Das Haus steht in einer stillen Parallelstraße der Karl-Marx-Allee. Die Fassaden der hastig sanierten Häuser leuchten in billigen Pastelltönen, gegenüber bietet ein Seniorenheim Stuhlgymnastik an. Auf dem Klingelschild unten an der Haustür klebt ein kleines Stück Klebeband, "Supper" steht darauf.

Ein Hinweis für Eingeweihte: Der Suchende weiß, dass er am Ziel ist. Einmal im Monat findet hier in Berlin-Friedrichshain der Palisaden Supper Club statt. Über die Webseite meldet man sich an, erst ein paar Tage vor dem Dinner bekommt man eine E-Mail mit der genauen Adresse und der Menükarte zugeschickt.

Kurz nach der Wende wurden überall in Berlin Partys an geheimen Orten veranstaltet. Wohnungen standen leer, Eigentumsverhältnisse waren ungeklärt, und die Stadt hatte andere Probleme, als illegale Clubs aufzuspüren. Die sogenannten Guerilla-Restaurants, in denen ohne Genehmigung Freunden und Fremden Essen serviert wird, sind allerdings keine Berliner Erfindung. In Hongkong und Kuba haben solche halböffentlichen Restaurants Tradition. In den USA begann der Eventmanager Jeremy Townsend 2004 in Oakland bei San Francisco Dinnerpartys in privaten Wohnungen zu organisieren. Jemand stellte sein Wohnzimmer zur Verfügung, ein anderer bereitete in den meist winzigen Küchen das Essen zu, die Gäste meldeten sich per E-Mail an. Bald entstand das Online-Netzwerk Ghetto Gourmet , wo heute Mitglieder aus der ganzen Welt zu ihren Guerilla-Restaurants einladen.

In Berlin-Friedrichshain haben Jeffrey und Kevin ihr Wohnzimmer picobello aufgeräumt, damit der lange schmale Tisch, der mit Blumen und Kerzen dekoriert ist, und ihre zwölf Gäste darin Platz finden. Jeffrey reicht einen knallroten Drink, Johannisbeere und Sekt. Kevin steht in der Küche und blickt konzentriert in die Kochtöpfe.

In diesem schlecht sanierten Altbau, an einem Ikea-Tisch neben fremden Leuten, entdeckt man etwas wieder, was mit dem allgemeinen kulinarischen Aufstiegswillen in Vergessenheit geraten ist: dass Kochen und Essen auch eine kommunikative Unternehmung sein kann. Eine junge Frau ist allein gekommen, sie erzählt, dass sie über Freunde von Kevins Dinnerpartys erfahren hat. "Aber ich bin nicht auf der Suche nach einem Mann oder so", sagt sie schnell. "Ich komme aus Berlin und habe die letzten Jahre in München gelebt. Jetzt bin ich wieder hier und wollte mal was machen, was man nur in Berlin machen kann."

Auch wenn man am Ende des Abends 25 Euro auf den Tisch legt, ist es so, als wäre man bei entfernten Bekannten zum Essen eingeladen. Man kennt die anderen Gäste nicht, aber es gibt eine Verbindung, man kommt schneller ins Gespräch und ist einander zugewandter als gewöhnlich im öffentlichen Raum.

Kevin selbst verlässt die Küche kaum, während Jeffrey serviert. Das Menü ist einfach, aber gekonnt zusammengestellt. Bevor die beiden vor einem Jahr nach Berlin gezogen sind, hat Kevin als Koch in einem Restaurant in New York gearbeitet. Die Zutaten, die er verwendet, sind nicht teuer, es handelt sich vor allem um Produkte aus der Region, saisonales Obst und Gemüse. Als Vorspeise gibt es Muhammara, eine arabische Walnuss-Paprika-Paste, mit Toast, danach einen Salat aus Tomaten und süßen Pfirsichen. Der Hauptgang besteht aus geschmortem Huhn mit Polenta aus frischem Mais, Bohnen und Peperonata. Zum Nachtisch wird Pfirsicheis-Profiteroles mit einer Sauce aus karamellisierten Pflaumen gereicht.