Gemüse Tomate mit Zebrastreifen

Die größte Sammlung an Tomaten liegt in einem Schlossgarten an der Loire. Manche Sorten sind die letzten ihrer Art. Rot und rund sind nur die wenigsten.

Groß, klein, dick, dünn, fleischig oder fruchtig: Im Garten von Prinz de Broglie gibt es Platz für alle Tomaten

Groß, klein, dick, dünn, fleischig oder fruchtig: Im Garten von Prinz de Broglie gibt es Platz für alle Tomaten

Prinz Louis Albert de Broglie hat nichts übrig für schnelle Rennwagen und züchtet auch keine Polo-Pferde. Er hält auch sonst nicht viel von den üblichen Vergnügungen der europäischen High Society. Seine ganze Leidenschaft gilt einer Frucht: der Tomate. Im Garten seines Schlosses Bourdaisière im Loiretal östlich von Tours hat der Franzose die weltweit bedeutendste Sammlung von Tomaten angebaut. Schon die Namensschilder am Fuße der Sträucher zeigen die Extravaganz und Opulenz des Unterfangens. "Magnum Beefsteak", "Cherokee Chocolate", "Banana Legs", "White Rabbit", "Glasnost", "Believe It or Not". Mehr als 630 verschiedene Sorten sprießen hier aus dem Boden, und sie könnten unterschiedlicher nicht sein.

Der Prinz, ein charmanter Mann Ende 40 in selbst entworfenen Kleidern, nimmt das Staunen zufrieden zur Kenntnis. "Eine lustige kleine Frucht, nicht wahr? So rot und rund, das macht die Tomate sympathisch. Aber irren Sie sich da mal nicht. Sie ist nicht das, was sie vorgibt zu sein." Tatsächlich, die Tomaten der Bourdaisière sind mal grün, mal gelb, mal schwarz, weiß oder orange, mal haben sie die Form eines Apfels, mal die einer Birne, mal schmecken sie süß, mal mild, mal sauer, mal sind sie hohl, mal voller Fruchtfleisch.

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Sieht aus wie eine Riesen-Chilischote, ist aber eine Tomate

Sieht aus wie eine Riesen-Chilischote, ist aber eine Tomate

Das 1998 gestartete Öko-Projekt läuft unter dem Namen "Le Conservatoire de la Tomate" und soll ein möglichst breites Publikum für den Naturschutz sensibilisieren. "Wir haben zwar nicht die größte Kollektion an Saatgut hier", sagt de Broglie, "weltweit sind 10.000 Varianten bekannt. Aber es ist die größte Sammlung an gepflanzten Früchten". Unter den 630 verschiedenen Tomatenarten befinden sich viele seltene und sehr alte Sorten. Die Samen werden im Austausch mit privaten Sammlern oder über Organisationen, die auf Konservierung von altem Gemüse spezialisiert sind, angeschafft – etwa die L‘Association Kokopelli in Frankreich, die Arche Noah in Österreich oder Richters in Kanada.

"Probieren Sie doch", sagt Nicolas Toutain, des Prinzen Hauptgärtner, während er eine sonderbare Frucht vom Strauch schneidet. "Green Zebra" sieht aus wie eine grüne Kugel mit gelben Zebra-Streifen und ist so weich, dass sie wie Butter auf der Zunge zergeht, Schale inklusive. Von zartem Gelb, fast durchsichtig ist die "White Wonder", "eine alte Amerikanerin aus dem 19. Jahrhundert". Sie riecht wie eine Birne und schmeckt nach Honigmelone. Bedrohlich präsentiert sich dagegen ihre Nachbarin "Piment". Sie hat die Silhouette einer überdimensionalen Chili-Schote, schmeckt aber äußerst fruchtig. Nicolas erklärt, dass die Tomate ebenso wie die Paprika zur Familie der Nachtschattengewächse gehöre, dass sie aus Peru stamme und in Europa zunächst als Zierpflanze auf der iberischen Halbinsel kultiviert wurde. Mit der Französischen Revolution schaffte sie den Sprung nach Paris und von dort in andere Länder.

