Wein und Wahrheit Guter Tropfen, schlechte LuftSeite 2/2

Das Phänomen des Weins, der am nächsten Tag viel besser war, hat eine einfache Ursache: Es handelt sich um einen viel zu früh getrunkenen Wein, einen extraktreichen Wein, oder einen, der lange auf der Maische lag und dann im kleinen oder mittelgroßen Holzfass ausgebaut wurde. So ein Wein darf gerne dekantiert werden. Wenn man schon das Verbrechen begeht, ihn vor seiner Zeit zu öffnen. Denn auch wenn dieser Wein stundenlang durchatmet und derart überhaupt erst genießbar wird, so ist das Dekantieren hier gleichfalls Unsinn. Denn der Wein sollte eigentlich nicht getrunken werden. Es kann kein richtiges Leben im falschen geben.

Welchen Wein soll man dann überhaupt dekantieren? Ich empfehle es bei jüngeren, mittelschweren Rotweinen und jüngeren, kräftigen Weißweinen. Obwohl ich auch bei Weißweinen auf den Umstand hinweisen muss, dass diese meist zu früh getrunken werden. Wer 2010 einen 2009er Riesling "Großes Gewächs" trinkt, sollte zivilrechtlich zur Verantwortung gezogen werden.

Dekantieren dient heute dazu, vor ihrer Zeit geöffnete Weine zugänglich zu machen. Alter Wein sollte generell nicht dekantiert werden, dem Depot kann man mit einem neutralen Filter beikommen, den man gegen Ende der Flasche kurz in das Glas setzt. Kurz gesagt: Man kann sich die ganze Inszenierung, das Werkzeug und das Getue eigentlich sparen. Außer man spielt Theater. Und macht den Wein wichtiger, als er ist.

Mehr Weintipps von Manfred Klimek gibt es unter
CaptainCork.com
 

 
Leser-Kommentare
  1. 1. danke!

    Sie sprechen mir als Pfälzer aus der Seele,nur glaube ich kaum , daß Sie ein Großes Gewächs 2009 jetzt schon zum Kaufen und Trinken bekommen, die kommen meist erst im Herbst auf den Markt (siehe auch VDP Regeln).
    Aber was spricht dagegen einen 2009 jungen frischen Qba Riesling in 2010 zu trinken ?

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    Freier Autor

    ..spricht gegen einen jungen frischen QbA. Den sollte man mitunter auch ein paar Minuten dekantieren..

    Freier Autor

    ..spricht gegen einen jungen frischen QbA. Den sollte man mitunter auch ein paar Minuten dekantieren..

  2. Es ist gut, dass hin und wieder das Thema "Sprachgebrauch bei der Weinbewertung" aufgegriffen wird. Als gebürtiger Moselaner kenne ich den Satz des Winzers, der auf dem Sterbebette seinen Söhnen das Geheimnis offenbarte: "Man kann Wein auch aus Trauben machen".
    Weil das so ist, wei es ist, hatte ich mir einen Kurzbericht der Rhein-Zeitung (18.10.2001) in ein Weinlexikon geklebt: Dort ist unter der Überschrift
    „Nicht zu fassen – Weinexperten oft schlecht im Abgang“ zu lesen: (Zitat Anfang)
    Mathias Burisch, Psychologiedozent an der Uni Hamburg, lässt die renomiertesten Weinkritiker schlecht dastehen. Schluss mit der Mähr vom Honigton im Abgang eines guten Chablis oder Anklängen reifer Waldbeeren beim ach so superben Bordeaux. Bei Burischs Feldversuchen konnten ebenso detaillierte wie vollmundige Weinbeschreibungen versierter Genießer von keinem anderen Kenner zugeordnet werden. Mehr noch: Selbst die Verfasser erkannten eine Woche später die meisten ihrer hoch gelobten Weine nicht wieder. Sein Fazit: „Der Kenner genießt und schweigt, denn beim Wein ist Schweigen Gold, Reden dagegen Blech.“ (Zitat Ende)
    Wohl bekommt's!

