Wein und Wahrheit Jahr für Jahr ein Spitzenjahr
Schluss mit dem Weingeschwätz! Unser Experte Manfred Klimek ist angetreten, die größten Irrtümer aufzudecken. Heute: Auf den Jahrgang kommt es sehr wohl an.
In Frankfurt. Beim Italiener. Mit Paolo. Ich gehe gerne mit ihm aus. Wir unterhalten uns dann über Politik. Und Hemdenstoffe. Paolo und ich, wir gehen oft zum Italiener. Vor allem in Deutschland, wo die Italiener immer ein bisschen fröhlicher sein müssen. Fröhlicher, weil die Deutschen manchmal miesepetrig sind. Aber das bessert sich. Sagt Paolo.
Paolo und ich betreten einen Italiener in der Nähe des Bahnhofs. Der Besitzer begrüßt uns überschwenglich. Umarmung und Kuss auf beide Backen. Die Karte kommt, Paolo und ich zeigen auf die Bistecca, ein großes Stück Fleisch, das nach einem anständigen Rotwein verlangt.
Ich kriege die Weinkarte, denn ich kenne mich ja aus. Wenn einer so tut, als kenne er sich aus, dann bekommt er in Sachen Wein immer die Verantwortung delegiert. "Mach Du das." Nirgendwo sonst kann man mit Halbwissen so glänzen, wie beim Wein. Man muss nur die richtige Hälfte wissen.

Manfred Klimek sagt über sich selbst, er habe ein populistisches Weinverständnis mit individueller Note. Alle Weinkolumnen von ihm auf ZEIT ONLINE finden Sie hier.
In der Karte nichts Besonderes. Ich entscheide mich für einen relativ unoriginellen Wein, einen Tignanello des toskanischen Winzerhauses Antinori, das seit Jahrzehnten im oberen Sortiment Masse mit Klasse verbindet.
Masse mit Klasse ist auch dieser Tignanello, Antinori keltert von dem kräftig-fruchtigen Saft jedes Jahr ein paar hunderttausend Flaschen. Trotzdem ist der Wein mitunter hervorragend. So auch der Jahrgang 2001, der hier auf der Karte steht.
Der Wein ist bestellt, der Wein kommt. Es ist ein 2005er. Ein anderer Jahrgang. Ein schlechterer Jahrgang. 2005 hat es in weiten Teilen der Toskana nach einem schönen Sommer im Herbst ordentlich geregnet. Die dünnschaligen Trauben begannen schnell zu faulen. Für manche Winzer war es ein Katastrophenjahr.
Ich reklamiere, dass ich den 2001er bestellt habe. Der ist aber schon ausgetrunken. "So ein Pech, auf den habe ich mich jetzt wirklich gefreut", sage ich. "Macht nichts", sagt der Kellner, "der 2005er ist genauso gut". "Ist er nicht", sage ich. Am Tisch entsteht eisiges Schweigen. Der Besitzer kommt und versucht zu vermitteln. Er sei davon überzeugt, dass der 2005er mindestens genauso gut sei, wie der 2001er. Warum?
- Datum 06.09.2010 - 19:12 Uhr
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- Serie Weinkolumne
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ich möchte auch mal von einem italiener auf meine beiden backen geküsst werden!
Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit sachlichen Beiträgen an der Diskussion. Die Redaktion/cs
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...schafft die Artikelreihe nicht das was hier angekündigt wurde. Bis darauf das man Weingeschmack jetzt beschreiben soll wie man mag, scheinen alle Mythen und Regeln gerechtfertigt. Der Elfenbeinturm bleibt erhalten.
Nichtsdestotrotz unterhaltsam und flüssig geschrieben.
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der 2005er tignanello muss 2 stunden vorm trinken karaffiert werden, dann ist er akzeptabel [der 2001er ist längst ausgetrunken und nirgendwo mehr zu bekommen] - und, ja: der "kleine johnson" ist fürs kleine weinwissen durchaus ausreichend :-)
Der beste Jahrgang ist immer noch der, bei dem im Keller im wesentlichen NICHTS gemacht werden muss.
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