Wein und Wahrheit Glaskultur auf Steinzeitniveau
Schluss mit dem Weingeschwätz! Unser Experte Manfred Klimek ist angetreten, die größten Irrtümer aufzudecken. Heute: Ein Universalglas ist zu wenig.
© Filippo Monteforte/AFP/Getty Images

Der gleiche Wein in unterschiedlichen Gläsern – ein ganz neues Erlebnis
Schnell mal eine Reise in das Gestern, eine Reise zum Senfglas, das ein Leser in einem Kommentar neulich lobte. Das Senfglas als Behälter für Wein, das gibt es heute noch in Frankreich. Mit Wein abgefüllte Senfgläser im Supermarkt. Ein Weißer. Ein Roter. Das reicht.
Ich nenne das die "Handke-Romantik". Der Kärntner Schriftsteller Peter Handke lobte in seinem ersten Serbien-Buch die ehrlichen Weine der ärmlichen Bauern. Getrunken aus einfachen Senfgläsern. In dieser Lobrede des Einfachen ist eine Verachtung für Hochkultur und das diese Hochkultur transportierende Bürgertum verborgen. Es ist die Suche nach der Vollständigkeit im Einfachen. Die hat jeder von uns mitgemacht. Und inzwischen abgelegt. Oder, wie Handke, zu seinem Lebensmotto erkoren.
Wer wissen will, wie einfach Glaskultur heute noch sein kann, der muss nur ein altes und traditionelles Pariser Bistro aufsuchen. Dort hält man auch für etwas bessere Weine meistens nur kleine und plumpe Gläser bereit. Frankreich ist in Sachen Glaskultur auf Steinzeitniveau. Und bevor mich der eine oder andere Leser nun wieder der präpotenten Simplifizierung bezichtigt: Ja, es gibt Ausnahmen. Und ja: Sie werden mehr.

Manfred Klimek sagt über sich selbst, er habe ein populistisches Weinverständnis mit individueller Note. Alle Weinkolumnen von ihm auf ZEIT ONLINE finden Sie hier.
Die Glaskultur der Weingläser wie wir sie heute kennen, wurde in Österreich entwickelt. In Kufstein, an der bayrischen Grenze. Mit der Entwicklung des Sorten- und Regionenglases stiegen die dortigen Glasbläser eine Zeit lang zu den wichtigsten Europas auf. Bis andere deutsche Glasbläser dem Beispiel folgten. Deutsche und österreichische Manufakturen stellen heute die besten Weingläser der Welt her.
Doch mit dieser Revolution der Glasbläserei kam auch eine irrsinnige Vielfalt neuer Produkte auf den Markt. Man kam mit dem Kaufen gar nicht nach. Und dann gab es noch große Weinpersönlichkeiten, die ihre eigenen, sehr individuelle Gläserserien auf den Markt brachten. Diese Gläser waren toll, hatten aber neben ihrem exorbitanten Preis den gravierenden Nachteil, dass sie im Spüler kaputtgingen. Oder beim Polieren. Was für eine Verschwendung.
So begann der Siegeszug des Universalglases. Meist mit dickem Stiel. Und etwas dickeren Wänden. Dieses Glas ist ein enormer Fortschritt zum Senfglas. Aber auch ein enormer Rückschritt zur Glasvielfalt, wie sie schon einmal in den Restaurants zu sehen war. Unbestritten reichen zwei Universalgläser (für Rot und Weißweine) für die meisten Gelegenheiten. Doch wer einmal Sauvignon aus dem für diese Sorte entwickelten Sauvignon-Glas getrunken hat, der wird wissen, was verloren geht.
Ich habe deswegen die ganze Serie behalten. Und kaufe jedes zerbrochene Glas nach. Beispielsweise das Syrah-Glas (oder Shiraz-Glas), das ich erst vor wenigen Monaten für mich entdeckt habe. Es hat ein ähnliches Bauchvolumen, wie das ständig in Gebrauch befindliche Bordeaux-Glas, ist aber etwas schmäler und hat eine engere Öffnung für Mund und Nase. Dadurch wird der Wein meist floraler, säuregeprägter. Und auch jünger. Meinem Empfinden nach.
Interessant auch das kleine Tempranillo-Glas, das mir manche spanischen Crianzas erst richtig vergnüglich machte. Zuvor, im Bordeaux-Glas, wirkten diese Spanier eher flach und einfach. Genial ist das Riesling-Gand-Cru-Glas, das gewichtige Rieslinge bei der Entfaltung ihrer Wucht unterstützt. Und meiner Nase jede Menge vom Terroir und der Unterschiedlichkeit der Regionen erzählt. Jede Menge mehr, als es das artverwandte Chardonnay-Glas tat, das ich bis vor wenigen Monaten aus Faulheit als universelles Weißweinglas einsetzte. Und vom Sauvignon-Glas habe ich schon vorgeschwärmt. Das ist eine richtige Entdeckung, vor allem, weil diese Traube in Deutschland immer mehr an Bedeutung gewinnt.