    Übrigens: Der Sprachgebrauch bei Bewertung klassischer Musik ist der der Weinbewertung prinzipiell nicht unähnlich.

    Bert Steffens
    Andernach

  3. ;-)

    • C4
    • 15.07.2010 um 11:33 Uhr

    Sicher nicht völlig verkehrt, was Herr Klimek hier so schreibt, und doch stellt letztlich auch er nur einem Dogma (s)ein anderes gegenüber und ergänzt die Wichtigtuerei "der anderen" durch seine eigene. "Jede Jäck is anners", sagt man im Rheinland, und für so komplexe Erscheinungen wie es Wein und Weintrinker nun mal sind, gilt das im besonderen Maße.

    Wenn es also überhaupt eine Regel gibt, dann wohl die, daß es eben keine gibt. Welcher Wein, wie gelagert, welcher Trinker, welche Außentemperatur, welcher Luftdruck, welche Umgebung, welches Essen, welche Gesellschaft, welcher Kontext... Das System ist zu komplex um ihm mit einfachen Verhaltensanweisungen beizukommen. Schade natürlich, denn man kann sich furchtbar vertun. Ein Glück aber, andererseits, denn nur daraus erwächst die spannende Lebendigkeit, die dem Wunderding "Wein" zum Glück noch häufig innewohnt. Und wer partout kein Risiko eingehen mag, der kann ja mittlerweile auf ein Sortiment von Industrieprodukten zurückgreifen (die Bezeichnung "Wein" verbietet sich hier allerdings), die Jahr für Jahr und Flasche für Flasche ein garantiert gleichbleibendes "Geschmackserlebnis" (ich bringe dieses Wort kaum über mich) versprechen.

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    • Atan
    • 15.07.2010 um 14:46 Uhr

    ist das "Niemals dekantieren" genauso falsch wie immer dekantieren! Vor allem sollte man bedenken, dass wir 08/15-Weintrinker kaum die Möglichkeit haben, laufend genau passend gereifte alte Rotweine zu trinken, da man überhaupt nicht von vornherein sagen kann, wann der Wein genau richtig ist. Also muss man sich quasi "rantrinken" und öffnet viele Flaschen "zu früh". Die beste Flasche Rotwein meines Lebens habe ich in der Wielandhöhe bei einer Verkostung mit Bernd Kreis getrunken. Der Wein wäre gar nicht mal so teuer gewesen, so zwischen 40-50 Mark die Flasche (ist schon ein paar Jahre her). Aber leider war es die allerletzte, so konnte ich keine mehr kaufen und weiss nicht, ob ich es mir je wieder werde leisten können/das Glück haben werde, einen perfekt gereiften Wein genau zur richtigen Zeit zur trinken.
    Also werde ich noch so manche Flasche auch in Karaffen umfüllen (es gibt nicht nur die weiten Dekanter) und einfach hoffen, dass sie mir schmeckt oder sogar manchmal am nächsten Tag noch besser ist.

    Freier Autor

    Ich denke, es ist das größte Glück, nebenbei einen kleinen Keller einzurichten, der immer ein paar trinkreife Flaschen enthält. Das hat bei mir auch mehr als 10 Jahre gedauert, aber nun ermorde ich nur selten eine Flasche vor ihrer Zeit..

    Freier Autor

    Freilich gibt es keine Dogmen. Jeder soll tun, was er für richtig hält. Mir geht es um eine neue Selbstverständlichkeit, um die Vermeidung des Brimboriums, das vielen Interessierten den Zugang versperrt, weil sie glauben, es handle sich um eine Geheimwissenschaft..

