Gleich am Eingang regnet es Porzellan. Die stilisierten Tropfen, die in der Installation Regen an durchsichtigen Kunststoffschnüren baumeln, könnten allerdings auch abstrahierte hohle Hände sein. Tropfen, die fallen, Hände, die sie auffangen, die zu Gefäßen werden. Nichts anderes sind diese zarten Schälchen, die mal flacher und mal hochwandiger geformt zu Dutzenden von der Decke hängen.

Barbara Schmidts luftige Skulptur ist ein zauberhafter Tanz der Tässchen, der die Zweipoligkeit der Ausstellung Poesie & Industrie im Bauhaus-Archiv schön illustriert. Die Zartheit und Härte des Werkstoffs Porzellan ebenso wie das Nebeneinander von künstlerischen Unikaten und serieller Massenproduktion. Die der Porzellandesignerin Barbara Schmidt gewidmete Werkschau ist die erste, die beide Seiten ihrer mit vielen internationalen Preisen ausgezeichneten Arbeit zeigt. Die kommerziellen Entwürfe für den Thüringer Porzellanhersteller Kahla ebenso wie die – häufig bei Arbeitsaufenthalten in Finnland oder Ungarn entstandenen – freien Porzellankreationen. Außerdem gibt es Einblicke in die von Handarbeit wie Industrierobotern geprägte Herstellung von Gebrauchskeramik. Und es sind Arbeiten von Schmidts Designstudenten zu sehen, die sie seit Jahren an der Hochschule für Bildende Kunst Hamburg oder in Berlin an der Universität der Künste und an der Kunsthochschule Weißensee unterrichtet.

Dort lehrt die 1967 in Ost-Berlin geborene und an der Burg Giebichenstein in Halle im Studienfach Gefäßgestaltung ausgebildete Barbara Schmidt experimentelles Design. Gleich nach Studienabschluss 1991 ging sie zum 1844 gegründeten Traditionsunternehmen Kahla, das nach einem konzeptionellen Neustart 1994 inzwischen einer der wenigen deutschen Porzellanhersteller ist, der sich noch gegen die asiatische Billigkonkurrenz behauptet, die es bergeweise in Einrichtungshäusern wie IKEA gibt.

Der Erfolg kam mit Schmidts Entwürfen, die Mutters Zwölf-Personen-Service und die dadurch repräsentierte bürgerlichen Tischkultur pragmatisch wie ästhetisch weit hinter sich gelassen haben. Denn auch wenn im neobürgerlichen Prenzlauer Berg inzwischen wieder Familien Sonntagmittag gemeinsam tafeln und nachmittags zur Schwarzwälder Kirschtorte Filterkaffee brühen, die Masse der Menschen isst inzwischen zeitversetzt, nebenbei oder sonst wie individuell. "Ich am liebsten aus Schüsseln", sagt Barbara Schmidt, deren schmale Gestalt nach morgens Müsli und abends Häckselgemüse asiatisch aussieht, beim Ausstellungsrundgang und zeigt auf ihr aus diversen Platten und Gefäßen bestehendes Geschirr Update von 1998. Kulturpessimisten mögen diese multifunktionale Stapelware als Infantilisierung der Esskultur geißeln, Schmidt selbst sieht das völlig pragmatisch. Ihre oberste Anforderung lautet: "Das Geschirr muss flexibel sein." Sprich, sich im Haushalt problemlos mit anderen Entwürfen, Erbstücken oder Flohmarktfunden kombinieren lassen, was bei ihren funktional präzisen, puristisch gestalteten Tassen und Tellern gut funktioniert. Oder es soll gleichzeitig zum Essen wie zum Kochen taugen, so wie das an die Formensprache von Laborgefäßen angelehnte Geschirr Five Senses von 2001. Dabei sind die das Menschenleben erleichternden Anforderungen, wie bequemes Greifen und Gießen, ausreichende Anrichteflächen, Wärme speichernde Dickwandigkeit und ein angenehm dünner Trinkrand etwa bei der von ihr zusammen mit Kaffee-Experten entworfenen "idealen Kaffeetasse", sorgfältig ausgearbeiteter Standard.

Nur nicht, wenn Barbara Schmidt poetisch wird. Cruciferae – Kreuzblüte und Last Christmas heißen abstrakte Keramiken, in die Schmidts Erleben des Winters in Finnland und Berlin eingeflossen sind. Vordergründig funktional sind sie nicht, dafür transluzent, also lichtdurchlässig, die Porzellan gewordene Sehnsucht nach Licht.

Erschienen im Tagesspiegel