WeltmarktHeiße Schokolade

Kakaobohnen sind zum Spekulationsobjekt geworden und daher so teuer wie lange nicht. Aber was haben die Bauern in Sierra Leone davon? Von Roland Brockmann von Roland Brockmann

Eine Kakao-Pflanze auf einer Plantage, in der Nähe von San Jose, USA

Eine Kakao-Pflanze auf einer Plantage, in der Nähe von San Jose, USA  |  © AFP

Schokolade? Der alte Mann mit der Wollmütze schüttet den Kopf. Die Kinder haben ihn gerufen, als plötzlich der fremde weiße Besucher im Dorf auftauchte.

Kakao? "Cocoa, ja, der wächst hier auf meiner Plantage.“ Der 70-jährige Dorfchef lächelt. Aber Schokolade? Faiya Kutu weiß nicht, was das sein soll. Neugierig blickt der Mann von vier Frauen und Vater von 15 Kindern auf die bunte Verpackung aus dem fernen Europa, deren Inhalt sich in der Hitze Afrikas längst verflüssigt hat. Vorsichtig steckt er seinen Finger in die braune Masse, leckt daran. Und dann seine Frauen, Kinder und Enkel. Ein ungewohnter Geschmack in Mendakoama im Kissi Tongem Chiefdom im Osten von Sierra Leone.

Anzeige

Der Weg zu Faiya Kutu und seiner Familie führt von der Lehmstraße des Distrikts sechs Kilometer über brüchige Brücken entlang eines schmalen Pfads, auf dem selbst das Moped manchmal stecken bleibt. Über den letzten Hang hoch zur Lichtung im Wald geht es nur noch zu Fuß weiter. Endlich steht man vor einer Siedlung aus Lehmhütten, deren Bewohner nicht einmal über Latrinen verfügen, geschweige denn über Strom, dafür über eine Frucht, nach der sich die Welt verzehrt: Gerade jetzt, im Winter, wenn echte Liebhaber bereit sind, für 50 Gramm feinster Schokolade mit 70 Prozent Kakaoanteil vier Euro auf die Theke des Chocolatiers ihres Vertrauens zu legen, dann aber auch ein Bio- oder Fairtrade-Label auf der Packung erwarten. Die Mehrheit allerdings mag es lieber günstig als ökologisch oder gerecht. Schokolade, das ist legaler Stoff zur Gemütsaufhellung, denn Kakaopulver enthält Theobromin, chemisch Koffein ähnlich. Gut für trübe Tage in den Industrieländern des Nordens.

Deutschland lag im letzten Jahr mit 11, 4 Kilo pro Kopf im europäischen Vergleich gleich auf Platz zwei nach der Schweiz im Schokokonsum. Fast jedes Gramm jedoch wurde ohne Zertifikat verzehrt: Der Anteil von Bio-Kakao wird von der Internationalen Kakao Organisation (ICCO) auf knapp 0,5 Prozent geschätzt – das entspricht weltweit gerade einmal 15 000 Tonnen, von denen 5000 allein aus der Dominikanischen Republik stammen. Fairtrade macht nicht einmal 0,1 Prozent vom Handel aus.

Trotzdem geht es selbst Kleinbauern wie Faiya Kutu zurzeit relativ gut. In diesem Jahr hat er bislang sechs Säcke Kakao à 70 Kilo geerntet und dafür 750 US-Dollar bei der Kooperative von Buedu bekommen.

So seltsam es klingt, im fairen Handel hätte er kaum mehr verdient. Fairtrade soll ein höheres Einkommen unabhängig von den Schwankungen des Weltmarktes garantieren und koppelt die Aufschläge an ein festgesetztes Minimum. Seit dem 1. Januar 2011 beträgt es pro Tonne 2000 US-Dollar. Der Weltmarktpreis aber liegt zurzeit über 3000 US-Dollar, seit 2009 ist er um 150 Prozent gestiegen. Nie in den letzten 30 Jahren war Kakao so teuer wie heute.

