GewissensbisseWas kostet ein gutes Huhn?

In der Serie "Gewissensbisse" erläutert Theresa Bäuerlein Grundfragen des Essens. In der neuen Folge: Müssen es unbedingt Bio-Hühner sein? Oder sind Masthühnchen okay? von 

Frische Hähnchen in Plastiktüten, mit Gewichts- und Preisangabe an einem Marktstand in Osterode am Harz

Frische Hähnchen in Plastiktüten, mit Gewichts- und Preisangabe an einem Marktstand in Osterode am Harz  |  © dpa

Was muss ich für ein Hühnchen ausgeben, um zumindest annehmbare Qualität zu bekommen?
Mehr, als Sie vermutlich gerne bezahlen wollen. Und mehr, als sehr viele bereit sind, tatsächlich zu bezahlen.

Während bei Eiern mittlerweile ein recht großer Teil der Käuferschaft Bioprodukte aus dem Regal nimmt, ist der Absatz von Bio-Hühnchen noch sehr gering. Eigentlich klingt das unlogisch: Eier von Freilandhühnern kaufen, beim Fleischkauf aber die Billigware wählen. Wäre da nicht der Preis.

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Denn bei Bio-Hühnern macht sich der Preisunterschied zwischen Massenbetrieb und biologischer Aufzucht viel schmerzlicher bemerkbar als beim Ei: Während konventionell erzeugtes Hühnerfleisch für rund zwei bis vier Euro pro Kilo zu haben ist, kostet die Öko-Alternative leicht das Doppelte bis Dreifache. Der Preis hängt direkt mit der Art und Weise zusammen, wie die Hühner aufwachsen. 

Theresa Bäuerlein
Theresa Bäuerlein

1980 in Bonn geboren. Studium der Journalistik an der Deutschen Journalistenschule und der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Seit 2003 ist Theresa Bäuerlein Autorin, vor allem für Neon, Essen & Trinken und die Süddeutsche Zeitung. Sie wohnt in Tel Aviv und Jaibling, Bayern.

Normale Masthühnchen sind auf Leistung getrimmt. Sie wachsen innerhalb kürzester Zeit vom Küken zum schlachtreifen Brocken heran. Dank Kraftfutter und auf schnellstes Fleischwachstum gezüchtete Rassen dauert das heute nur noch etwa fünf Wochen. Zwar setzen die Tiere schnell viel Fleisch an, aber ihre Entwicklung ist nicht besonders gesund: Fast ein Drittel aller Masthühnchen kann nicht richtig laufen, weil sie unter ihrem eigenen Gewicht zusammenbrechen. Hühner in der platzarmen Massenhaltung sind außerdem anfälliger für Krankheiten. Die Medikamente, die sie dagegen bekommen, wie zum Beispiel Antibiotika, bleiben als Rückstände im Fleisch.

Langsamer gemästete Tiere kosten mehr, haben aber nicht nur ein besseres Leben, sondern laut einer Untersuchung der Hessischen Verbraucherzentrale auch ein saftigeres und aromatischeres Fleisch. Es bleibt auch mehr auf dem Teller übrig – die Hühnchen schrumpfen nämlich bei der Zubereitung nicht so stark.

All diese Vorzüge überzeugen bis heute aber nur sehr wenige Käufer. Die deutschen Konsumenten orientieren sich laut der Gesellschaft für Konsumforschung vor allem am Preis. Nur ein kleiner Teil entscheidet sich für das teurere Fleisch aus artgerechter Haltung, 55 Prozent der Deutschen kaufen ihr Geflügel im Discounter. Sie bestimmen damit den Fleischpreis maßgeblich mit. Der Preisdruck in der Branche ist so stark, dass den Produzenten kaum eine Wahl bleibt, als so billig und viel wie möglich zu produzieren. Nur 0,6 Prozent der Hähnchen stammen von Biohöfen.

Eigentlich ist so ein Billighuhn aber nur scheinbar günstig. Denn die tatsächlichen Kosten des Fleischs stehen nicht auf der Packung. Damit der Preis des Huhns am Grillwagen niedrig sein kann, bleiben Geschmack, Tier- und Umweltschutz auf der Strecke. Die Kosten überdüngter Böden und verschmutzter Gewässer zahlt die Allgemeinheit am Ende wieder drauf – als Steuerzahler.