Im Garten des Chateau de la Bourdaisiere hat der Prinz mehr als 630 verschiedene Tomatensorten angepflanzt

Im Garten des Chateau de la Bourdaisiere hat der Prinz mehr als 630 verschiedene Tomatensorten angepflanzt

Dem Öko-Prinzen hat es vor allem die "Ananas" angetan, ein fetter Klops mit einem Rekord-Gewicht von bis zu drei Kilogramm. "Ihr Fleisch ist so fest, dass man sie in Scheiben schneiden und wie ein Steak grillen kann", schwärmt er. "Einfach deliziös!"

Eigentlich ist de Broglie Banker. Der Prinz, der aus einem der ältesten Adelshäuser Frankreichs stammt und mit Physik-Nobel-Preisträger Louis-Victor de Broglie verwandt ist, verbrachte viel Zeit in Indien und Lateinamerika. "Als mein Bruder mir 1991 vorschlug, dieses Schloss, das bereits zwei Mal direkt oder indirekt unserer Familie gehörte, zu kaufen und in ein Hotel umzuwandeln, zögerte ich nicht lange. Ich interessierte mich aber primär für den Garten, und so bekam ich den Spitznamen Prince Jardinier."

Hüter der Tomaten: der "Prince Jardinier" Louis Albert de Broglie

Hüter der Tomaten: der "Prince Jardinier" Louis Albert de Broglie

Unter diesem Label vermarktet de Broglie nun schicke Gartenutensilien – und Kleidung. Sein Ziel sei es gewesen, sagt der 47-Jährige, "eine Sammlung aufzubauen, die nicht nur meiner Neugier Genugtuung verschaffte, sondern mich die Geschmäcker, Düfte und Sinnesempfindungen meiner Kindheit wieder entdecken ließ".

Jeden September zelebriert der Prinz ein Tomaten-Festival im Schlosspark. Das hat die Tomate auch nötig. Die nach der Kartoffel am zweihäufigsten konsumierte Frucht der Welt ist längst Opfer ihrer eigenen Popularität geworden. "Um sie wirtschaftlich erfolgreich zu machen, wird sie viel zu viel gegossen", beklagt Nicolas, der Gärtner. "Damit erhält man das gewünschte Marktgewicht, aber der Geschmack geht verloren."

In Bourdaisière hingegen lässt man der vielseitigen Frucht alle ihre Freiheiten. Darüber wacht der Prinz persönlich  – von einem hohen Stuhl aus am Rande des Gartens. "Das ist der ideale Ort zur Reflexion über die Zerbrechlichkeit der Biodiversität", sagt er, "und besser als Meditation".

Château de la Bourdaisière, 37270 Montlouis-sur-Loire. Das "Festival de la Tomate" findet vom 11. bis 12. September 2010 statt
 

 
Leser-Kommentare
  1. ...ist es zweifellos, alte Tomatensorten anzubauen und zu pflegen. Seit etlichen Jahren praktiziere ich das auch. Es gibt in der Tat Sorten, die unvergleichlich gut schmecken. Ochsenherztomaten, Olirose, Federle und Black Plum, Marmande, Bonner Beste, um nur einige zu nennen, bieten eine Fülle geschmacklich sehr unterschiedlicher Varianten an, die von den üblichen "Ladentomaten" einfach nicht erreicht werden.

    Wer die Möglichkeit hat, einige m² Boden damit zu bepflanzen, wird mit unvergleichlichen Geschmackserlebnissen belohnt.

    Wer sich für alte Tomatensorten interssiert, kann im Net unter dem Suchbegriff Heirloom-Tomatoe fündig werden.

    Z.B. hier: http://www.tomatobob.com/

    oder in Österreich unter:
    http://jo.tomatenundander...

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