Wein und WahrheitDu sollst nicht nur einen Weingott ehren!

Schluss mit dem Weingeschwätz! Unser Experte Manfred Klimek ist angetreten, die größten Irrtümer aufzudecken. von Manfred Klimek

Weingötter sollten nicht bedenkenlos angebetet werden

Weingötter sollten nicht bedenkenlos angebetet werden  |  © Dierk Schäfer

Eine Weinverkostung in einem Düsseldorfer Spitzenrestaurant am Medienhafen. Um mich herum viele engagierte Weintrinker. Keine Händler, sondern interessierte Konsumenten. Ausgeschenkt werden Rotweine aus Chile, Argentinien, Kalifornien, Frankreich und Italien. Die Leute teilen sich rasch in zwei Gruppen. Der ersten Gruppe schmecken die meisten Weine. Der zweiten nicht. Die erste Gruppe hat mehr Mitglieder. Ich bin bei der zweiten. Ich frage einen Betriebsberater einer großen Kanzlei, was ihm denn an diesem 2006er Cabernet-Malbec aus Argentinien gefalle? Seine Antwort: "He Mann, der Wein hat 96 Parker-Punkte". Na dann...

Robert Parker ist ein mächtiger Mann. Nichts, so scheint es, kann sein System stürzen. Parker ist und bleibt der einflussreichste Weinkritiker der Welt und sein Bewertungssystem (maximal 100 Punkte) das einzig relevante. Das ist schlecht.

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Seit dem Dokumentarfilm Mondo Vino von 2004 wissen viele Leute erst, wer der studierte Rechtsanwalt und Weinkritiker Robert Parker überhaupt ist. Denn abgesehen von den bedeutendsten Händlern der Welt und ein paar tausend Weinenthusiasten blieb Parker der breiten Öffentlichkeit lange unbekannt. Dabei ist sein Einfluss enorm. Um nicht zu sagen: weltbewegend.

Schon Mitte der Achtziger Jahre hatte Parker in Amerika (gemeinsam mit der Zeitschrift Wine Spectator) das Bewertungsmonopol über eine Milliardenwirtschaft. Weil seine teilweise vernichtenden Urteile die arroganten Chateau-Besitzer im Bordeaux und im Burgund eine Menge Geld kosteten und weil zudem auch europäische Konsumenten nicht mehr automatisch jeden Wein gut fanden, der ihnen von verknöcherten Snobs empfohlen wurde, liefen viele Weinproduzenten schnell zu Parker über. Nicht nur in Frankreich.

Manfred Klimek
Manfred Klimek

Manfred Klimek sagt über sich selbst, er habe ein populistisches Weinverständnis mit individueller Note. Alle Weinkolumnen von ihm auf ZEIT ONLINE finden Sie hier.
 

Parker war der Anführer einer Avantgarde. Er beschloss, dass fruchtige, tanninreiche, säurearme und mit präzisem Holzeinsatz verbesserte Weine (um die wesentlichen Kriterien zusammenzufassen) den Weltmarkt bestimmen sollten. Und solche Weine kamen vor allem aus Kalifornien. Diesen Stil sollten alle bedeutenden Rotweingegenden der Welt übernehmen. Die meisten taten das auch. Das bedeutete den Einzug einer stabilen Qualität.

Über die Jahre kam es jedoch zu einigen, sagen wir mal, verstörenden Details. Als zum Beispiel vor drei Jahren ruchbar wurde, dass Spanien mit einer gigantischen Überproduktion zu kämpfen habe, da bekamen nach einer Nachverkostung auf einmal auch eher durchschnittliche und nach sehr industriellem Muster hergestellte Weine hohe Punkte. Das war eigenartig und führte zu Spekulationen über die Seriosität von Parkers Bewertungen.

Nichts passiert, bevor Parker persönlich in den wichtigsten Weingegenden (vor allem Bordeaux) auftaucht. Alle anderen Verkoster, die mindestens genau so viel von Wein verstehen wie Parker, zählen so gut wie nichts. Parker kommt. Und macht die Preise.

Leserkommentare
    • TomFynn
    • 18. August 2010 19:31 Uhr

    Meine Weingötter sind James May und Oz Clarke.

  1. Spannend. Der Vergleich zur Weltherrschaft liegt nahe. Mit Parker wurden in den letzten 15 Jahren viele Wein zu ähnlich teilweise sogar gleich. Die preise wurden in die höhe getrieben,…
    Und warum? Weil er die Weine so mag!
    Zum Glück springen die Deutschen ihm vom hohen Ross ab.
    Ich will nicht das alle Weine gleich sind. Ein hoch auf die Vielfalt!!!

    MfG der SWKelly

  2. Zum Winzer gehen, die Weine probieren, kaufen was einem schmeckt. Wozu brauche ich da Parker ?

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    Freier Autor

    ..was macht jemand, der in keiner Weingegend lebt und eben nicht mal so nebenbei zum Winzer gehen und probieren kann? Und man kann auch nicht jedem Vinothekar trauen..

    Bordeaux subskribieren wollen, werden Sie auf Parker und seine Kollegen angewiesen sein, da Sie kaum zu den betreffenden Proben eingeladen werden dürften. In dieser Sparte ist Parker damals groß herausgekommen, und Bordeaux ist immer noch, vielleicht neben der Rhône, Parkers wichtigstes Betätigungsfeld.
    Der Rest (zumindest europäischer Weine) ist oft längst an Mitarbeiter vergeben, die oft einen ganz eigenen Geschmack haben. Riesling, Spanier oder Italiener nach echten Parkerpunkten zu kaufen, sollte mangels dieser Bewertungen kaum möglich sein. Meines Erachtens werden in dem Artikel einige Dinge schnittig vermengt, die getrennte Betrachtung verdient haben sollten...

  3. ... um festzustellen, ob ihm ein Wein schmeckt, ist ein ganz armes Würstchen.

  4. Wer war denn Parker?

    • cinor
    • 19. August 2010 0:15 Uhr

    bin ich.

    Ich stelle fest, was mir schmeckt und was nicht. Dann kann es dummerweise auch mal geschehen, dass mir der 1,99-Wein vom Aldi Geschmacksexplosionen beschert und der 19,99-Wein vom Händler in den Ausguss wandert.

    Wenn es doch nur alle so hielten. Darf ichs auf die Yuppies schieben, dass dem nicht so ist?

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    Freier Autor

    ..wenn ein Wein für 1,99 eine Geschmacksexplosion bietet, dann hat da wohl die Aromahefenindustrie ihre Hand im Spiel, denn um dieses wenige Geld geht nur Masse vor Klasse..

  5. Bravo, bravo, bravo
    endlich versteht es mal jemand - und ich muss nich alleine mit meiner hm Meinung stehen.
    Niemand hat es bisher soo geschafft, den Markt soooo zu beeinflussen wie ER - kleingeschrieben, niemand hat sooo in die Industrie eingreifen können wie...
    ICH WILL MEHR als eine "internationale Einheitsplörre" die nach subjektivem Geschwafel beurteilt wurden sind. . . .

    Danke Klimek

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