Kolumne "Hinter der Hecke"Maos Kämpfer im Strebergarten

In der Gartenkolonie gibt es nicht nur organischen Abfall, sondern auch organische Intellektuelle. Eine schmerzhafte Erfahrung für unseren Kolumnisten Ulrich Ladurner von 

Herr Martinus gießt die zarten Pflänzchen eines widerständigen Geists.

Herr Martinus gießt die zarten Pflänzchen eines widerständigen Geists.  |  © idee23/photocase.com

Herr Martinus ist ein Intellektueller, der darauf Wert legt als solcher bezeichnet zu werden. Als wir uns das erste Mal begegneten, stellte er sich mit eben diesen Worten vor: "Martinus, Intellektueller!" Ich dachte, er mache einen Scherz. Doch Martinus zog seine buschigen Augenbrauen zusammen und starrte mich forschend an.

"Verstehen Sie, was ich meine? Verstehen Sie, was ein Intellektueller ist?"
"Ein Mann, der viele Bücher gelesen hat", antwortete ich.
"Ganz falsch. Ganz falsch!" Er wedelte mit beiden Händen in der Luft herum. Dann sagte er mit bedeutungsschwerer Stimme: "Ein Intellektueller ist ein Mann, der die richtigen Bücher gelesen hat!"

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Martinus verschränkte die Arme vor der Brust. Wenn er nicht so schmächtig wäre, würde ich sagen, er baute sich vor mir auf wie ein Türsteher, der den Zugang zu einem sehr populären Nachtklub bewacht. Doch in seinem Rücken lag nur sein Schrebergarten, ein armseliges Stück Grün mit einem fleckigen, von Wind und Wetter gezeichneten Häuschen.

"Welche Bücher meinen Sie denn?"
"Peter Weiss, Die Ästhetik des Widerstands zum Beispiel!"
"Fast 1.000 Seiten, wenn ich mich recht erinnere."
"Ja, ziemlich richtig."

Ich war stolz darauf, dass ich mich an die ungefähre Seitenzahl dieses Monumentalwerkes erinnern konnte. Martinus schien das zu bemerken. Meine einzig wirklich bleibende Erinnerung an das Buch war, dass es mir vor vielen Jahren beim Lesen im Bett aus der Hand rutschte und mit seinem beträchtlichem Gewicht auf die Nase fiel. Aber das erzählte ich Martinus nicht.

Deklamation vor blassem Grün

Er öffnete seine Arme, legte die Hände an seine Seitentasche und deklamierte mit lauter Stimme: "Wir hörten die Hiebe der Knüppel, die schrillenden Pfeifen, das Stöhnen, das Plätschern des Bluts."
Dann legte er eine Pause ein. Ich schwieg.
"Na, kommt Ihnen das bekannt vor?"
"Es klingt nach Peter Weiss." 

Was sollte ich sonst sagen? Martinus blickte mich immer noch mit durchdringendem Blick an wie einen Studenten, der zu einer harten Prüfung angetreten war. Ich schaute über seine Schultern hinweg auf das Stück Grün, das er sein Eigen nannte und versuchte verzweifelt, eine Frage zu formulieren oder irgendetwas zu sagen, das mich aus der Lage befreien konnte.

Da fragte er: "Wo steht das Zitat?"
"Wie? Wo steht das?"
"'Wir hörten die Hiebe der Knüppel, die schrillenden Pfeifen, das Stöhnen, das Plätschern des Bluts.' Welche Seite? Welcher Band?"
"Sind Sie denn etwa Germanist?", fragte ich ihn.
"Nein, Soziologe. Welche Seite?"
"Ich kapituliere!", sagte ich rundheraus, um mich jeder weiteren Prüfung zu entziehen.
"Band 1. S 14!"
"Wow, Sie haben aber ein Gedächtnis!"

Martinus sagte mit unbewegter Miene: "Ich habe Die Ästhetik des Widerstands auswendig gelernt."
"Was?"
"Ich habe das Buch auswendig gelernt."
"Ehrlich?"

Leserkommentare
  1. ...oder sagen wir: nett ausgedacht. Wer seitenweise Dialoge wörtlich zitieren kannt, müsste - ohne Recorder - schon ein phänomenales Gedächtnis haben.

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    er zitiert Band 1, Seite 14. Also ganz am Anfang. Das ist schon irgendwie verdächtig.

    • Hainuo
    • 25. Juni 2013 1:29 Uhr

    Noch nie mit chinesischen Historikern zusammengearbeitet, oder? Die gucken nicht mehr in die verschiedenen Dynastiegeschichten, die schreiben ihre benötigen Passagen in ihren Artikeln nicht selten aus dem Kopf. Klar, da verändert sich mal ein Zeichen, nicht der Sinn freilich, aber das Zeichen. Und schon findet man die Passage schwerer. Trotzdem, ist nichts, was nicht sein kann. Zumal der Herr ja wahrscheinlich fleissig die Maobibel gelernt hat... Börks... Intelektuell...