Das liegt weniger an der gerade zu Ende gegangenen Weihnachtszeit als an der Wirtschaftskrise, die den Rohstoff plötzlich zum Spekulationsobjekt machte. Im Sommer kaufte der britische Hedgefondsmanager Anthony Ward 240 000 Tonnen – was fast dem gesamten Lagerhausvorrat Europas entspricht oder sieben Prozent der Welternte: genug, um über fünf Milliarden Schokoriegel herzustellen. Laut Beobachtern will Ward die Preise weiter in die Höhe treiben, um seine eigenen Bestände mit möglichst hohem Gewinn wieder zu verkaufen.

Leserkommentare
  1. Warum der Umweg über die Börse? Da hilft doch das beste Fairtrade Konzept nichts, wenn die Güter eh wieder duch dir Hände der Spekulanten gehen. Warum müssen diese Trader immer mitverdienen? Mal kurz unglaubliche Summen verdienen mit einem Mausklick? Warum lässt unser krankes System sowas überhaupt zu?

    Was der Weltmarkt wirklich braucht sind direkte Kooperativen. Unternehmen, die ihre Waren direkt vom Erzeuger kaufen. Die verarbeitenden Firmen könnten sich direkt mit Bauernkooperativen verbünden und so den Mittelsmann einfach weglassen. Das ist eine Win Win Situation für alle ausser die Börsianer. Aber auf die muss man nun wirklich keine Rücksicht nehmen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • db72
    • 11. Januar 2011 11:17 Uhr

    Das ist genau dasselbe Spiel wie mit der Zeitarbeit . Inzwischen reicht es nicht mehr wenn ein einzelnes Unternehmen an der Arbeitskraft eines Menschen verdient, nein es muss noch ein anderes Unternehmen zwischengeschaltet werden das sich ebenfalls die Taschen füllt.

    Es reicht auch nicht wenn Menschen den realen Preis für Rohstoffe zahlen, sondern auch dort muss eine weitere Instanz zwischengeschaltet werden welche massiv die Hand aufhält.

    Das ist ja auch der Knackpunkt an dem gesammten CO2 Emissionshandel. Was soll es dem Klima den itteschön bringen wenn ein weiterer Spekulationsmarkt für Banken geschaffen wird und man die zu erwartende künstliche Verteuerung in die Hände dieser umleitet.
    Nichts für ungut, aber ein besseres Instrument für die Umverteilung von unten nach ganz oben habe ich noch nicht gesehen , und vorgeschoben werden , wie immer, ach so noble ziele.

    Richtig! Es geht auch anders:
    Die britische Firma Divine Chocolate gehört zu 45% der ghanaischen Kooperative Kuapa Kokoo, der Rest gehört Twin Trading, Oikocredit, Christian Aid and Comic Relief, alle sind an Nachhaltigkeit orientierte NGOs bzw. Charities.
    Die Kooperative Kuapa Kokoo ist demokratisch geführt und geht z.B. auch aktiv gegen Kinderarbeit an.
    Die Produkte von Divine Chocolate sind 100% FairTrade, die Firma zahlt den Bauern den Weltmarktpreis plus den FairTrade Bonus von $200 pro Tonne.
    Dass Divine Chocolate am hart umkämpften britischen Markt überhaupt Fuss fassen konnte zeigt, dass es "denkende Konsumenten" gibt und dass es immer mehr werden.
    Zum Thema Anthony Ward: Wie krank und egoistisch muss ein Mensch sein, um mit dem Einkommen (und damit auch dem Leben) von Menschen zu zocken.

    • db72
    • 11. Januar 2011 11:17 Uhr

    Das ist genau dasselbe Spiel wie mit der Zeitarbeit . Inzwischen reicht es nicht mehr wenn ein einzelnes Unternehmen an der Arbeitskraft eines Menschen verdient, nein es muss noch ein anderes Unternehmen zwischengeschaltet werden das sich ebenfalls die Taschen füllt.

    Es reicht auch nicht wenn Menschen den realen Preis für Rohstoffe zahlen, sondern auch dort muss eine weitere Instanz zwischengeschaltet werden welche massiv die Hand aufhält.

