Wein und Wahrheit Redefreiheit beim Riechen und Schmecken

Schluss mit dem Weingeschwätz! Unser Experte Manfred Klimek ist angetreten, die größten Irrtümer aufzudecken. Heute: Der Begriffskanon der Weinsprache muss aufgebrochen werden.

Weg von der verstaubten Weinsprache! Alles, was die Zunge versteht, ist erlaubt!

Weg von der verstaubten Weinsprache! Alles, was die Zunge versteht, ist erlaubt!

Ein Abend im Restaurant. Am Tisch auch ein "Weinkenner". Ich, stets eitel und wichtigtuerisch, lasse ihm den Vortritt: Er darf die sechs Weine aussuchen, die wir an diesem Berliner Spätsommerabend unter verhangenen Himmel trinken werden. Alle sind neugierig.

Und der "Weinkenner" wählt gut aus. Zuerst einen Kerner aus Sachsen und einen Sauvignon aus der Pfalz. Dann einen Weißburgunder aus Württemberg und einen Chassagne Montrachet aus der Burgund. Auch mit den Jahren liegt er richtig, lässt bei den Aromasorten (Kerner und Sauvignon) das umstrittene Jahr 2008 beiseite und favorisiert anstelle die fruchtigen 2009er. Bei Weißburgunder und Chardonnay greift er zu den älteren Jahrgängen 2005 und 2001. Man sieht: Hier hat einer schon viel getrunken. Und Ahnung, was schmeckt.

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Bei den Rotweinen die gleiche Freude: Ein Spätburgunder aus der Pfalz (dazu als Überraschung ein Merlot von ebenda). Und einen 2005er Bordeaux. Der Abend ist für mich gerettet. Nun noch gute Gespräche, eine leichte Alkoholisierung und danach eine harte Matratze in einem gut belüfteten und ruhigen Raum.

Keine Angst, es folgt kein "aber". Der Abend war wirklich gelungen. Mir ist nur aufgefallen, mit welchem Vokabular der zweifelsfreie Kenner der Materie seine ausgesuchten Weine beschrieb. Mit Vokabeln, die man schon hunderte Male gehört hat; mit Vokabeln der geheimnisumwitterten und blumigen Weinsprache, die eine Eintrittsschwelle darstellt. Eine Eintrittsschwelle in die legendenumrankte Welt der "echten" Weinkenner, jener Clique, die einem das Weintrinken stets verleidet.

Dazu gehören Ausdrücke wie "nasser Kater", oder "Pferdesattel". Beschreibungen wie: "Ein Bouquet aus dem Kräutergarten". Oder: "Eine Komposition aus reifen Pfirsichen mit einem Anklang gebrannter Mandeln". Manchmal versteigen sich die Weinkenner zu gewagten und verunglückten Konstruktionen wie: "Ein Wein, wie die alternde Jeanne Moreau". Dann wird es lächerlich.

Manfred Klimek
Manfred Klimek

Manfred Klimek sagt über sich selbst, er habe ein populistisches Weinverständnis mit individueller Note. Alle Weinkolumnen von ihm auf ZEIT ONLINE finden Sie hier.
 

Es ist mitnichten so, dass diese Beschreibungen nicht richtig wären. Pferdesattel, Achselschweiß, Kräutergarten, Steinobstnase oder Frühlingswiese lassen sich samt und sonders nachvollziehen. Doch nur ein paar Begriffe mehr und die Sprache der Weinkenner (und damit sind vor allem Vinothekare und Sommeliers gemeint) ist an ihren Grenzen angelangt. Dabei gibt es viel mehr zu riechen und schmecken, es lässt sich aber schlecht mit Wein und Kultur kombinieren. Zumindest glauben das die Gralshüter der Weinverkostung.

