Vor dem Sturm war sie Herrn Landmanns ganzer Stolz.

An einem stürmischen Tag, die Wolken hingen tief über der Siedlung, der Wind riss an Türen und Fenstern unserer bescheidenen Häuschen, an einem solchen Tag flog Herrn Tuncay die deutsche Nationalflagge zu. Ausgerechnet Tuncay, der schon seit mehr als dreißig Jahren in Deutschland lebte, doch sich nicht dazu entschließen konnte, deutscher Staatsbürger zu werden.

"Lange genug bin ich ja hier!", sagte er und fügte im gleichen Atemzug hinzu: "Aber was, wenn ich doch noch in die Türkei zurückkehren sollte? Dann wäre ich dort mit einem deutschen Pass ja Ausländer, in meiner Heimat!" Solche beängstigenden Gedanken hinderten Tuncay daran, die Staatsbürgerschaft zu beantragen, die – das gab er ganz offen zu – ihm eine ganze Reihe von Vorteilen bringen würde. Außerdem, seine Kinder waren hier geboren, seine Frau fühlte sich wohl, und er fieberte zwar immer noch mit der türkischen Fußballnationalmannschaft, doch wenn diese gegen die deutsche Nationalmannschaft antrat, stürzte ihn das regelmäßig in einen Gewissenskonflikt. Tuncay war irgendwie Deutscher, das Wort benutzte er selbst: "irgendwie". Aber offiziell ein Deutscher zu werden, das schaffte er nicht. Doch dann fiel ihm die deutsche Fahne vor die Füße.

Er trat aus seinem Häuschen, um alles, was nicht niet- und nagelfest war, aus dem Garten zu holen und vor dem Sturm in Sicherheit zu bringen. Da nahm er aus den Augenwinkeln einen vorbeihuschenden Schatten wahr. Etwas Nasses landete mit einem lauten Klatschen auf der Terrasse. Zuerst dachte Tuncay, es sei ein Sonnensegel, doch dann sah er, dass es die deutsche Flagge war. Über und über mit Schlamm bedeckt, der Stoff zerschlissen, an den Enden ausfransend, sah sie mitgenommen aus. 

Herrn Tuncay packt das Mitgefühl

Tuncay nun ist ein Mann, der für alles, was schwach, hilflos und angeschlagen ist, ein instinktives Mitgefühl empfindet. Ganz egal, ob es sich um Menschen, Tiere oder um Sachen handelt. Tuncay wird beim Anblick einer Beschädigung, einer körperlichen wie einer seelischen, von mütterlichen Schutzinstinkten überwältigt. Er hob die Fahne vorsichtig auf, denn er wollte auf keinen Fall, dass sich die Risse vertieften, die sich in ihr schon abzeichneten. Er betrachtete sie eingehend und strich dann mit der Hand langsam über den Stoff wie ein Arzt, der das Opfer eines Unfalls auf Verletzungen prüft.

"Ich sollte sie schnell ins Trockene bringen", dachte er und ging auf sein Häuschen zu. Da schrie jemand von der Hecke her: "Heh, meine Fahne! Das ist meine Fahne!"

Herr Landmann übertönte mit seinem gewaltigen Stimmorgan mühelos das Brausen des Sturmes, doch Tuncay tat so, als hätte er ihn nicht gehört und öffnete die Tür zu seinem Häuschen. Er mochte Landmann nicht, denn er war ihm bei der Gemeinschaftsarbeit schon mehrmals mit dummen Sprüchen gekommen, nichts Ausländerfeindliches, nein, einfach nur dummes Zeug. Landmann ist Gabelstaplerfahrer im Hafen und er gehört nicht zu den empfindsamen Naturen. Er ist einer der wenigen Pächter der Siedlung, die eine deutsche Fahne in ihrem Garten hissen.

Wer Landmann deswegen als Nationalisten bezeichnet, der bekommt etwas zu hören: "Ich, Nationalist! Spinnst du! Die Fahne habe ich 1990 zum ersten Mal aufgehängt als wir Weltmeister wurden, wenn ich was bin, dann Fußballnationalist!"

Man glaubt es ihm, denn Landmanns Vater war Nazi gewesen, ein unbelehrbarer, auch nach dem Krieg. Der Sohn hasste ihn dafür und er entwickelte ein gebrochenes Verhältnis zu seinem Heimatland. Wenn man ihn in all seiner Grobschlächtigkeit sieht, würde man ihm so viel Reflexion nicht zutrauen, doch Landmann ist der Beweis dafür, dass auch Gabelstaplerfahrer sich von der deutschen Geschichte prägen lassen. Als er die Fahne 1990 aufzog, da war es kein Zeichen dafür, dass er sich mit seinem Vater, dem Nazi versöhnt hatte, aber es war ein Schritt in Richtung Versöhnung mit dem eigenen Land. Darum war ihm diese Fahne auch wichtig, diese und keine andere.