    • Atan
    • 15.07.2010 um 14:46 Uhr

    ist das "Niemals dekantieren" genauso falsch wie immer dekantieren! Vor allem sollte man bedenken, dass wir 08/15-Weintrinker kaum die Möglichkeit haben, laufend genau passend gereifte alte Rotweine zu trinken, da man überhaupt nicht von vornherein sagen kann, wann der Wein genau richtig ist. Also muss man sich quasi "rantrinken" und öffnet viele Flaschen "zu früh". Die beste Flasche Rotwein meines Lebens habe ich in der Wielandhöhe bei einer Verkostung mit Bernd Kreis getrunken. Der Wein wäre gar nicht mal so teuer gewesen, so zwischen 40-50 Mark die Flasche (ist schon ein paar Jahre her). Aber leider war es die allerletzte, so konnte ich keine mehr kaufen und weiss nicht, ob ich es mir je wieder werde leisten können/das Glück haben werde, einen perfekt gereiften Wein genau zur richtigen Zeit zur trinken.
    Also werde ich noch so manche Flasche auch in Karaffen umfüllen (es gibt nicht nur die weiten Dekanter) und einfach hoffen, dass sie mir schmeckt oder sogar manchmal am nächsten Tag noch besser ist.

    Freier Autor

    Ich denke, es ist das größte Glück, nebenbei einen kleinen Keller einzurichten, der immer ein paar trinkreife Flaschen enthält. Das hat bei mir auch mehr als 10 Jahre gedauert, aber nun ermorde ich nur selten eine Flasche vor ihrer Zeit..

    Freier Autor

    Freilich gibt es keine Dogmen. Jeder soll tun, was er für richtig hält. Mir geht es um eine neue Selbstverständlichkeit, um die Vermeidung des Brimboriums, das vielen Interessierten den Zugang versperrt, weil sie glauben, es handle sich um eine Geheimwissenschaft..

  4. ...womit ich vor meinen Wein-affinen Freunden etwas glänzen kann.
    Danke für den schönen Artikel, bitte mehr davon!

    • Atan
    • 15.07.2010 um 14:46 Uhr

    ist das "Niemals dekantieren" genauso falsch wie immer dekantieren! Vor allem sollte man bedenken, dass wir 08/15-Weintrinker kaum die Möglichkeit haben, laufend genau passend gereifte alte Rotweine zu trinken, da man überhaupt nicht von vornherein sagen kann, wann der Wein genau richtig ist. Also muss man sich quasi "rantrinken" und öffnet viele Flaschen "zu früh". Die beste Flasche Rotwein meines Lebens habe ich in der Wielandhöhe bei einer Verkostung mit Bernd Kreis getrunken. Der Wein wäre gar nicht mal so teuer gewesen, so zwischen 40-50 Mark die Flasche (ist schon ein paar Jahre her). Aber leider war es die allerletzte, so konnte ich keine mehr kaufen und weiss nicht, ob ich es mir je wieder werde leisten können/das Glück haben werde, einen perfekt gereiften Wein genau zur richtigen Zeit zur trinken.
    Also werde ich noch so manche Flasche auch in Karaffen umfüllen (es gibt nicht nur die weiten Dekanter) und einfach hoffen, dass sie mir schmeckt oder sogar manchmal am nächsten Tag noch besser ist.

  5. Freier Autor

    Ich denke, es ist das größte Glück, nebenbei einen kleinen Keller einzurichten, der immer ein paar trinkreife Flaschen enthält. Das hat bei mir auch mehr als 10 Jahre gedauert, aber nun ermorde ich nur selten eine Flasche vor ihrer Zeit..

  6. Freier Autor

    Freilich gibt es keine Dogmen. Jeder soll tun, was er für richtig hält. Mir geht es um eine neue Selbstverständlichkeit, um die Vermeidung des Brimboriums, das vielen Interessierten den Zugang versperrt, weil sie glauben, es handle sich um eine Geheimwissenschaft..

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    Freier Autor

    ..und irgendwie ist das jetzt am falschen Platz gelandet. Es war eine Antwort auf den Kommentar von "C4"..

    Freier Autor

    ..und irgendwie ist das jetzt am falschen Platz gelandet. Es war eine Antwort auf den Kommentar von "C4"..

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