Es gibt aber auch gute Nachrichten: Immer mehr Erzeuger schließen sich zu Qualitätsfleischprogrammen zusammen. Hühnerfleisch aus solchen Quellen ist ein akzeptabler Mittelweg. Manche dieser Erzeuger gehen sogar über die Anforderungen des Bio-Siegels hinaus. Leider gibt es bisher noch eine verwirrende Vielzahl von Auszeichnungen, die oft mehr versprechen, als sie halten. Orientierung versprechen die Broschüre „Fleisch. Iss gut!“ der Verbraucherzentrale Hessen und ein Ratgeber zu Fleischlabels der Zeitschrift Ökotest. Deren Maßstäbe geben noch verlässlicher Auskunft über die Qualität des Hühnchens als der Preis allein.

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Leserkommentare
    • agffm1
    • 09. Dezember 2010 11:35 Uhr

    Vielen Dank für den guten Artikel!
    Jetzt bin ich nur gespannt, wie lange es dauert, bis der erste Anti-Bio-Querulant kommt, der die konventionelle Haltung mit fadenscheinigen Argumenten verteidigt (die armen Bio-Hühner müssen ins Freie, obwohl sie davor ja so viel Angst haben!) und den denkenden Verbraucher als trendhörigen Gesinnungsethiker lächerlich macht... Es ist leider sehr ärgerlich, dass die Foren vieler Online-Portale überquellen vor der Häme und Besserwisserei von Lesern, die die Kunst der selektiv-paranoiden Wahrnehmung in neue Höhe befördern. Bio? Alles Quatsch. Klimawandel? Erfunden von den Forscher und der Solar-Lobby. Einziger Schluss daraus: Weiter so! Es gibt keinen Grund das Gehirn einzuschalten. Wir leben schon in der besten aller möglichen Welten.
    Pardon, jetzt war ich auch mal hämisch. :-)

    8 Leserempfehlungen
  1. Haben Sie sich mal gefragt, wo das Resthuhn zu einer Packung Hühnerschenkel oder -brust bleibt? Die Antwort: allzu oft landen die Karkassen auf afrikanischen Märkten und zerstören dort EU-subventioniert die Geschäftsgrundlage einheimischer Geflügelzüchter.

    Tragisch ist auch, daß die Mehrheit in Deutschland an den mäßigen Geschmack qualgezüchteter Hühner gewöhnt ist, man kennt nichts anderes mehr als den Gummiadler. Ein freilaufendes Bio-Huhn ist dagegen eine absolute Köstlichkeit. Mir scheint ja ein erfolgreicher Weg zu weniger u.a. Fleischfresserei eher über Genuß als über moralische Appelle zu gehen. Von qualitativ hochwertiger Nahrung braucht man nach meiner Erfahrung einfach weniger, letztendlich ist das billiger. Während vorverdauter, aromastoff- und medikamentenverseuchter Mist eine unstillbare Gier hervor zu rufen scheint.

    Es ist also nicht nur eine Frage von Gewissensbissen gegenüber Umwelt und Mitgeschöpf Tier, sondern auch eine Frage von Bewußtsein gegenüber Menschen. Nämlich zur eigenen Gesundheit und zum Erhalt bäuerlicher Kultur in Deutschland und anderswo. Mit anderen Worten - was Nahrung angeht, sollte man schon darüber nachdenken, bei den eigenen Konsumentscheidungen Teile der Globalisierung wieder rückgängig zu machen. Schmeckt besser, ist gesünder, schafft weniger Speck auf die Hüfte, schont die Umwelt und läßt letztendlich Menschen Chancen.

    8 Leserempfehlungen
  2. ....wie lange es dauert, bis Buh uns wieder ihre "Fleischesser sind Mörder"-Parolen um die Ohren haut...

    @2
    das merkt man ja schon an den Eiern von freilaufenden Hühnern auf dem Bauernhof...die schmecken schon ganz anders.

