Weinkolumne / Wein und Wahrheit : Bitte keinen heißen Rotwein!

Schluss mit dem Weingeschwätz! Unser Experte Manfred Klimek ist angetreten, die größten Irrtümer aufzudecken. Heute: Rotwein muss warm, Weißwein kalt getrunken werden.
Rotwein muss keineswegs glühend heiß serviert werden

Es war eine der größten Auseinandersetzungen, die ich je hatte. Es ging nicht um Politik, nicht um Lebenswege; es ging nicht um Themen, welche die Leidenschaft üblicherweise überkochen lassen. Nein, es ging um Wein. Genauer gesagt, um die Temperatur, die er haben soll.

Wir befanden uns in einer schicken Berliner Wohnung, Charlottenburg, alter Westen. Ein großes Speisezimmer mit Stuckdecken. Zu Gast: Ärzte, Anwälte, Medienmacher. Und ich, der Winzer. Ich hatte eine Flasche Rotwein mitgebracht, den ich, wie alle Rotweine für ein paar Minuten (und ein paar Minuten länger) in den Kühlschrank gelegt hatte, um ihn auf 18 bis 16 Grad herunterzukühlen. Das kontrolliere ich mit einem Manschettenthermometer, das man um den Flaschenbauch klammern kann.

Mein Rotwein war an diesem Abend als erster dran, so kam die Flasche mit etwa 16 Grad an den Tisch. Es war April, die Zimmertemperatur betrug 24 Grad. Angenehm kuschlig, keine Jacketts notwendig. Die Männer hatten ihre Hemdsärmel hochgekrempelt. Die Stimmung war gut. Bis Hans, ein Anwalt, den Wein ins Glas bekam. "Der ist ja viel zu kalt!", schrie er auf.

Manfred Klimek

Manfred Klimek sagt über sich selbst, er habe ein populistisches Weinverständnis mit individueller Note. Alle Weinkolumnen von ihm auf ZEIT ONLINE finden Sie hier.
 

Guter Wein muss nämlich, so das allgemein bekannte Gebot, "bei Zimmertemperatur" getrunken werden. Hans umklammerte also das Glas und versuchte, den Inhalt mit der Hitze seiner vorher aneinander geriebenen Handflächen zu wärmen. Seine Freundin half mit ihren Händen. Eine dramatische Rettungsaktion war angelaufen. Nun ist es mir generell egal, wie andere ihren Wein trinken, das anschließende Wortgefecht aber machte ein weiteres Verweilen in der Charlottenburger Wohnung unmöglich.

Die Diskussion über Weinkultur kann also sehr emotional werden. Und manche Weisheiten halten sich über Jahre, obwohl sie keine Gültigkeit mehr haben. So auch die Weisheit über die Zimmertemperatur. Und obwohl inzwischen fast alle Hersteller eine korrekte Serviertemperatur empfehlen und diese auch auf das Etikett ihrer Flaschen schreiben, glauben fast alle Weintrinker, dass Rotwein vor allem warm getrunken werden muss. Nur dann könne er sich voll entfalten. Was für ein Unsinn!

Die Regel mit der Zimmertemperatur stammt aus Zeiten von Thomas Mann und den Buddenbrooks, wurde also am Beginn des 20. Jahrhunderts propagiert, als das Bürgertum sich im Speisezimmer zum gemeinsamen Essen einfand. Zu Tisch erschien die Familie korrekt gekleidet, inklusive angezogenem Jackett. Das Speisezimmer wurde nur gering beheizt, wärmer war es im Salon, wo man später noch einmal zusammenkam. Dort brannte der Kamin, dort fiel auch das Jackett. Im Sommer wurde das Speisezimmer tagsüber verdunkelt. Und so entsprechend kühl gehalten.

Der Rotwein dieser Epoche, der zudem ganz anders hergestellt wurde als heute, stand also in einem etwas kälteren Zimmer. Dort war es zwar wärmer als im Keller. Doch für unsere Verhältnisse immer noch kühl.

Ein Rotwein, der heute zwischen 21 und 24 Grad (oder noch wärmer) getrunken wird, schmeckt einsilbig, alkoholisch und säurebetont. Er brennt in der Speiseröhre, verätzt die Kehle. Kein Vergnügen. Die Verfechter des warmen Rotweins argumentieren mit dem Aromagewinn. Warmer Rotwein schmecke viel besser, da seine Aromen erst bei der richtigen Temperatur, der Zimmertemperatur, zur Entfaltung kämen. Das ist Quatsch, den man getrost vergessen kann.

Kommentare

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Kategorischer Imperativ?

Nicht dass ich nicht einer Meinung mit dem Autor wäre, die Unsitte, Wein schlecht temperiert anzubieten ist schrecklich weit verbreitet. Aber der Artikel ist trotzdem schwach, es klingt als hätte es der Autor nicht nötig, seine Thesen in irgendeiner Art und Weise zu begründen ausser in seiner Funktion als Winzer. Als Argumentationshilfe gegen überhebliche Kellner hilft dieser Beitrag leider nicht.

Und geistvoller als der beschriebene Wein ist der Artikel leider auch nicht, aus dem Thema und den Szenarios lässt sich viel mehr machen. Das muss ich Ihnen als Barmann-Veteran leider so sagen.

Begründung

Sehr hilfreich sind natürlich immer solche Argumente, die sich von subjektiven Betrachtungsweisen lösen. So wäre es zum Beispiel hilfreich, den gnadenlosen Warmtrinkern nicht nur die Historie der Zimmertemperatur aufzutischen, sondern einen kleinen Exkurs in Sachen Geschmack vs. Temperatur aus wissenschaftlicher (z.B. molekularer) Sicht anzubieten.
Bei der Forderung, einem Malt Eis anzutun oder einen ordinären Bourbon warm zu trinken, gelang mir das auch immer ganz gut.
Der Hinweis auf die "Tiefkühlwettbewerbe" um den Weißwein läuft leider komplett ins Leere. Niemand verlangt, den servierten Wein sofort restlos runterzustürzen. Hier hilft eine oben bespottete Rettungsaktion um dem Wein seine angemessenen Temperatur zu geben.

Hier fehlt mir die Begründung:

'Warmer Rotwein schmecke viel besser, da seine Aromen erst bei der richtigen Temperatur, der Zimmertemperatur, zur Entfaltung kämen. Das ist Quatsch, den man getrost vergessen kann.'

Das die Entfaltung von Aromen bei höheren Temperaturen besser gelingt, als bei niedrigen, kann ich aus meiner bisherigen Lebenserfahrung kaum bestreiten

Wieso ist das in Bezug auf Rotwein Quatsch, denn ich getrost vergessen kann?

Ein Weingutachter hat mir mal

gesagt, dass Weinverkostung mit "wichtigen" Leuten eine ziemlich schwierige Sache sind, denn die bestehen nun mal gerne auf ihren Vorurteilen, weil sie sonst auch immer das letzte Wort haben. Nun müssen Winzer auch nicht immer angenehme Leute sein, aber man sollte doch soviel Respekt vor ihrer Arbeit haben, dass man sich auf ihre Ratschläge zum Wein einlässt. Und warmwerden tut der Wein im Glas von selber, umgekehrt funktioniert es dagegen fast nur auf dem Weihnachtsmarkt.
Also gilt hier eher eine der allerwichtigsten Weinregeln: möglichst nur mit zugänglichen, weitherzigen Menschen Wein trinken.