Slow Food Die Hüter des guten Geschmacks
Schnelles Essen finden sie einfach nur geschmacklos. Wie aus einer kleinen italienischen Genießergruppe die weltweite politische Slow-Food-Bewegung wurde.

Studenten einer italienischen Kochschule präsentieren ihre Kreationen auf dem "Salone del Gusto" 2008 in Turin
Wenn man heute in den Supermärkten nicht mehr nur eine einzige bleiche Tomatensorte kaufen kann, sondern eine ganze Palette auch gelber und grüner Paradiesäpfel in allen Geschmacksrichtungen, Konsistenzen und Größen, dann ist das nicht zuletzt ein Verdienst der weltweit wachsenden Organisation
Slow Food
.
Natürlich muss ein Verein, der die Vielfalt der Agri- und Esskulturen neu beleben will, in Paris gegründet und in Italien erdacht worden sein. Seine
Pioniere, darunter der linksintellektuelle Publizist und Slow-Food-Präsident Carlo Petrini, hatten schon Mitte der achtziger Jahre genug vom kleinsten
gemeinsamen Nenner Fast Food; überhaupt von industriell hergestelltem, charakterlosem Brot, wässrigem Fleisch oder Gemüsen, die, um möglichst
billig zu bleiben, normiert und transportgerecht gezüchtet werden. Schluss auch mit Speisen, die Konservierungsstoffe und künstliche Aromen nötig
haben! In den Augen der Slow-Food-Anhänger gilt solch schnelles Essen als – geschmacklos. Seine Konsumenten sollten infiziert werden mit dem "Bazillus des Genusses und der Lebensfreude".
Die Slow-Food-Regionalgruppen, sogenannte "Convivien", treffen sich aber nicht nur, um regelmäßig gemeinsam zu kochen und zu speisen. Ihre Mitglieder setzen sich im Zeichen der Schnecke vor allem dafür ein, dass
längst vergessene regionale Spezialitäten
wieder angebaut, verarbeitet und
zubereitet oder auch neue entwickelt werden. Ob eine lila Artischockensorte oder ein bestimmter Käse namens Ziger in Italien, ob in Deutschland der rote Weinbergpfirsich, die Ahle Wurscht oder eine Ur-Rebsorte namens Klingelberger: Wie unzählige weitere Leckereien aus Indien und Argentinien,
Senegal oder Kanada werden sie alle zwei Jahre beim
Salone del Gusto
in Turin präsentiert.
Anfangs kooperierten die Slow-Food-Begründer mit Gourmet-Restaurants, um den Bauern erste Absatzchancen für die oft vergessenen, daher exotisch wirkenden und nicht immer ganz billigen Produkte zu verschaffen. Deshalb mussten sie sich schon mal den Vorwurf anhören, eine Schicki-Micki-Bewegung zu sein, nur für Betuchte. Darauf reagieren die Genießer nur gelangweilt: was, bitte, sei denn so teuer an einer guten Pasta aus lokal angebauten alten Maissorten, einem deftigen Gericht aus Hülsenfrüchten oder Innereien? Die könne auch jeder zu Hause zaubern.
Tatsächlich ist regional einzukaufen mittlerweile ein wachsender Trend, und nun kritisieren viele, Slow Food werde zunehmend kommerzialisiert. Doch
selbst wenn an diesem Vorwurf bei einzelnen Produkten etwas dran sein sollte: In einer Zeit, da sich die Agrarkrise zuspitzt, hat sich die Bewegung der Schleckermäuler mit 100.000 Mitgliedern in 130 Ländern viel eher politisiert.
Zum Beispiel sollte es bei der " Arche des Geschmacks ", in der die gefährdete Viefalt der Obst- und Gemüsesorten und Tierrassen symbolisch versammelt werden, ursprünglich nur auf die feine Qualität ankommen – nicht auf ihren ökologisch verträglichen Anbau. Doch schmackhafte und gesunde Produkte hervorzubringen, erfordert auch einen reichen Boden, sauberes Wasser und regionale Verarbeitungsstrukturen, die ohne lange Transportwege auskommen. "Wer heute ein Lukull sein will", sagt Carlo Petrini, "der muss sich zugleich mit ökologischen Fragen beschäftigen".
Gut und sauber also müsse das Essen sein. Und außerdem: gerecht. Mehr und mehr findet man Slow-Food-Anhänger an der Seite jener, die gegen Gentechnik, für faire Handelschancen auf den Weltmärkten und "Ernährungssouveränität" der einzelnen Staaten streiten. Parallel zum
Salone del Gusto
findet neuerdings unter dem Titel
Terra Madre
(Mutter Erde) regelmäßig ein Treffen Tausender Bauern aus aller Welt statt, das auf deren oft
existenzielle Probleme, aber auch ihr Wissen aufmerksam macht.
