Ein Mann in Leipzig vor dem "Bau Büro" © Johannes Eisele/AFP/Getty Images

Leipzig hat in den letzten Jahren viele neue Spitznamen bekommen. "Disneyland des Unperfekten" wurde die Stadt in einem Artikel der FAZ getauft, für ihre illegalen Klubs, die Raves im Wald, die Altbauwohnungen für 300 Euro Warmmiete. Dann wurde die klassische bürgerliche Kultur in Oper, Theatern und Konzerthäusern dazugerechnet und die Universität, die jährlich 28.000 Studenten anzieht, und Leipzig wurde zum neuen Berlin. Tolerant und offen sei die Stadt zudem, auch ein "Biotop der Schwulenszene", wie die ZEIT berichtete. Als Sammelbegriff für die anhaltende mediale Aufmerksamkeit für Sachsens zweitgrößte Stadt hat sich schließlich "Hypezig" etabliert. 

Die Kritik an der medialen Hochjubelei folgte auf dem Fuße: Der Leipziger Publizist André Hermann sammelt auf dem Blog Hypezig die Medienberichte über seine Stadt und ärgert sich darüber, dass die problematischen Seiten in den Berichten stets untergehen. Dass öffentliches Geld im City-Tunnel versenkt werde, viele Leipziger die Inszenierung des Völkerschlachtdenkmals als Top-Sehenswürdigkeit durchaus fragwürdig fänden und die Förderung der freien Kunstszene noch immer auf sich warten ließe, würde schlicht verschwiegen. Hermanns Kritik ist durchaus berechtigt, in Leipzig ist nicht alles Gold, was glänzt. Und doch würden viele Leipziger niemals woanders leben wollen. 

Denn die Stadt bietet ein Lebensgefühl, das mit dem Ende von Kindheit und Jugend für die meisten Menschen verlorengeht. Auf Wiesen und Stoppelfeldern toben, auf der Treppe vor dem Jugendzentrum die Zeit sinnlos verstreichen lassen und in den kleinen Hütten der Spielplätze heimlich rauchen, das ist ein verlorenes Idyll. Eingetauscht wurde die Freiheit gegen eine volle Arbeitswoche, den Lunch im Szenerestaurant und den Einkaufsbummel durch Innenstädte, die vor Modefilialen aus den Nähten platzen. Orte, an denen kein Geld ausgegeben werden muss, wo der Mensch ineffizient und ineffektiv sein darf – davon gibt es nicht mehr viele. Leipzig ist so ein Ort.  

Die Käufer spekulieren auf den kommenden Boom

Den Titel der Armutshauptstadt hat Leipzig vor Kurzem an Dortmund abgegeben, in der Liste der am meisten von Armut bedrohten Großstädte steht die Messestadt jetzt auf Rang zwei. Viele Menschen in der Stadt leben nicht freiwillig am Existenzminimum, sie haben sich nicht bewusst dafür entschieden, mit sehr wenig Geld auszukommen. Aber es gibt auch jene, die sich diese Stadt zum Leben aussuchen, weil sie bei 80 Euro Miete mit 200 Euro Einkommen zur Sicherung ihrer Existenz hinkommen. Wo geht das noch? Wo kann man ein bisschen arbeiten, um jede Menge zu leben? 

Aus der Diskussion, die seit den vielen Medienberichten über Leipzigs paradiesische Lebenswelten in der Stadt schwelt, spricht vor allem die Angst davor, dass dieser Zustand nicht bleiben wird. Denn dank der Jüngeren, die neu in die Stadt kommen oder nicht wie früher fortgehen, stabilisiert sich die Nachfrage nach größerem und damit teurerem Wohnraum. Die Spekulation auf zukünftig steigende Nachfrage macht Leipzig zu einem Tummelplatz für Immobilienkäufer aus den alten Bundesländern und dem Ausland.

In vielen der neu renovierten Häuser mit ihren meist aufwändig sanierten Wohnungen beträgt die Nettokaltmiete pro Quadratmeter bei Neuvermietungen mittlerweile 7,50 Euro oder mehr, hat Dieter Rink, Stadtsoziologe am UFZ Leipzig, beobachtet. Viele von Leipzigs Wächterhäusern, ein Vorzeige-Konzept der Zwischennutzung für sanierungsbedürftige Bauten, bei dem die Mieter einen geringen Obolus zahlen und dafür die Räumlichkeiten in Eigenarbeit renovieren, werden nach der privaten Instandsetzung teurer weitervermietet. Queerbeet, ein Verein für städtisches Gemeinschaftsgärtnern, musste jüngst seinen Garten im Leipziger Westen aufgeben. Die Bagger sind bereits angerückt, eine neue Kita soll gebaut werden. 

Solche Verluste machen wütend. Die Menschen, die ihre Muskelkraft in das Abkratzen von Tapeten und ihre Liebe in Sprösslinge stecken, haben das Gefühl, ausgenutzt zu werden. Dabei sagt das Wort Zwischennutzung ja bereits, was es ist: eine Brücke zwischen dem unbenutzten Alten und dem aufgewerteten Neuen. Die Zwischennutzer werden Teil des Systems, das sie eigentlich ändern möchten.