Interessant ist es aber auch, den gleichen Wein in ähnlichen Gläsern zu kosten. Also einen Bordeaux nicht nur aus einem Bordeaux-Glas, sondern auch aus einem Tempranillo,- Syrah,- Brunello,- oder Burgunder-Glas zu trinken. Es werden fünf verschiedene Weine sein. Und man erkennt, was das richtige Glas ausmacht. Oder man erkennt, dass einem der Bordeaux eigentlich im Brunello-Glas am besten schmeckt. Geht zumindest mir so.
Ich behaupte, dass sich die Vereinfachung der Glaskultur, die Reduktion auf zwei Standardgläser, negativ auf das Trinkvergnügen auswirkt. Nein, man braucht keine wichtigtuerischen Glasbatterien; man braucht aber ein paar Gläser mehr als die beiden, die man inzwischen in fast jedem Haushalt findet. Und man braucht viele verschiedene Weingläser, um ein anderes Universum zu betreten. Ich halte das für die billigste Methode, sich von Planeten zu Planeten zu beamen.
Mehr Weintipps von Manfred Klimek gibt es unter CaptainCork.com
- Datum 01.09.2010 - 13:55 Uhr
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- Serie Weinkolumne
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das taktile und optische Gefühl ist, das sie vermitteln?
http://www.gourmet.com/ma...
cheers,
²pants
Äußern Sie sich bitte sachlich zum Inhalt des Artikels. Danke. Die Redaktion/sh
Wie wäre es, den Wein mit dem Strohhalm aus der Flasche zu trinken? (****schnell wegrenn)
Ist Weinexperte ein besserer Ausdruck für Alkoholiker? Und wieso gibt es keine beruflichen Bierexperten? Schmeckt das Oettinger aus dem Senfglas besser oder schlechter? Oder sogar floraler?
Oettinger schmeckt grundsätzlich nicht ;)
... schmeckt tatsächlich besser. Vorausgesetzt der richtige Senf befindet sich noch in hinreichender Menge (d.h. zu 100 Prozent, denn dann paßt kein Oettinger mehr rein ...) im Glas. Oberkotzauer, zum Beispiel, oder welcher aus der Kleinhettstedter Mühle. Oder eine Eigenkreation aus selbstgemahlenem Senfmehl und allerlei Geheimzutaten ;-))
Nee, Oettinger geht gar nicht. Schon gar nicht im Sauvignellillo-Glas.
Das Bier schmeckt natürlich je nach Glas (oder Krug) unterschiedlich. Ich selbst bevorzuge auch bei Kellerbier etc. dünne Gläser, weils beser schmeckt. Krüge finde ich voll unmöglich.
Bei Bier spielt die Glasart mE durchaus eine Rolle. Kölsch in den regionaltypischen "Reagenzgläsern" schmeckt z.B. grundsätzlich wie säuerliche Schweinepisse. Bekommt man es ausnahmsweise mal im 0,4l-Pilsglas, sind manche Sorten durchaus trinkbar.
Oettinger schmeckt grundsätzlich nicht ;)
... schmeckt tatsächlich besser. Vorausgesetzt der richtige Senf befindet sich noch in hinreichender Menge (d.h. zu 100 Prozent, denn dann paßt kein Oettinger mehr rein ...) im Glas. Oberkotzauer, zum Beispiel, oder welcher aus der Kleinhettstedter Mühle. Oder eine Eigenkreation aus selbstgemahlenem Senfmehl und allerlei Geheimzutaten ;-))
Nee, Oettinger geht gar nicht. Schon gar nicht im Sauvignellillo-Glas.
Das Bier schmeckt natürlich je nach Glas (oder Krug) unterschiedlich. Ich selbst bevorzuge auch bei Kellerbier etc. dünne Gläser, weils beser schmeckt. Krüge finde ich voll unmöglich.
Bei Bier spielt die Glasart mE durchaus eine Rolle. Kölsch in den regionaltypischen "Reagenzgläsern" schmeckt z.B. grundsätzlich wie säuerliche Schweinepisse. Bekommt man es ausnahmsweise mal im 0,4l-Pilsglas, sind manche Sorten durchaus trinkbar.
Haha unbeschreiblich, dass der Autor für diesen Artikel mit schnödem Mamon entlohnt wurde und nicht mit Weingläasern
..jegliche Unterstellung von Bestechlichkeit und Geschenkannahme. Sowie von Vetternwirtschaft..
..jegliche Unterstellung von Bestechlichkeit und Geschenkannahme. Sowie von Vetternwirtschaft..
In der Küche ist nur Platz für zwei Garnituren Weingläs und hohe Wandschränke kommen nicht in dieses gastliche Zimmer.
So mangelt es am letzten Quentchen Weingeschmack das wird aber durch die Wohlfühlumgebung mehr als ausgeglichen.
Oettinger schmeckt grundsätzlich nicht ;)
... Oettinger?
... Oettinger?
... Oettinger?
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