand in ihrem Häuschen. Nach wenigen Minuten kam sie mit Tee und Keksen zurück.   
"Also, was ist mit Clara?", fragte ich.

Frau Schneider wirkte etwas zerstreut, als sie sagte: "Ja, Clara. Sie ist 1741 nach Europa gekommen, das erste Nashorn überhaupt. Die Europäer wussten, dass es so ein Tier gibt, aber wie es aussah... "
Sie setzte sich in den ihren Gartenstuhl, schlürfte Tee und biss in einen Keks.
"...wie es aussah, das hat eine Dummheit Dürers über zwei Jahrhunderte lang bestimmt."  
"Eine Dummheit Dürers?  Er war doch ein Genie", entgegnete ich. Doch sie ging darauf gar nicht erst ein.
"Dürer hat 1515 in einem Holzschnitt ein Nashorn dargestellt. Selbst hat er es nicht gesehen, er hat es wahrscheinlich nach Erzählungen angefertigt. Danach glaubte man, ein Nashorn müsse so aussehen wie das von Dürer."
"Ja, ich glaube, dieses Bild habe ich schon mal gesehen."
"Und?", fragte sie mich, "Woran können Sie sich erinnern?"
"Naja, es ist ein schweres, massives Tier..."
"Massiv? Wie einen Panzer hat Dürer es gemalt. Mit zwei Hörnern. Es sieht aus wie ein Dinosaurier. Absolut furchterregend."
"Nashörner sind keine Kuscheltiere."
"Aber es sind auch keine Monster, wie dieser dumme Dürer..."
"Dumm war er gewiss nicht!", unterbrach ich sie.
"Geschenkt, aber er hat Dummheiten gemacht!"
"Wie wir alle."
Sie schaute mich aus großen blauen Augen an.
"Wie? Sie machen auch Dummheiten?"
Ich hatte das Gefühl, dass wir vom Thema abkamen.

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