Das Unreal Estate House steht in Berlin Kreuzberg. © Benjamin Heck

Mitten in Kreuzberg, zwischen Carl-Herz-Ufer und dem gemütlichen Szene-Café an der Baerwaldbrücke steht, eingepfercht zwischen zwei Autos, das wohl kleinste Haus Berlins. Der schmale schwarze Kasten mit der länglichen Halbkuppel auf dem Dach wirkt auf den ersten Blick wie ein Lieferwagen. Denn das Vier-Quadratmeter-Haus steht auf einem Autoanhänger. Doch unter der Kuppel liegt eine Matratze und an ihrer Seite öffnet sich eine Klappe, zu der man über eine Außentreppe gelangt. Dort oben befindet sich im Unreal Estate House das Schlafzimmer.

Im Stockwerk darunter können nicht mehr als vier Erwachsene stehen, aber es ist alles da, was ein Haus braucht. Auf der linken Seite hockt eine kleine Küchenzeile mit einem transportablen Gasherd. Ein schmales Holzbrett, das zur gegenüberliegenden Wand abschließt, dient als Ablagefläche. Wer es hochklappt, findet darunter die mobile Toilette und ein Abflussloch, durch das das Duschwasser abläuft. Der Wasserkanister dazu hängt an der Decke. Die vordere Außenwand besteht aus zwei Schiebetüren aus Plexiglas. Das Unreal Estate House bietet seinen Bewohnern unverbaubaren Panorama-Blick auf den Landwehrkanal. 

Noch steckt das Haus allerdings in der Bauphase. Das Schlafzimmer ist undicht und im Innenraum müssen die Konstruktionen fertig geschraubt und auf Konstruktionsfehler überprüft werden.

Küche und Bad sind im "Unreal Estate House" eins. © Benjamin Heck

Ausgedacht hat sich das Miniaturhaus Van Bo Le-Mentzel, ein deutscher Designer und Aktivist laotischer Herkunft. Le-Mentzel will mit dem Unreal Estate Haus vor allem ein Zeichen setzen gegen steigende Mieten und knapper werdenden Wohnraum, nicht nur in Berlin. "Wohnen ist ein Menschenrecht für mich, das unabhängig vom Einkommen sein sollte", sagt Le-Mentzel.

Also stellt er sein Unreal Estate House, sobald es fertig ist, mietfrei der Allgemeinheit zur Verfügung. Auch die Konstruktionspläne will der Architekt dann im Internet veröffentlichen, damit jeder Interessierte sich sein "erweitertes Wohnzimmer" bauen kann. Als Obdach für Menschen ohne Wohnung, als ausgelagertes Büro oder Pop-Up-Store, das Haus soll vielseitig einsetzbar sein.   

Van Bo Le-Mentzel © Benjamin Heck

"Ich versuche Antworten auf die Frage zu finden: Wie können wir mit geringen finanziellen Mitteln leben?", sagt der 36-Jährige, während er vor dem Miniaturhaus Rohre aus einer großen Tüte nimmt. Heute soll der Ofen angeschlossen werden. "Wir leben in einer Konsumgesellschaft. Die Wirtschaft gibt uns vor, was wir wollen und was wir kaufen. Ich will den Menschen die Möglichkeit geben, selbst zu entscheiden und selbst zu produzieren." Dieses Prinzip der Umkehrung nennt Le-Mentzel Karma-Ökonomie.   

Aufmerksamkeit erregte Le-Mentzel, als er 2010 als Teilnehmer in einem Volkshochschulkurs die Hartz-IV-Möbel entwarf – Möbelstücke, die mit wenig handwerklichem Know-how und geringem finanziellen Aufwand zu bauen sind. Die Konstruktionspläne stellte er gratis online, ein Buch über die Möbel, das er mithilfe einer Crowdfunding-Kampagne finanzierte, folgte. Seine Anhängerschaft wuchs. Im vergangenen Jahr realisierte er auf die gleiche Weise den Karma Chakh, einen biologisch abbaubaren Fairtrade-Schuh im Converse-Stil. Auch die Materialien für das Unreal Estate House finanziert er online