    Aber es ist doch wie bei allem so: Ein Joghurt mit frischen Erdbeeren schmeckt auch nicht so penetrant nach Erdbeeren wie ein Erdbeer-Joghurt aus dem Supermarkt (wobei dies meistens ja nur Joghurt mit Erdbeergeschmack ist...großer Unterschied)...

    Eine Leserempfehlung
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    • Buh
    • 19. Dezember 2010 1:34 Uhr

    Warum sind Sie so voller Hass und Häme? Warum sind Sie so arrogant und ignorant? Warum können Sie nicht >inhaltlich< diskutieren, sondern ziehen oberflächlich über Leute her, die anderer Meinung sind. Wenn ich behaupte, dass Fleischesser Mörder sind, dann ist das zunächst eine politische Parole, die ich dann im einzelnen darlege. Ich habe niemals geschrien und alles um mich herum als Dumm bezeichnet. Ich suche die Diskussion habe dabei aber einen Festen Standpunkt den ich argumentativ verteidige. Oder habe ich Sie schon mal geschlagen? Habe ich sie mal ordinär beleidigt?

    Selsbtverständlich ist das vorsetzliche töten und auch das vorsätzliche Töten in Auftrag zu stellen nach meinem ethsicheN empfinden Mord. Dass der gestezgeber das nicht sos ieth spielt dabei absolut keine Rolle, weil ich hier für eine neue Sichtweise der Dinge streite und nicht für dei alte, die in deN egstezbüchern und den Köpfen der meisten Menschen steht.

    Der Punkt ist der, dass ich aus gesellscahftlichena ber auch empathischen Gründen keine Menschen töte. Tiere werden getötet, weil die Empathie aufgrund der gesellscahft abgeschaltet wird.

    Warum sollte ich meine menschliche Grundeigenscahft der empathie abschalten um einer Felischfresser-Tradition zu fröhnen? Ich sehe das Huhn als fühlendes Bewusstseinswesen an. Warum sollte ich jemandem leid zuführen, wenn ich dazu keine Not habe?

    • achimvr
    • 09. Dezember 2010 12:00 Uhr

    Man kann auch ohne Fleisch genießen. Es gibt also nicht nur die Alternative Massentierhaltung und Bio!

    Deutsche essen über 12 Milliarden Tiere pro Jahr
    http://albert-schweitzer-...

    2 Leserempfehlungen
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    ...hat Buh einen Mitstreiter gefunden oder hat sie einen neuen Namen?

    Müssen es jedesmal die gleichen Phrasen sein? Es wird langweilig.

    Ich bin auch Deutscher, und ich esse im Jahr vielleicht 20-30 Kilo Fleisch (zumindest von dem, wo ich es weiß), da ist Wurst auch schon mit einbezogen. Zudem ist das alles Bio-Fleisch.

    Aber mit ihresgleichen kann man eh nicht reden, es kommen immer wieder die gleichen abgedroschenen Phrasen, welche so vorhersehbar sind. Also warum lassen Sie uns hier einfahc nicht in Ruhe?

    Zudem sollten Sie sich mal über den Begriff Mord informieren...wenn Sie hier schon wie ein aufgescheuchtes Huhn (vorsicht Wortspiel) auftauchen sollten Ihre Argumente schon stichfest sein...

    • output
    • 09. Dezember 2010 13:50 Uhr

    Richtig Zitat „Man kann auch ohne Fleisch genießen”. Aber Leute, die nicht mit einem Taschenrechner umgehen können, sind auch nicht gerade ein Genuss.

    Die von der Albert-Schweizer-Stiftung haben sich um den Faktor 10 verrechnet. Es sind 1,1 Milliarden, bitte schön.

    Bekannt ist, dass tierische Nahrung eine positive Auswirkung bei der Evolution des Gehirns hat. Sind den Schweizer-Leuten eventuell die vier Grundrechenarten wegen Fleischmangels abhanden gekommen?

    In Ihrem Link sind die armen Viecher nicht berücksichtigt, die beim Waschen von Salat von den Blättern in den Ausguss gespült werden!

  3. Warum sollen es sich weniger Menschen leisten können das dreifache für ein Huhn auszugeben? Die Betrachtungsweise ist falsch!

