Kolumne Hinter der HeckeDer Marxist macht alles falsch

Herr Goodluck ist schwarz. Sein Nachbar versteht nicht, dass er sich im deutschen Schrebergarten trotzdem wohlfühlt. von 

Herr Goodluck entdeckt neue "No Go Areas" im Schrebergarten.

Herr Goodluck entdeckt neue "No Go Areas" im Schrebergarten.  |  © pepipepper/photocase.com

In unserer Siedlung hat sich jeder mit jedem schon mal gestritten. Das ist nichts Außergewöhnliches. Schließlich lebt man auf engstem Raum zusammen. Man kann hier in den Garten des Nachbarn sprichwörtlich spucken, was tatsächlich häufig geschieht. Die Quellen des Zorns sprudeln in der Siedlung also reichlich.     

Obwohl er seine Nachbarn schon seit vielen Jahren kennt, staunt Herr Martinus immer noch über ihren Hang zur Bösartigkeit. Martinus hat sich den Glauben nicht austreiben lassen, dass der Mensch an sich gut sei und nur die Verhältnisse ihn schlecht machten. Sein ganzes Leben lang hat er versucht, diese Verhältnisse zu verändern. Als treuherziger Marxist will Martinus den Menschen befreien, damit sein wahres, sein gutes Wesen zur Geltung kommen kann. Erfolg hat er damit nicht. Das gesteht er offen ein. Doch in seiner Überzeugung lässt er sich nicht erschüttern. Er sieht unbeirrt nur das Gute in den Menschen. Wenn sie böse sind, dann liegt es daran, dass sie noch nicht das richtige Bewusstsein haben.

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Der Nachbar tut ihnen etwas an, weil er der Repräsentant einer unterdrückten Klasse ist, die ihre Unterdrückungserfahrung an die nächst tiefer gelegene Klasse weitergibt – soweit seine marxistisch grundierte These. Eine komplizierte Annahme, die in unserer Siedlung niemand außer Martinus wirklich versteht. Trotz aller Enttäuschungen und Niederlagen bleibt er ein Propagandist seiner Sache. Er sucht sich immer wieder Leute aus, die er von seinen Ideen überzeugen kann. Aufklärungsarbeit nennt er das.  

John Goodluck wurde eines Tages zum Arbeitsobjekt. Martinus lud ihn zu sich in den Garten auf ein Bier und ein paar Grillwürste ein. Goodluck nahm dankend an, schließlich war es ein schöner Tag. Seine Frau war verreist, und er war nicht gern alleine. Martinus fand er zwar nicht auf Anhieb sympathisch, aber das konnte ja noch werden. "Ich sollte nicht voreingenommen sein", sagte sich Goodluck, der wegen seiner dunklen Hautfarbe oft genug unter Vorurteilen gelitten hatte.   

"Wie fühlen Sie sich?", fragte Martinus.
"Gut, wirklich gut. Ihre Würste schmecken wunderbar!", Goodluck aß bereits die dritte.
"Wirklich?"
"Ja, Ihre Würste sind wirklich sehr gut."
Martinus lächelte. "Nein, ich meine: Fühlen Sie sich wirklich gut?"
Goodluck kaute an der Wurst. Er nahm sich eine Flasche Bier und öffnete sie.
"Ja, sehr gut!" Dann prostete er Martinus zu.  
Martinus betrachtete ihn lang. "Aber die Nachbarn sind nicht immer sehr freundlich…"
"Ach, es geht. Es gibt solche und solche!", sagte Goodluck. "Es war nicht immer einfach hier, aber inzwischen ist es in Ordnung." 

Die Gelassenheit, die Goodluck ausstrahlte, irritierte Martinus. Er entschied sich nun, die Sache direkt anzugehen.
"Aber Sie, Herr Goodluck, Sie sind doch schwarz!"

Leserkommentare
  1. Ah ja, das ist es. Das scheinheilige Antlitz des Antirassismus. Ohne Rassismus kann er einfach nicht existieren.

