Weingötter sollten nicht bedenkenlos angebetet werden

Eine Weinverkostung in einem Düsseldorfer Spitzenrestaurant am Medienhafen. Um mich herum viele engagierte Weintrinker. Keine Händler, sondern interessierte Konsumenten. Ausgeschenkt werden Rotweine aus Chile, Argentinien, Kalifornien, Frankreich und Italien. Die Leute teilen sich rasch in zwei Gruppen. Der ersten Gruppe schmecken die meisten Weine. Der zweiten nicht. Die erste Gruppe hat mehr Mitglieder. Ich bin bei der zweiten. Ich frage einen Betriebsberater einer großen Kanzlei, was ihm denn an diesem 2006er Cabernet-Malbec aus Argentinien gefalle? Seine Antwort: "He Mann, der Wein hat 96 Parker-Punkte". Na dann...

Robert Parker ist ein mächtiger Mann. Nichts, so scheint es, kann sein System stürzen. Parker ist und bleibt der einflussreichste Weinkritiker der Welt und sein Bewertungssystem (maximal 100 Punkte) das einzig relevante. Das ist schlecht.

Seit dem Dokumentarfilm Mondo Vino von 2004 wissen viele Leute erst, wer der studierte Rechtsanwalt und Weinkritiker Robert Parker überhaupt ist. Denn abgesehen von den bedeutendsten Händlern der Welt und ein paar tausend Weinenthusiasten blieb Parker der breiten Öffentlichkeit lange unbekannt. Dabei ist sein Einfluss enorm. Um nicht zu sagen: weltbewegend.

Schon Mitte der Achtziger Jahre hatte Parker in Amerika (gemeinsam mit der Zeitschrift Wine Spectator) das Bewertungsmonopol über eine Milliardenwirtschaft. Weil seine teilweise vernichtenden Urteile die arroganten Chateau-Besitzer im Bordeaux und im Burgund eine Menge Geld kosteten und weil zudem auch europäische Konsumenten nicht mehr automatisch jeden Wein gut fanden, der ihnen von verknöcherten Snobs empfohlen wurde, liefen viele Weinproduzenten schnell zu Parker über. Nicht nur in Frankreich.

Parker war der Anführer einer Avantgarde. Er beschloss, dass fruchtige, tanninreiche, säurearme und mit präzisem Holzeinsatz verbesserte Weine (um die wesentlichen Kriterien zusammenzufassen) den Weltmarkt bestimmen sollten. Und solche Weine kamen vor allem aus Kalifornien. Diesen Stil sollten alle bedeutenden Rotweingegenden der Welt übernehmen. Die meisten taten das auch. Das bedeutete den Einzug einer stabilen Qualität.

Über die Jahre kam es jedoch zu einigen, sagen wir mal, verstörenden Details. Als zum Beispiel vor drei Jahren ruchbar wurde, dass Spanien mit einer gigantischen Überproduktion zu kämpfen habe, da bekamen nach einer Nachverkostung auf einmal auch eher durchschnittliche und nach sehr industriellem Muster hergestellte Weine hohe Punkte. Das war eigenartig und führte zu Spekulationen über die Seriosität von Parkers Bewertungen.

Nichts passiert, bevor Parker persönlich in den wichtigsten Weingegenden (vor allem Bordeaux) auftaucht. Alle anderen Verkoster, die mindestens genau so viel von Wein verstehen wie Parker, zählen so gut wie nichts. Parker kommt. Und macht die Preise.