Eines Abends führte ich mit einem Bekannten ein Gespräch. Es ging um potenzielle Partnerschaften, allen voran natürlich um die perfekte Partnerschaft. Er erklärte mir, er könne unmöglich mit einer Frau zusammen sein, die tierische Produkte esse. Sie seien "einfach zu verschieden".

Ich verstehe das nicht. Man mag ja viele Vorstellungen von seinem passenden Deckelchen haben. Für Menschen, die sich für eine tierfreie Lebensweise entschieden haben, spielt die Ernährung eine wichtige Rolle. Und doch: Kann ein Mensch mir derart unähnlich sein, nur weil er etwas anderes isst als ich ?

Die Überheblichkeit, mit der so mancher Veganer auf seine omnivoren Mitmenschen blickt, erschreckt mich manchmal. Sie kommen als Partner nicht mehr in Frage, sie zerstören den Regenwald, neben ihnen zu grillen kommt einer Zumutung gleich.  Aber habe ich das Recht, sich diesen Menschen moralisch überlegen zu fühlen?

Klima, Massentierhaltung, Gesundheit, Psyche – die Gründe für eine vegane Lebensweise sind vielfältig und mit Sicherheit auch richtig, ich habe mich schließlich selbst dafür entschieden. In einer Zeit, in der man schon zur nächsten globalen Katastrophe beiträgt, wenn man einen Sechserpack PET-Wasserflaschen im Discounter kauft, Essensreste mit Alufolie abdeckt oder sich nicht von seiner letzten 100-Watt-Glühbirne trennen mag.

Es ist aber auch eine Zeit, in der Trends und Konsumkritik keinen Widerspruch bedeuten. In der wir ständig versuchen, neben unseren Luxusproblemen das Elend der Welt auszublenden und doch nicht ganz aus den Augen zu verlieren. Da klammert man sich an die Möglichkeit, selbst nichts zum Niedergang beizutragen, indem man aufhört, Nutznießer des bösen Systems zu sein.

Jeder, der sich einmal eingehender mit der westlichen Industrie und der Herstellung der Lebensmittel hier beschäftigt und von eingebläuten Unwahrheiten befreit hat ("Kühe müssen gemolken werden"), kann den Schritt zu einer veganen Lebensweise nachvollziehen. Ich habe mit meiner Entscheidung also in erster Linie mein Gewissen beruhigt.

Teufelskreis aus Vorwurf und Schuld

Habe ich nun das Recht, mich anderen Menschen überlegen zu fühlen, die diesen Schritt nicht gehen? Weil sie vielleicht nicht die Kraft, die Willensstärke oder den Durchblick haben, es mir gleichzutun? Nein. Denn im Umkehrschluss hieße das, jene Menschen dürften über mich urteilen, weil ich mich eben nicht von besagter 100-Watt-Glühbirne trennen kann oder weil ich vielleicht so getan habe, als hätte ich den Verkäufer der Obdachlosenzeitung vorm Supermarkt nicht gesehen.

 So entstünde ein ewiger Teufelskreis aus Überlegenheit, Vorwurf und Schuld. Es gibt kein Ende in dieser Schleife aus Richtig- und Besser-Machen. Hast du an einer Stelle (Ernährung) dein Gewissen ein wenig beruhigt, wird es an anderer Stelle (Zeitungsverkäufer) wieder angenagt.

Ich bin also verdammt schlecht darin, gut zu sein. Und wie soll man etwas predigen, in dem man selber nicht wirklich was taugt?