Ernährung Der Regional-VerzehrSeite 2/2

"Deutschland ist für mich aber keine Region“, sagt Nicole Weik vom Bundesverband der Regionalbewegung in Feuchtwangen. Dem Verband gehören Initiativen wie "Unser Land", die "Bergisch pur" oder "Die Regionaltheke – von fränkischen Bauern" an, die alle einen ganzheitlichen Ansatz vertreten und eigene, privatwirtschaftliche Zertifizierungssysteme ins Leben gerufen haben. Vieles, was unter "regional" läuft, hält Weik für Etikettenschwindel. "Manche kleben einfach ein Heimatpapperl auf ihre Verpackung. Da wird viel Schindluder getrieben."

An was sich der Begriff Region konkret festmacht, ist mangels einheitlicher, staatlicher Regelungen und entsprechender Labels tatsächlich eine recht willkürliche Angelegenheit. Für Feneberg ist es das Allgäu, für Edeka Südwest der deutsche Südwesten. Der anthroposophisch angehauchte hessische Lebensmittelfilialist und Bio-Pionier Tegut betrachtet einen Radius von etwa 150 Kilometern rund um den Firmensitz in Fulda als seine "Region", aus der ein Teil der Waren bezogen wird. Im Fall Eckes-Granini wird "Region" respektive "Heimat" als der gesamte "deutsch-österreichische Raum" definiert.

Noch diffiziler wird die Sache, wenn ein bestimmtes Produkt wie Nürnberger Bratwürstchen zwar in der Region Nürnberg hergestellt, das Schweinefleisch dazu aber aus Dänemark importiert wird. "Ein hoher Anteil der Rohstoffe sollte auch aus der betreffenden Region stammen", fordert Weik. Bei "Unser Land" gilt der Grundsatz, dass alle Erzeugungsschritte von der Urproduktion bis zum Handel in der Region stattfinden müssen. Eine Ausnahme gibt es beim Bio-Kürbiskernöl, das bislang noch (aus heimischen Kürbiskernen) in der Steiermark gepresst wird. "Dafür gibt es in unserer Gegend einfach keine Ölmühle", sagt die Sprecherin von "Unser Land", Marianne Wagner. Ziel sei es jedoch, solch eine Mühle in der Region aufzubauen.

Eher großzügig geht dagegen die in Kiel ansässige Konsumgenossenschaft Coop mit dem Begriff Regionalität um. Unter ihrer Marke "Unser Norden" werden auch Kaffee, Tee und Pfeffer sowie Küchengeräte und Textilien angeboten. Auf der Homepage von Coop heißt es dann auch: "Nicht alle Rohstoffe können aus unserer Region kommen. Nördlich der Elbe wachsen kein Pfeffer, kein Kaffee und keine Apfelsinen." Doch Aufbereitung und Veredelung, versichert das Unternehmen, geschähen immer "in unserer norddeutschen Region, nach unserem Geschmack und unseren Traditionen." Nach dieser Logik wäre allerdings auch "Jakobs Krönung" ein Regionalprodukt.

 
Leser-Kommentare
    • joG
    • 13.08.2010 um 14:40 Uhr

    ....Deutscher Kaviar smeckt wirklich anders und die versteckte Potenz der Säuere in rheingauer Nachtisch-Auslesen ist kaum zu übertreffen. Aber das Aroma importierter Weihnachtserdbeeren wird mir doch sehr fehlen.