    Das ist ja auch der Knackpunkt an dem gesammten CO2 Emissionshandel. Was soll es dem Klima den itteschön bringen wenn ein weiterer Spekulationsmarkt für Banken geschaffen wird und man die zu erwartende künstliche Verteuerung in die Hände dieser umleitet.
    Nichts für ungut, aber ein besseres Instrument für die Umverteilung von unten nach ganz oben habe ich noch nicht gesehen , und vorgeschoben werden , wie immer, ach so noble ziele.

  2. ...hilft nur der Boykott des Produktes!

    Die einzige Waffe in der Hand des "Konsumenten" (ich hasse diese Begriff) ist der Boykott!

    Man kann Parasiten nur "aushungern".

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Oder die Schokolade im Weltladen kaufen. bei GEPA und anderen zahlt man da etwas mehr, weiß aber auch, dass etwas von dem Geld auch bei den Bauern ankommt. Da kann man dann den Kaffee auch gleich mitkaufen.

  3. Richtig! Es geht auch anders:
    Die britische Firma Divine Chocolate gehört zu 45% der ghanaischen Kooperative Kuapa Kokoo, der Rest gehört Twin Trading, Oikocredit, Christian Aid and Comic Relief, alle sind an Nachhaltigkeit orientierte NGOs bzw. Charities.
    Die Kooperative Kuapa Kokoo ist demokratisch geführt und geht z.B. auch aktiv gegen Kinderarbeit an.
    Die Produkte von Divine Chocolate sind 100% FairTrade, die Firma zahlt den Bauern den Weltmarktpreis plus den FairTrade Bonus von $200 pro Tonne.
    Dass Divine Chocolate am hart umkämpften britischen Markt überhaupt Fuss fassen konnte zeigt, dass es "denkende Konsumenten" gibt und dass es immer mehr werden.
    Zum Thema Anthony Ward: Wie krank und egoistisch muss ein Mensch sein, um mit dem Einkommen (und damit auch dem Leben) von Menschen zu zocken.

  4. Oder die Schokolade im Weltladen kaufen. bei GEPA und anderen zahlt man da etwas mehr, weiß aber auch, dass etwas von dem Geld auch bei den Bauern ankommt. Da kann man dann den Kaffee auch gleich mitkaufen.

    • Atan
    • 12. Januar 2011 11:21 Uhr

    sind sogar ausgesprochen köstlich, aber leider ist die Nachfrage anscheinend sogar in gutsortierten Läden zu gering, dass sie schnell wieder aus dem Sortiment fliegen.
    Was mich wieder zurück zum Argument bringt, dass Qualität, Inhaltsstoffe und Ethik für die allermeisten Kunden schlicht egal sind, hauptsache billig.
    Es ist also vermutlich völlig aussichtslos, über den Konsum irgendetwas bewegen zu wollen, wenn man Glück hat, kann man allenfalls seine klitzekklienen Qualitätsnischen wahren.

    Auffällig auch, dass hier bisher nicht 100 virtuelle Fanatiker eingefallen sind, die den Schokoladengenuss an sich verdammen, denn dieser ist doch nun mal eine reines Luxusprodukt der OECD-Reichen. Sicher gibt es doch irgendwo eine Statistik, die belegt, dass durch Verzicht auf Kakao, Kaffee, Tee, Bier und Wein sofort der Welthunger zu besiegen wäre (und die Rubrik "Lebensart" geschlossen werden könnte.)

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

    Vom Rand des Laufstegs

    Aktuelle Berichte von den Schauen in New York, London, Mailand, Paris und Berlin auf ZEIT ONLINE

    • Kochblog: Nachgesalzen

      Nachgesalzen

      Die Meisterköche Karl-Josef Fuchs, Jürgen Koch und Christian Mittermeier verraten ihre Tipps und Tricks

      • : Hinter der Hecke

        Hinter der Hecke

        Eine Schrebergarten-Kolonie ist ein eigener Kosmos. Unser Kolumnist Ulrich Ladurner erforscht ihn und seine Bewohner mit Demut, Feinsinn und Humor.

        • ZEITmagazin: Heiter bis glücklich

          Heiter bis glücklich

          Oft sind es die einfachen Dinge, die uns heiter bis glücklich stimmen. Im "Heiter bis glücklich"-Blog stellt die ZEITmagazin-Redaktion täglich ihre Entdeckungen vor.

          Service