    Ich z.B. habe kein Problem damit, in der Bio-Laden (Naturata) für ein Kilo gemischtes Gehacktes zwischen 8 und 10 Euro zu zahlen. Warum?

    1. Der Geschmack, es hat wenigstens einen Eigengeschmack gegenüber der Massenware aus dem Supermarkt

    2. Es behält fast die Größe. Das Fleisch aus dem Supermarkt verliert wesentlich mehr Wasser. Dadurch schwindet die Größe um 1/3. Man hat beim Bio-Fleisch also am Ende sogar mehr übrig, was den Preis auch noch mal etwas nach unten zieht. Zudem lässt sich Bio-Fleisch dadurch auch besser braten

    3. es muss nicht jeden Tag sein, denn ich verzichte lieber auf 1-2 mal Fleisch und habe dafür etwas, was wirklich ein Genuss ist.

    Diese 3 Punkte habe ich für mich durch einen Vergleichstest entschiede. Und wenn man diese 3 Punkte zusammenzieht, merkt man, dass es unterm Strich gar nicht so viel teurer ist, Bio-Fleisch zu verwenden...

  4. Der Qualitätsunterscheid ist nirgend so riesig, wie beim Huhn. Auch traditionell gemästet, aber mit Zeit usw. ist es ein gigantischer Sprung gegnüber dem Magerhuhn. Und nirgendwo ist der Unterschied wie beim Huhn von konventionell und Bio so groß. Man braucht nicht viel Geld auszugeben, um gutes Huhn zu bekommen, wenn auch mehr als das Hungerhuhn aus dem Supermarkt.
    Spitzenqualität kostet aber. Letzte Woche kam vom Genusshandwerker eine Angebot für einen Mieralkapaun zum Stückpreis von 335 €.

  5. ...Freilandfläche, das Recht auf Körnerfutter, artgerechte Haltung und natürliches Wachstum ist in Frankreich sauber geregelt.

    Landwirtschaftliche Produkte, die höchsten Qualitätsansprüchen genügen, erhalten dort das Gütesiegel "Label Rouge".
    http://www.gefluegel-labe...

    Die Landwirte, die z.B. ihre Hühner nach diesen Qualitätskriterien leben lassen, werden regelmässig kontrolliert.

    Der Käufer eines solchen Huhnes, das meistens zwischen 1,3 und 2kg wiegt, hat sozusagen den Garantieschein für ein Huhn, das aussergewöhnlich gut schmeckt, ein gutes Leben hatte...und das er auch nach dem Essen noch verwerten kann. (Sammeln und einfrieren der Karkassen. Sind ca. Karkassen zusammen, ist das die perfekte Grundlage für einen selbstemachten weissen Fond).

    3 Leserempfehlungen
  6. 8. Oh...

    ...hat Buh einen Mitstreiter gefunden oder hat sie einen neuen Namen?

    Müssen es jedesmal die gleichen Phrasen sein? Es wird langweilig.

    Ich bin auch Deutscher, und ich esse im Jahr vielleicht 20-30 Kilo Fleisch (zumindest von dem, wo ich es weiß), da ist Wurst auch schon mit einbezogen. Zudem ist das alles Bio-Fleisch.

    Aber mit ihresgleichen kann man eh nicht reden, es kommen immer wieder die gleichen abgedroschenen Phrasen, welche so vorhersehbar sind. Also warum lassen Sie uns hier einfahc nicht in Ruhe?

    Zudem sollten Sie sich mal über den Begriff Mord informieren...wenn Sie hier schon wie ein aufgescheuchtes Huhn (vorsicht Wortspiel) auftauchen sollten Ihre Argumente schon stichfest sein...

    Antwort auf "Mord bleibt Mord"
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    • Buh
    • 19. Dezember 2010 1:35 Uhr

    Welche Phrasen kommen denn? Ich habe eine Bachelorarbeit über Tierphilosophie bzw Tierrechte geschrieben. Meinen Sie ich hätte bestanden, wenn ich nur Phrasen gedroschen hätte?

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  • Serie Gewissensbisse
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Antibiotikum | Auszeichnung | Bioprodukt | Discounter | Erzeuger | Fleisch
  • Models present creations from the Felder &amp; Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

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