Kolumne "Hinter der Hecke"Einbürgerungstest im Schrebergarten

Ein Sturm zieht auf über der Kolonie. Herrn Tuncay weht eine verdreckte Deutschlandfahne vor die Füße. Plötzlich sieht er seine Nachbarn mit neuen Augen. von 

Vor dem Sturm war sie Herrn Landmanns ganzer Stolz.

Vor dem Sturm war sie Herrn Landmanns ganzer Stolz.  |  © ts-grafik.de/photocase.com

An einem stürmischen Tag, die Wolken hingen tief über der Siedlung, der Wind riss an Türen und Fenstern unserer bescheidenen Häuschen, an einem solchen Tag flog Herrn Tuncay die deutsche Nationalflagge zu. Ausgerechnet Tuncay, der schon seit mehr als dreißig Jahren in Deutschland lebte, doch sich nicht dazu entschließen konnte, deutscher Staatsbürger zu werden.

"Lange genug bin ich ja hier!", sagte er und fügte im gleichen Atemzug hinzu: "Aber was, wenn ich doch noch in die Türkei zurückkehren sollte? Dann wäre ich dort mit einem deutschen Pass ja Ausländer, in meiner Heimat!" Solche beängstigenden Gedanken hinderten Tuncay daran, die Staatsbürgerschaft zu beantragen, die – das gab er ganz offen zu – ihm eine ganze Reihe von Vorteilen bringen würde. Außerdem, seine Kinder waren hier geboren, seine Frau fühlte sich wohl, und er fieberte zwar immer noch mit der türkischen Fußballnationalmannschaft, doch wenn diese gegen die deutsche Nationalmannschaft antrat, stürzte ihn das regelmäßig in einen Gewissenskonflikt. Tuncay war irgendwie Deutscher, das Wort benutzte er selbst: "irgendwie". Aber offiziell ein Deutscher zu werden, das schaffte er nicht. Doch dann fiel ihm die deutsche Fahne vor die Füße.

Anzeige

Er trat aus seinem Häuschen, um alles, was nicht niet- und nagelfest war, aus dem Garten zu holen und vor dem Sturm in Sicherheit zu bringen. Da nahm er aus den Augenwinkeln einen vorbeihuschenden Schatten wahr. Etwas Nasses landete mit einem lauten Klatschen auf der Terrasse. Zuerst dachte Tuncay, es sei ein Sonnensegel, doch dann sah er, dass es die deutsche Flagge war. Über und über mit Schlamm bedeckt, der Stoff zerschlissen, an den Enden ausfransend, sah sie mitgenommen aus. 

Herrn Tuncay packt das Mitgefühl

Tuncay nun ist ein Mann, der für alles, was schwach, hilflos und angeschlagen ist, ein instinktives Mitgefühl empfindet. Ganz egal, ob es sich um Menschen, Tiere oder um Sachen handelt. Tuncay wird beim Anblick einer Beschädigung, einer körperlichen wie einer seelischen, von mütterlichen Schutzinstinkten überwältigt. Er hob die Fahne vorsichtig auf, denn er wollte auf keinen Fall, dass sich die Risse vertieften, die sich in ihr schon abzeichneten. Er betrachtete sie eingehend und strich dann mit der Hand langsam über den Stoff wie ein Arzt, der das Opfer eines Unfalls auf Verletzungen prüft.

"Ich sollte sie schnell ins Trockene bringen", dachte er und ging auf sein Häuschen zu. Da schrie jemand von der Hecke her: "Heh, meine Fahne! Das ist meine Fahne!"

Herr Landmann übertönte mit seinem gewaltigen Stimmorgan mühelos das Brausen des Sturmes, doch Tuncay tat so, als hätte er ihn nicht gehört und öffnete die Tür zu seinem Häuschen. Er mochte Landmann nicht, denn er war ihm bei der Gemeinschaftsarbeit schon mehrmals mit dummen Sprüchen gekommen, nichts Ausländerfeindliches, nein, einfach nur dummes Zeug. Landmann ist Gabelstaplerfahrer im Hafen und er gehört nicht zu den empfindsamen Naturen. Er ist einer der wenigen Pächter der Siedlung, die eine deutsche Fahne in ihrem Garten hissen.

Wer Landmann deswegen als Nationalisten bezeichnet, der bekommt etwas zu hören: "Ich, Nationalist! Spinnst du! Die Fahne habe ich 1990 zum ersten Mal aufgehängt als wir Weltmeister wurden, wenn ich was bin, dann Fußballnationalist!"

Man glaubt es ihm, denn Landmanns Vater war Nazi gewesen, ein unbelehrbarer, auch nach dem Krieg. Der Sohn hasste ihn dafür und er entwickelte ein gebrochenes Verhältnis zu seinem Heimatland. Wenn man ihn in all seiner Grobschlächtigkeit sieht, würde man ihm so viel Reflexion nicht zutrauen, doch Landmann ist der Beweis dafür, dass auch Gabelstaplerfahrer sich von der deutschen Geschichte prägen lassen. Als er die Fahne 1990 aufzog, da war es kein Zeichen dafür, dass er sich mit seinem Vater, dem Nazi versöhnt hatte, aber es war ein Schritt in Richtung Versöhnung mit dem eigenen Land. Darum war ihm diese Fahne auch wichtig, diese und keine andere.

Leserkommentare
    • Sabato
    • 14. Juni 2013 15:31 Uhr
    1. [...]