  1. Die Lebensmittelindustrie hat schon seit einiger Zeit sehr genau erkannt, dass sie dem ökologisch-regionalen Trend folgen muss, um dem Verbraucherwillen nicht nur gerecht zu werden, sondern diese auch durch geschickte Täuschung bei der Stange zu halten. Green-Regio-Washing betreiben heute gerade diejenigen, die früher alle Bemühungen nach gesunder Nahrung aus nachhaltigem Anbau boykottiert haben.
    Wer bei Aldi, Lidl und anderen die Bio-Produkte kauft, kann sich noch lange nicht sicher sein, dass bei allen Labels, wo grün draufsteht auch grün drin ist. Aber auch der Glaube vermag als Placeboeffekt Berge zu versetzen.
    Was die viel gelobten regionalen Produkte betrifft, so sollte man sich hüten, alles zu glauben, was als beste regionale Qualität angeboten wird.
    Ein Besuch auf einem regionalem Bauernhof lehrt einem oft, dass es nur blauäugig ist, dem geschickten Werbeversprechen "regional" Vertrauen zu schenken. Aber man sollte wirklich nicht alle über einen Kamm scheren, das trifft meistens die Falschen und wird den Bemühungen der seriösen Produzentennicht gerecht.
    Auf dem Wochenmarkt sollte man sich vor dem Kauf über die Produkteigenschaften schlau machen, also sich informieren, wie gute regionale Ware aussieht und schmeckt.
    Am Stand direkt probieren, nachfragen und vergleichen ist angesagt, aber das sollte eigentlich jeder wissen, der sich damit beschäftigt, gesunde Nahrung auf den Tisch zu bekommen.
    Und nicht alles ist schlecht, was aus dem Supermarkt kommt.

    W.Neisser

    • Timo K
    • 13.08.2010 um 15:33 Uhr

    Wieso muss man in einen Edeka rennen, wenn man was regionales will? Gibt doch genug Bauern, die am Hof verkaufen, oder entsprechende Miniläden.
    Die lassen sich dann ihr "Regiolabel" auch nicht entsprechend bezahlen, zumindest ging's mir immer ganz gut mit der Milch direkt am Stall gezapft, die kostet dann 55 Cent. Wirklich günstiger ist da der Discounter auch nicht, und ein Edeka schon bei der billigsten Milch teurer.

  2. Wegen der irreführenden Plakatwerbung für die Saftmarke „Heimische Früchte“, die je nach Standort der Plakate „Bayern mag's heimisch“ respektive ein anderes Bundesland nannte, wurde Hohes C auch von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg abgemahnt, da der Flascheninhalt nicht einmal zwingend aus Deutschland stammte...

  3. Dass sich die Lebensmittelindustrie bereits auf das Regio-Washing eingestellt hat zeigt, dass die Orientierung an regionalen Wirtschaftskreisläufen als "Sinn-Markt" ernst genommen wird.

    Vom Regio-Washing zur regionalen Esskultur führt der Weg über veränderte Vertriebswege, die sowohl für Erzeuger als auch für Verbraucher Sinn machen.

    Die frisch gezapfte Milch am Stall wird in den meisten Fällen - schon wegen des überproportionalen Energieverbrauchs bei Kleinmengen - keine Alternative sein.

    Erfolgversprechender scheinen Initiativen zur Wiederbelebung traditioneller Markthallen mit regionalen Produkten und zeitgemäßen Angebotskonzepten. Diese Markthallen wurden in den vergangenen Jahrzehnten vielfach durch Supermärkte und halbherzige AIG-Mischkonzepte (Aldi, Imbiss, Gemischtwarenbude)verdrängt oder unattrativ gemacht.

    Nur über direkte Kontakte zwischen Erzeugern und Verbrauchern lässt sich die Abhängigkeit von Labeln vermeiden. Wenn es nun aber nicht ohne Label geht, hat "regional" definitiv eine zu schmale Basis. Gute Produkte, die auch unter ökologisch akzeptablen Bedingungen erzeugt und fair gehandelt werden bieten eine echte Alternative zur industriellen Nahrungsproduktion.

    Damit sie auch wirtschaftlich konkurrenzfähig ist, muss die konventionelle Landwirtschaft und Lebensmittelwirtschaft stärker kontrolliert und mit den ökologischen, gesundheitlichen und sozialen Kosten ihrer Produktion belastet werden. Nichtartgerechte Tierhaltung gehört schlichtweg ganz verboten.

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