    • sane
    • 25. Juni 2013 6:15 Uhr

    Besuchen Sie mal eine Kirche, Moschee oder Synagoge.

  2. er zitiert Band 1, Seite 14. Also ganz am Anfang. Das ist schon irgendwie verdächtig.

  3. so Zeug auswendigzulernen.

    Eine Leserempfehlung
    • Hainuo
    • 25. Juni 2013 1:29 Uhr

    Noch nie mit chinesischen Historikern zusammengearbeitet, oder? Die gucken nicht mehr in die verschiedenen Dynastiegeschichten, die schreiben ihre benötigen Passagen in ihren Artikeln nicht selten aus dem Kopf. Klar, da verändert sich mal ein Zeichen, nicht der Sinn freilich, aber das Zeichen. Und schon findet man die Passage schwerer. Trotzdem, ist nichts, was nicht sein kann. Zumal der Herr ja wahrscheinlich fleissig die Maobibel gelernt hat... Börks... Intelektuell...

    • sane
    • 25. Juni 2013 6:15 Uhr

    Besuchen Sie mal eine Kirche, Moschee oder Synagoge.

    • Atan
    • 25. Juni 2013 9:41 Uhr

    mit allerlei üblen und gewalttätigen Ecken dieser Welt auseinandersetzt, für mich taucht er so unerwartet in einer Schrebergartenkolonie auf, wie dieser einsame Ex-Maoist.
    Und daher kaufe ich ihm jeder seiner Geschichten ab und freue mich darüber. Ich liebe harmlose und idyllische Geschichten, und habe bei Ladurner da immer diesen kleinen Kitzel im Nacken, als Opa vom Krieg flunkerte.
    Genauso sollte man eine Geschichte erzählen, weshalb ich hoffe, er findet eine Heimat dort und lernt die Marotten seiner Mitschreber zu schätzen.

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  4. 7. Schön

    Sehr respektvoll geschrieben.

    Das hätte ich bei diesem Mann wohl nicht gekonnt.

    2 Leserempfehlungen
  5. Sehr schöne Geschichte. Aber über den Pergamon-Altar ist Herr Martinus wohl nicht wirklich raus gekommen. Bekanntes Phänomen!
    "Waren wir unter uns, so führten uns praktische Erwägungen auch zu diesem Gebilde, das sich Kultur nennen ließ und an dem die Qualitäten der suchenden Stimmen hafteten, mit den Gesten generationenlanger Erfahrungen, dem Ansäen des Stolzes und der Würde."
    Und schon sind wir wieder im Garten, knien zwischen Beeten und sind stolz auf die Würde des Angesäten. Zumindest solange die Kleingarten-Vorstände das "Intellektueller!" entschuldigend hinter vorgehaltener Hand tuscheln.

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    Das ist natürlich schon schlimm mit den "praktischen Erwägungen"! Es geht schließlich um die Cultuuuuuuur!

    Aber ob Martinus da der richtige Pappkamerad ist? Sind nicht die allermeisten Hochschul- und Bildungsratgebe- und informationsberichterstattungsartikel viel eher und stärker diesen "praktischen Erwägungen" geschuldet, und das ganz unverhohlen und schon "mit Anfang 20"?

    Und gilt das nicht auch, wenn Leute eine Art Ästhetik-FDP vertreten, und dann plötzlich in Brecht, Weill, Aporno usw. machen, bloß weil das aktuell wieder (ein ganz klein wenig)angesagt ist? Wenn sie sich auch für solche Dinge die Nase einweißen lassen, die sie nun ABSOLUT NICHT verkörpern?

    Wenn für Leute Inhalte GENERELL nur dazu dasind, verdampft und verwässert zu werden und Vorwand zu sein für eine Präsentation FORMALEN Könnens?

    Wenn PERMANENT rumgekokelt und ausgegrenzt wird, man die Brandstifter aber ausgerechnet im Kleingarten sucht?

    Wenn noch die schrillsten Culturellos vor Biederkeit und praktischen Erwägungen kaum laufen können? Wenn es das gute Recht eines Journalisten ist, einen innerbürgerlichen Konkurrenzkampf als "Sorge um die Wissenschaft" zu verkaufen und dabei die Positionen seiner Brotgeberin von gestern komplett zu zertrampeln? Wenn jede Gegenwehr aber eine Hassoffensive auslöst? Wenn ganze Artikel nur zur Abwehr der "Gefahr aus dem Kleingarten" geschrieben werden? Wenn Tratschweibertum (m/w) die restlichen Motive liefert?

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  • Schlagworte Karl Marx | Peter Weiss | Buch | Mao Zedong | Widerstand | Ästhetik
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