Ein sehr mineralischer Riesling kann zum Beispiel nach "kaltem Aschenbecher" riechen. Und wie das stählerne Eisenbahngleis schmecken, wenn man sich noch erinnern kann, wie man als Kind daran geleckt hat. Wie ich zum Beispiel. Dieser Geschmack kommt in manchen Rieslingen aus Rheinhessen vor. Im Kreise der Weinexperten heißt das dann: "Eisencharakter". Wie langweilig.

Leser-Kommentare
  1. ...die wie katzenpisse riecht mag ich nicht, gibts aber oft.

  2. ist der Grund warum ich keine Weintests lese- denn Geschmack läßt sich nunmal kaum in Worte fassen.
    Besonders lächerlich sind die angeblichen Fruchtgeschmäcker.Zum Glück stimmen sie nie- einen Wein der nach Aprikose schmeckt würde ich dem Winzer in die Ohren gießen.
    Daher lieber Herr Klimek - wenn sie schon beim verdienstvollen Entstauben der Weinwelt sind- gehen Sie doch mutig den nächsten Schritt und erklären (wie ich es hiermit tue) jede Geschmacksäußerung die über ein schmeckt oder schmeckt nicht hinausgeht schlicht für stillos.
    Der Gentleman genießt und schweigt.
    Prosit...

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    > Besonders lächerlich sind die angeblichen Fruchtgeschmäcker.
    > Zum Glück stimmen sie nie- einen Wein der nach Aprikose schmeckt
    > würde ich dem Winzer in die Ohren gießen.

    Haben Sie wirklich noch nie die Erfahrung gemacht, wie frappierend z.B. ein Chardonnay nach reifen Stachelbeeren duften kann? Hat mit Esoterik nicht das Geringste zu tun, sondern ist ganz einfach und für jeden mit einem einigermaßen intakten Geruchsinn nachvollziehbar. Nur weil Sie es bisher noch nicht erfahren konnten bedeutet doch nicht, daß es nicht da ist.

    > gehen Sie doch mutig den nächsten Schritt und erklären
    > (wie ich es hiermit tue) jede Geschmacksäußerung die
    > über ein schmeckt oder schmeckt nicht hinausgeht
    > schlicht für stillos.

    Eigentlich ist stillos, was Sie hier vorschlagen. Manche blumigen Umschreibungen bei Weinverkostungen finde ich auch übertrieben, aber soviel Reduktion auf den kleinsten und einfallslosesten Nenner muß dann doch nicht sein.

    Freier Autor

    ..ist nicht viel hinzuzufügen..

    > Besonders lächerlich sind die angeblichen Fruchtgeschmäcker.
    > Zum Glück stimmen sie nie- einen Wein der nach Aprikose schmeckt
    > würde ich dem Winzer in die Ohren gießen.

    Haben Sie wirklich noch nie die Erfahrung gemacht, wie frappierend z.B. ein Chardonnay nach reifen Stachelbeeren duften kann? Hat mit Esoterik nicht das Geringste zu tun, sondern ist ganz einfach und für jeden mit einem einigermaßen intakten Geruchsinn nachvollziehbar. Nur weil Sie es bisher noch nicht erfahren konnten bedeutet doch nicht, daß es nicht da ist.

    > gehen Sie doch mutig den nächsten Schritt und erklären
    > (wie ich es hiermit tue) jede Geschmacksäußerung die
    > über ein schmeckt oder schmeckt nicht hinausgeht
    > schlicht für stillos.

    Eigentlich ist stillos, was Sie hier vorschlagen. Manche blumigen Umschreibungen bei Weinverkostungen finde ich auch übertrieben, aber soviel Reduktion auf den kleinsten und einfallslosesten Nenner muß dann doch nicht sein.

    Freier Autor

    ..ist nicht viel hinzuzufügen..

    • morio
    • 25.08.2010 um 18:23 Uhr

    Offenbar fehlt es den selbst ernannten Weinkennern an so einfachen Worten wie "süffig" oder "nur zum Essen". Solche Bezeichnungen würde vielen Weintrinkern die Auswahl erleichtern.

