Herr Martinus gießt die zarten Pflänzchen eines widerständigen Geists.

Herr Martinus ist ein Intellektueller, der darauf Wert legt als solcher bezeichnet zu werden. Als wir uns das erste Mal begegneten, stellte er sich mit eben diesen Worten vor: "Martinus, Intellektueller!" Ich dachte, er mache einen Scherz. Doch Martinus zog seine buschigen Augenbrauen zusammen und starrte mich forschend an.

"Verstehen Sie, was ich meine? Verstehen Sie, was ein Intellektueller ist?"
"Ein Mann, der viele Bücher gelesen hat", antwortete ich.
"Ganz falsch. Ganz falsch!" Er wedelte mit beiden Händen in der Luft herum. Dann sagte er mit bedeutungsschwerer Stimme: "Ein Intellektueller ist ein Mann, der die richtigen Bücher gelesen hat!"

Martinus verschränkte die Arme vor der Brust. Wenn er nicht so schmächtig wäre, würde ich sagen, er baute sich vor mir auf wie ein Türsteher, der den Zugang zu einem sehr populären Nachtklub bewacht. Doch in seinem Rücken lag nur sein Schrebergarten, ein armseliges Stück Grün mit einem fleckigen, von Wind und Wetter gezeichneten Häuschen.

"Welche Bücher meinen Sie denn?"
"Peter Weiss, Die Ästhetik des Widerstands zum Beispiel!"
"Fast 1.000 Seiten, wenn ich mich recht erinnere."
"Ja, ziemlich richtig."

Ich war stolz darauf, dass ich mich an die ungefähre Seitenzahl dieses Monumentalwerkes erinnern konnte. Martinus schien das zu bemerken. Meine einzig wirklich bleibende Erinnerung an das Buch war, dass es mir vor vielen Jahren beim Lesen im Bett aus der Hand rutschte und mit seinem beträchtlichem Gewicht auf die Nase fiel. Aber das erzählte ich Martinus nicht.

Deklamation vor blassem Grün

Er öffnete seine Arme, legte die Hände an seine Seitentasche und deklamierte mit lauter Stimme: "Wir hörten die Hiebe der Knüppel, die schrillenden Pfeifen, das Stöhnen, das Plätschern des Bluts."
Dann legte er eine Pause ein. Ich schwieg.
"Na, kommt Ihnen das bekannt vor?"
"Es klingt nach Peter Weiss." 

Was sollte ich sonst sagen? Martinus blickte mich immer noch mit durchdringendem Blick an wie einen Studenten, der zu einer harten Prüfung angetreten war. Ich schaute über seine Schultern hinweg auf das Stück Grün, das er sein Eigen nannte und versuchte verzweifelt, eine Frage zu formulieren oder irgendetwas zu sagen, das mich aus der Lage befreien konnte.

Da fragte er: "Wo steht das Zitat?"
"Wie? Wo steht das?"
"'Wir hörten die Hiebe der Knüppel, die schrillenden Pfeifen, das Stöhnen, das Plätschern des Bluts.' Welche Seite? Welcher Band?"
"Sind Sie denn etwa Germanist?", fragte ich ihn.
"Nein, Soziologe. Welche Seite?"
"Ich kapituliere!", sagte ich rundheraus, um mich jeder weiteren Prüfung zu entziehen.
"Band 1. S 14!"
"Wow, Sie haben aber ein Gedächtnis!"

Martinus sagte mit unbewegter Miene: "Ich habe Die Ästhetik des Widerstands auswendig gelernt."
"Was?"
"Ich habe das Buch auswendig gelernt."
"Ehrlich?"