Trotzdem, Hand aufs Herz: Ist die Idee des Slow Food nicht doch ein wenig romantisch und höchstens ein Freizeitkonzept in Zeiten, da Familien selbst in Entwicklungs- und Schwellenländern chronisch unter Zeitdruck stehen? Unsinn, sagt Carlo Petrini, regelmäßig gut zu kochen sei nur eine Frage der Planung und klugen Organisation: "Vielleicht haben die Leute keine Lust zu kochen. Aber dann sollen sie das auch sagen!"
- Datum 12.08.2010 - 11:28 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
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Woher der oder die AutorIn ihre Information hat, kann ich nicht beurteilen. Aber den Klingelberger in den Stand einer Rebsorte zu heben, ist dann doch zuviel des Guten. Das ist Riesling. Mehr nicht. Noch nicht mal ein bestimmter Klon dieser Rebsorte. Klingelberger nennen die Ortenauer ihren Riesling. Über diese Frage ist innerhalb Slow Food Deutschland ein erbitterter Streit ausgebrochen, in den sich sogar Slow Food International eingeschaltet hat.
Diese Lässigkeit im Umgang mit Fakten ist leider sehr verbreitet im Bereich Essen-Trinken-Kulinarik-Genuss. Auch die Tatsache, dass noch nicht mal ein(e) AutorIn für den Artikel zeichnet, belegt deutlich: Slow Food ist wichtig. Und bleibt wichtig.
Nix für ungut.
haben Sie da recht. Es ist aber offenbar auch eine abweichende Spielart des nordbadischen Rieslings im Spiel, die in Erhaltungskultur genommen wurde. Ob die Förderung durch Slow Food den nordbadischen Riesling (das wäre eine unsinnige Maßnahme) im allgemeinen oder nur die Spielart umfaßt, entzieht sich meiner Kenntnis.
Die Autorin des Artikels ist doch oben angegeben.
Meiner Kenntnis entzieht sich allerdings auch, welche Pasta aus Mais hergestellt wird ("was, bitte, sei denn so teuer an einer guten Pasta aus lokal angebauten alten Maissorten").
Das hab ich schon öfter gehört. Wo das wohl herkommt? Zu viele lukullische Fremdlands-Experten, die noch nie Nudeln selber gemacht haben?
Slow Food ist Resultat einer hoffnungslos fehllaborierten Nahrungsmittelindustrie, die es sich zur obersten Pflicht gemacht hat, zum Jahresende Erdbeeren anzubieten, weil sie farblich so gut zum Weihnachtsmann passen (wenn die rote Handelsware aus nicht-deklarationspflichtigem Fischereibeifang herstellbar ist, um so besser).
Das hab ich schon öfter gehört. Wo das wohl herkommt? Zu viele lukullische Fremdlands-Experten, die noch nie Nudeln selber gemacht haben?
Slow Food ist Resultat einer hoffnungslos fehllaborierten Nahrungsmittelindustrie, die es sich zur obersten Pflicht gemacht hat, zum Jahresende Erdbeeren anzubieten, weil sie farblich so gut zum Weihnachtsmann passen (wenn die rote Handelsware aus nicht-deklarationspflichtigem Fischereibeifang herstellbar ist, um so besser).
... über das Thema Klingelberger so erbittert streiten, sollte man diesem "Convivium" vielleicht doch eher mit einer gewissen Portion Skepsis begegnen. Zumal die Restaurant-Auswahl auf der Langsamfutter-Deutschland-Website einige Indiosynkrasien aufweist, um es einmal in einer Weise zu formulieren, an welcher die Nette Käthe nichts auszusetzen haben dürfte ;-))
Nichts gegen die Idee an sich; aber ich glaube, die läßt sich nicht-institutionalisiert entspannter und genußvoller verfolgen.
Nur von zwei Kommentaräusserungen sollte man sich nicht abschrecken lassen. Als Slow Food-Mitlglied bekommt man erst mal im Jahr eine sehr lesenswerte Zeitung, und es kostet auch nicht viel. Inwieweit man in "Regeionalgruppen ("Convivien") aktiv wird, bleibt einem ja doch überlassen, aber es werden teils sehr gute Besuchs-, Verkostungs- und Kochprogramme angeboten. An "Slow Food" finde ich, dass es über "Bio" (bei dem Genuss oft keine Rolle spielt) hinausgeht, indem es nicht nur auf Herstellung und Anbau der Nahrungsmittel schaut, sondern eben Regionalität, Geschmack, Tradition, Bedingungen der Herstellung etc. guckt und somit auch den einzelnen Produzenten nach seiner individuellen handwerklichen Qualität wertschätzt, ohne dass er in ganz bestimmten Verbänden Mitglied sein müsste. Ich finde daher, dass es wesentlich weniger "institutionalisiert", weil ich als Konsument über den Grad meines Engagements immer noch selbst entscheide, während Anbauverbände die Hersteller ziemlich stark normieren können.