    • cmling
    • 26.08.2010 um 5:25 Uhr

    ich muß gestehen, daß für mich "süffig" etwa dasselbe darstellt, wie "lecker", wenn es um feste Nahrung geht. Es wird eigentlich nur ausgedrückt, daß es geschmeckt hat, denke ich? Und das ist schon etwas wenig, weil man - ohne in Eitelkeit zu verfallen - so manches über Essen und Wein sagen kann, was über ein Plus/Minus hinausgeht.

    "Nur zum Essen"? Ich kenne keinen guten Wein, den ich nicht ohne Essen genießen könnte; kenne freilich viele, die mit einem Gericht eine zusätzliche Dimension bekommen.

  3. Ich selbst teile Weine in zwei Kategorien: Jene die mir schmecken, und jene die mir nicht schmecken.
    Jene die mir schmecken verursachen mir dabei keine Kopfschmerzen, jene die mir nicht schmecken hingegen oft.

  4. würde ich den Wein mit dem Aroma Achselschweiß dann doch nicht kosten wollen. Obwohl es - so verstehe ich den Artikel - auch dafür Liebhaber geben muss. Da werde ich gleich unsicher. Einen Kollegen in der Kantine fragte ich unlängst: "Schmeckts", und er antwortete mit verdrehten Augen: "Wie ´ne Marktfrau unterm Arm". Ich bedauerte ihn zutiefst und muss mich nun wohl fragen, ob das nicht vielleicht eine Lobpreisung seiner Speise war.

  5. Ich hoffe immernoch, dass der Achselschweiss nur ein blumiges Beispiel war (ansonsten Sorte, Jahrgang und Winzer bitte, Feinden sollte man auch ab und an was schenken :) )
    Übrigends, Kalter Aschenbecher ist so ziemlich einer der widerlichsten Gerüche, die ich kenne (ich war Raucher und selbst damals war das echt übel). Gibt es tatsächlich Weine die so stinken (nein, kein Duft...kannste glauben!)? (wenn ja, siehe Achselschweiss Nachtrag...)

    • cgh
    • 26.08.2010 um 18:19 Uhr

    Darf ich den Châteauneuf-du-Pape 1959 empfehlen? Er hat ein volles Bouquet und ein kräftiges Aroma, und er versaut nicht den Geschmack Ihres Cheeseburgers!

    Ich habe verwandte an der Nahe. Mein Vater kaufte direkt beim Winzer. Selbstverständlich wurde der Wein vor dem Kauf probiert. Es ist schon faszinierend wie ein Wein aus dem gleichen Wingert von Jahr zu Jahr unterschiedlich ausfällt, und wie sich ein Wein mit der Zeit entwickelt. Darüber hinaus ... schmeckt mir, oder schmeckt mir nicht!

    Als Student hatte ich nicht das nötige Kleingeld um diese Kategorie Weine, und vor allem nicht gleich ein Dutzend Flaschen davon zu kaufen. Daher bestimmte das studentische Weingütesiegel was ich und meine Freunde tranken. Ein solchermaßen ausgezeichneter Wein ist billig, nicht gepanscht, macht erst fröhlich, dann müde, und anschließend keine Kopfschmerzen!

    Wie diese Weine in der Fachsprache zu loben sind weiß ich nicht. Was mich dann wieder zu der obigen Empfehlung des Weinkellners bringt: Welche aromatischen und geschmacklichen Attribute muss ein Wein haben, der den Geschmack eines Cheeseburgers nicht versaut?

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    Freier Autor

    ..keine "Fachgesprache", ich will, dass jeder sagt, was er riecht und schmeckt. Und keine diktierten Standardsätze oder blumiges Geschwafel..

    Freier Autor

    ..keine "Fachgesprache", ich will, dass jeder sagt, was er riecht und schmeckt. Und keine diktierten Standardsätze oder blumiges Geschwafel..

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