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/mak

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    wenn es ihnen nicht passt. Ich finde jedenfalls dass es uns hier sehr gut geht. Außerdem werden wir immer weniger und brauchen Leute aus dem Ausland.

    • Oakham
    • 14. Juni 2013 16:21 Uhr

    ... Häuschen in der Laubenkolonie, die deutsche Fahne wird geföhnt, und dann noch diese besondere Art, andere Menschen einfach zu ignorieren: der Mann ist so deutsch, deutscher gehts doch gar nicht.
    Ich würde sagen: Gebt ihm schnell den deutschen Pass. Wir brauchen solche Leute.

    13 Leserempfehlungen
  1. >> hatte Tuncay schon beschlossen, deutscher Staatsbürger zu werden. <<

    ... gut, denn solche Leute ...

    >> Tuncay nun ist ein Mann, der für alles, was schwach, hilflos und angeschlagen ist, ein instinktives Mitgefühl empfindet. <<

    ... können wir brauchen. Hoffentlich ist die Geschichte wahr :-)

    Wenn ja: Herzlich willkommen, Herr Tuncay.

    13 Leserempfehlungen
  2. wenn es ihnen nicht passt. Ich finde jedenfalls dass es uns hier sehr gut geht. Außerdem werden wir immer weniger und brauchen Leute aus dem Ausland.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "[...]"
  3. Das ist eine wundervolle Geschichte von zwei Lebensrealitäten, die im Grunde gar nicht so weit auseinanderklaffen, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag.

    Das Schöne an ihr ist, daß sie so gänzlich unpolitisch ist, ihre Ende völlig offen, aber dennoch der erste Schritt zur Verständigung vollbracht ist.

    Worüber Herr Tuncay und Herr Landmann sich wohl so alles unterhalten werden? Welche Gemeinsamkeiten und welche Differenzen Sie wohl feststellen?

    8 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Worüber Herr Tuncay und Herr Landmann sich wohl so alles unterhalten werden? Welche Gemeinsamkeiten und welche Differenzen sie wohl feststellen?"

    Das würde auch mich interessieren. Was ich an dem lesenswerten Artikel vermisse ist, dass nicht davon berichtet, nicht wenigstens angedeutet wird, wie Herr Landmann reagierte als Herr Tuncay diesem dessen Fahne gereinigt und getrocknet zurückreichte (ich nehme an, dass man davon ausgehen kann, dass Herr Tuncay dies tat), und wie sich das Verhältnis zwischen Herrn Landmann und Herrn Tuncay im Folgenden entwickelt hat.

  4. Ich muss Ihnen jetzt wirklich ein Kompliment machen, Ich finde Ihre Artikel zwischen Migration und Schrebergarten Kultur einfach toll. Sie sind einer der wenigen Autoren die diese typisch Amerikanische Schreibweise beherrscht.

    7 Leserempfehlungen
    • mugu1
    • 14. Juni 2013 17:14 Uhr

    ...ob es nun eine Geschichte ist über den "irgendwie Deutschen" Herrn Tuncay, der durch so etwas simples und doch auch anscheinend irgendwie emotional bedeutendes wie eine Fahne sich trotz seiner vorhandenen Gefühle für seine frühere Heimat, der er sich weiterhin und richtigerweise auch weiterhein verbunden fühlt, durchringt, die Staatsbürgerschaft des Landes anzunehmen, in dem er seit so vielen Jahren lebt und arbeitet...oder die des deutschen Herrn Landmann, der früher mit Deutschland aufgrund der Vergangenheit gebrochen hatte und seine deutsche Identität in der Strömung des Gewinns der Fußball-WM 1990 wieder kittete und nun sogar ein Gefühl des Stolzes auf das neue Deutschland empfindet (symbolisiert dadurch, dass er so unaufhaltsam "seiner" Fahne nachjagt).

    So oder so... eine schöne, weil interessante Geschichte. Eine Geschichte bei der ich ein wenig ins Grübeln komme und mich zudem frage, ob sie einfach nur frei erfunden ist oder tatsächlich so passiert ist?

    P.S.: Falls jemand den 1.Absatz nicht sofort in seiner Gänze aufgrund des Riesenschachtelsatzes versteht...kein Problem. Ich musste ihn auch erst noch 2 Mal durchlesen, ehe ich ihn für mich persönlich freigab.

    2 Leserempfehlungen
  5. ...hat mir gut gefallen. Ein Text, der total weit geht, in der Fantasie und in allem.
    Sehr gut, vielen Dank dafür!

    Eine Leserempfehlung

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Models present creations from the Felder &amp; Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

    Vom Rand des Laufstegs

    Aktuelle Berichte von den Schauen in New York, London, Mailand, Paris und Berlin auf ZEIT ONLINE

    • Kochblog: Nachgesalzen

      Nachgesalzen

      Die Meisterköche Karl-Josef Fuchs, Jürgen Koch und Christian Mittermeier verraten ihre Tipps und Tricks

      • : Hinter der Hecke

        Hinter der Hecke

        Eine Schrebergarten-Kolonie ist ein eigener Kosmos. Unser Kolumnist Ulrich Ladurner erforscht ihn und seine Bewohner mit Demut, Feinsinn und Humor.

        • ZEITmagazin: Heiter bis glücklich

          Heiter bis glücklich

          Oft sind es die einfachen Dinge, die uns heiter bis glücklich stimmen. Im "Heiter bis glücklich"-Blog stellt die ZEITmagazin-Redaktion täglich ihre Entdeckungen vor.

          Service