Nur von zwei Kommentaräusserungen sollte man sich nicht abschrecken lassen. Als Slow Food-Mitlglied bekommt man erst mal im Jahr eine sehr lesenswerte Zeitung, und es kostet auch nicht viel. Inwieweit man in "Regeionalgruppen ("Convivien") aktiv wird, bleibt einem ja doch überlassen, aber es werden teils sehr gute Besuchs-, Verkostungs- und Kochprogramme angeboten. An "Slow Food" finde ich, dass es über "Bio" (bei dem Genuss oft keine Rolle spielt) hinausgeht, indem es nicht nur auf Herstellung und Anbau der Nahrungsmittel schaut, sondern eben Regionalität, Geschmack, Tradition, Bedingungen der Herstellung etc. guckt und somit auch den einzelnen Produzenten nach seiner individuellen handwerklichen Qualität wertschätzt, ohne dass er in ganz bestimmten Verbänden Mitglied sein müsste. Ich finde daher, dass es wesentlich weniger "institutionalisiert", weil ich als Konsument über den Grad meines Engagements immer noch selbst entscheide, während Anbauverbände die Hersteller ziemlich stark normieren können.
Nur von zwei Kommentaräusserungen sollte man sich nicht abschrecken lassen. Als Slow Food-Mitlglied bekommt man erst mal im Jahr eine sehr lesenswerte Zeitung, und es kostet auch nicht viel. Inwieweit man in "Regeionalgruppen ("Convivien") aktiv wird, bleibt einem ja doch überlassen, aber es werden teils sehr gute Besuchs-, Verkostungs- und Kochprogramme angeboten. An "Slow Food" finde ich, dass es über "Bio" (bei dem Genuss oft keine Rolle spielt) hinausgeht, indem es nicht nur auf Herstellung und Anbau der Nahrungsmittel schaut, sondern eben Regionalität, Geschmack, Tradition, Bedingungen der Herstellung etc. guckt und somit auch den einzelnen Produzenten nach seiner individuellen handwerklichen Qualität wertschätzt, ohne dass er in ganz bestimmten Verbänden Mitglied sein müsste. Ich finde daher, dass es wesentlich weniger "institutionalisiert", weil ich als Konsument über den Grad meines Engagements immer noch selbst entscheide, während Anbauverbände die Hersteller ziemlich stark normieren können.
...sollte es wohl heißen, wobei offen bleibt, ob das im medizinischen, sozialpsycholgischen, linguistischen oder philosophischem Sinn gemeint war.
Gelegentlich würde es sich lohnen, auch sprachlich einen regionalen Bezug herzustellen.
Dass über den Klingelberger gestritten wird ist Ausdruck einer lebendigen, aufmerksamen Mitgliedschaft. Im Übrigen ist eine Bewegung ja noch nicht deshalb institutionalisiert, nur weil sie ein paar tausend Mitglieder hat.
Richtig ist sicherlich, dass sich die Idee von gut, sauber, fair auch außerhalb des Vereins verfolgen lässt.
Die Entwicklung einer intelligenten Genusskultur und die Unterstützung regionaler Erzeuger-Verbraucher-Vernetzung verlangt allerdings gelegentlich auch gemeinsamer Anstrengungen, die sich im Verein besser entfalten lassen.
....das unsere Fabrikfood-Gesellschaft dringend als
Gegengewicht braucht. Psyche, Ernährung und
Baubiogie (Qualität der nächtlichen Regeneration=
Maß des optimalen Akku-aufladens beim Schlafen)
sind die grundlegenden Faktoren die langfristig über
Krankheit oder Gesundheit entscheiden.
Ernährung im Sinne von Slow Food ist mit Sicherheit ein
Beitrag ernährungsbedingte Zivilisationskrankheiten zu
begrenzen und somit sehr empfehlenswert.
Leider wird kochen immer mehr in der Projektion erlebt,
nämlich durch die steigende Anzahl Kochsendungen im TV.
Der Scheitelpunkt der Perversität im Umgang mit unserer
Ernährung scheint aber erreicht.
Die Slow Food Initiative ist ein Zeichen dafür.
Das hab ich schon öfter gehört. Wo das wohl herkommt? Zu viele lukullische Fremdlands-Experten, die noch nie Nudeln selber gemacht haben?
Slow Food ist Resultat einer hoffnungslos fehllaborierten Nahrungsmittelindustrie, die es sich zur obersten Pflicht gemacht hat, zum Jahresende Erdbeeren anzubieten, weil sie farblich so gut zum Weihnachtsmann passen (wenn die rote Handelsware aus nicht-deklarationspflichtigem Fischereibeifang herstellbar ist, um so besser).
gibt es in verschiednen Varianten - unter anderem auch aus Maismehl: http://www.gourmondo.de/g... R
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