    Bitte bemühen Sie sich um einen differenzierten Kommentarstil. Gerade bei einem solch diffizilen Thema möchten wir um sachliche und argumentative Kommentare bitten. Die Redaktion/mak

    2 Leserempfehlungen
    • deDude
    • 11. Juli 2013 15:43 Uhr

    ... wie einfach die Welt doch am Stammtisch (und im Schrebergarten) ist ;-)

    Eine Leserempfehlung
    • Suryo
    • 11. Juli 2013 15:54 Uhr

    "Ja, solange die kapitalistische Gesellschaft existiert, wird die deutsche Mehrheitsbevölkerung auf Sie mit Rassismus reagieren!"

    Deswegen gab's in der DDR ja auch keinen Rassismus.

    Aber Spaß beiseite: ich fand es zunächst etwas simpel, daß Herr Goodluck erstmal Erfahrungen von Rassismus abstritt und dachte "Aha, da erklärt ein weißer Autor, daß das ja doch irgendwie alles nicht so schlimm ist mit dem Rassismus". Umso netter dann die Pointe zum Schluß!

    8 Leserempfehlungen
    • edgar
    • 11. Juli 2013 16:05 Uhr

    da - diesmal von der anderen Seite - mit Klischees gearbeitet wird.
    Es muss natürlich ein Linker sein, der diese Griesgrämigkeit vertritt - auch noch ein Marxist, der am ehesten dem von Sir Karl Popper so benannten Vulgär-Marxisten entspricht.

    Der soll dann wohl der Prototyp des "Wutbürgers" sein und wird mithin viele Fingerzeige provozieren ...

    5 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    dass diese Typen sich wiedererkennen und reagieren.

    Ob die an etwas schuld sind, wird gar nicht gesagt und ist auch egal, geben tut es die ja trotzdem.

  2. Ich denke, ich verstehe in etwa was gemeint ist und bin trotzdem unzufrieden. Also dieser Marxist ist selbst ein Verursacher dessen, was er eigentlich zu bekämpfen versucht? Und außerdem seinerseits latent rassistisch und außerdem lächerlich, weil er auf Biegen und Brechen den schwarzen Herrn Goodluck in eine Opferrolle pressen will, die dieser nicht einzunehmen bereit ist, weil er ganz andere Erfahrungen gemacht hat? Die Konzepte marxistischer Analyse passen nicht mehr in unsere Zeit? Also ist die Aussage eigentlich: Die Welt ist etwas komplexer als man gemeinhin annimmt, da von Fall zu Fall zu unterscheiden wäre, denn eines schickt sich nicht für alle?

    Nein, gefällt mir nicht. Zu undifferenziert.

    6 Leserempfehlungen
    • rena85
    • 11. Juli 2013 16:29 Uhr

    ....mit noch mehr Gemeinplätzen konnte der Kolumnist dann nicht aufwarten?
    Der Zeit - zu früherern Zeiten - unwürdig.
    Einfach traurig.

    8 Leserempfehlungen
  3. 7. ......

    Elegant. Danke!

    Eine Leserempfehlung
  4. Ich bin auch schon in so eine Falle getappt- allerdings nicht ideologisch und leicht zu korrigieren. Gerne lasse ich mich belehren. Mittlerweile bin ich da total entspannt und sehe kein Problem im System, sondern bei den Menschen selbst, das akut angesprochen werden kann.

    Das Problem ist: wenn man kein Rassist sein will, einem aber niemand sagt, wie man nicht rassistisch ist. Man muss einfach erkennen: Alle Menschen sind Rassisten. Wir stecken alles in Schubladen. Wir tun Menschen täglich Unrecht, weil wir sie falsch einschätzen- meist gibt es nur kein Label dafür. Deswegen müssen wir aber noch lange niemanden diskriminieren.

    Wer behauptet, er ist kein Rassist oder Schubladendenker, der lügt oder ist ein Kleinkind. Wäre unmöglich, weil unser Verstand sonst durchknallt.

    3 Leserempfehlungen
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    Da haben Sie teilweise Recht Derdriu. Im Artikel geht es darum
    dass Marxist alles falsch gemacht hat. In vielen Situationen
    im Leben sieht man wie das Imperialist den Marxist blamiert. Trotzdem machen die Imperialisten genau (oder sogar viel schlimmer) dasselbe zu den anderen: Arroganz, Verfolgung, Agression, Menschenrechtverletzung, usw.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Rassismus | Bier | Garten | Hautfarbe | Opfer | Rechtsstaat
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