Wein und Wahrheit Jahr für Jahr ein SpitzenjahrSeite 2/2

 "Weil in Italien jedes Jahr ein gutes Jahr ist", sagt der Besitzer, "in Italien scheint immer die Sonne". Alle um mich nicken. Ist ja klar: Italien, das Sonnenland. Ich seufze und akzeptiere. Der 2005er wird geöffnet. Er schmeckt uns nicht. Keine Katastrophe. Aber keine Freude. Lange Gesichter. Der Besitzer spricht von einem Fehler und macht noch eine Flasche auf. Die ist auch nicht besser. Bevor er die dritte Flasche aufmacht, um uns zu beweisen, dass es doch noch einen guten Tignanello aus dem Jahr 2005 geben kann, halte ich ihn zurück und sage: "Vergiss es, es war einfach ein schlechtes Jahr."

Nach dem Essen setzt sich der Padrone zu uns an den Tisch und es beginnt eine kleine Diskussion um Weine und Weinjahre. Ich erkläre, dass man in der Toskana von 2000, 2002, 2003, 2005 und teilweise auch von 2007 die Finger lassen sollte. Ungläubige Blicke am Tisch. Was? Gleich so viele Jahre sind schlecht?

Ich stelle richtig, dass die Jahre nicht schlecht, sondern kompliziert waren. Nun gut 2002 war wirklich schlecht. Und dass man bei komplizierten Jahren immer aufpassen muss, aus welchem Teil des Landes, ja sogar der Region, ja sogar von welchem Winzer man kauft. Denn auch in komplizierten Jahren kann mitunter ein guter Wein entstehen. Wenn der Winzer weiß, was er tut.

Generell verfahren die Winzer heute viel genauer und umsichtiger. Das hilft ihnen, Totalausfälle zu vermeiden und in schlechteren Jahren mit weniger, aber besserem Lesematerial passable Ergebnisse hinzukriegen. Hinzu kommt noch eine moderne Kellertechnik und ein aufgestocktes Grundwissen, gepaart mit Erfahrungsaustausch durch internationale und regionale Kommunikation. Nein, so richtig katastrophale Jahrgänge hat es schon lange nicht gegeben. Aber schlechte schon.

Zwei Faktoren machten den Konsumenten glauben, dass Wein, egal aus welchem Jahr er kommt, immer von ähnlich guter Qualität sein kann. Zuerst hatte Europa seit 1988 ein paar sehr stabile Jahre, die nur von wenigen mittelmäßigen Jahrgängen unterbrochen wurden. Die schlechten Jahrgänge Anfang der Neunziger wurden von den Überkapazitäten der guten Jahre davor verdrängt. Zudem kamen immer mehr Weine aus Ländern auf den Markt, die über ein sehr stabiles Klima verfügen. Also Weine aus Kalifornien, Chile oder Australien. Das und die verbesserte Kellertechnik machten den Anschein, dass der Weinbau von klimatischen Einflüssen unabhängig geworden sei.

Ist er aber nicht. 2010 scheint wieder so ein kompliziertes Jahr zu werden. Feuchtigkeit und Pilze allerorten, ein paar südeuropäische Regionen konnten sich mit einem schönen August wieder verbessern. In Deutschland schaut man gespannt auf den Herbst, der vieles entscheiden wird. Immerhin redet man dieses Jahr nicht vom "besten Jahrgang seit Langem". Solchen Unsinn kann keiner mehr hören.

Zurück zum Italiener. "Wo kann ich mich informieren?" fragt der Padrone, der sich nun wundert, dass man über die Jahrgänge so wenig erfährt. Ich empfehle das Studium des "Kleinen Johnson". In diesem einfachen Universalhandbuch steht alles drin, was man wissen muss. Auch eine ausführliche Jahrgangsbewertung wichtiger Weinregionen. Früher gab es hierfür noch Beurteilungskärtchen im Scheckkartenformat. Diese haben die Weinhändler aber abgeschafft. Kein Wunder: Ein schlechter Jahrgang schadet dem Geschäft. Also darf es keinen geben.

Mehr Weintipps von Manfred Klimek gibt es unter CaptainCork.com
 

 
Leser-Kommentare
  1. ich möchte auch mal von einem italiener auf meine beiden backen geküsst werden!

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    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit sachlichen Beiträgen an der Diskussion. Die Redaktion/cs

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  2. ...schafft die Artikelreihe nicht das was hier angekündigt wurde. Bis darauf das man Weingeschmack jetzt beschreiben soll wie man mag, scheinen alle Mythen und Regeln gerechtfertigt. Der Elfenbeinturm bleibt erhalten.

    Nichtsdestotrotz unterhaltsam und flüssig geschrieben.

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    Antwort auf "backenkuss"
  4. der 2005er tignanello muss 2 stunden vorm trinken karaffiert werden, dann ist er akzeptabel [der 2001er ist längst ausgetrunken und nirgendwo mehr zu bekommen] - und, ja: der "kleine johnson" ist fürs kleine weinwissen durchaus ausreichend :-)

  5. 5. Wein

    Der beste Jahrgang ist immer noch der, bei dem im Keller im wesentlichen NICHTS gemacht werden muss.

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