Teilnehmer des Pork Camp beobachten aufmerksam, wie ein Metzger das gerade geschlachtete Schwein zerteilt – zum Starten der Fotostrecke, klicken Sie bitte auf das Bild

ZEIT ONLINE: Herr Siepert, Sie veranstalten am kommenden Wochenende zum zweiten Mal ein sogenanntes Pork Camp, bei dem die Teilnehmer mehrere Schweine schlachten und anschließend das Fleisch verwursten und essen. Wie kommt man auf so eine Idee?

Florian Siepert: Aus meiner eigenen Erfahrung als Konsument. Ich habe früher in Berlin gewohnt und dort angefangen, Fleisch bei einer sehr guten Metzgerei zu kaufen. Dort hingen noch echte Schweineköpfe, das macht mittlerweile ja kaum noch ein Metzger. Ich fand das damals befremdlich und merkte, wie entfremdet ich von dem Fleisch, das ich gegessen habe, eigentlich war. Dadurch kam ich auf die Idee, dass man eigentlich selbst bei einer Schlachtung teilnehmen und ganz traditionell selbst Wurst herstellen müsste. Die Idee habe ich in meinem Blog beschrieben und sehr schnell fand sich ein Kreis von Interessenten.

ZEIT ONLINE:Der Tod eines Tieres und so eine Schlachtung sind nichts für Zartbesaitete. Was für ein Publikum hat sich beim ersten Pork Camp 2010 eingefunden hat?

Siepert: Einerseits waren das Menschen mit einem großen gastronomischen Interesse – zum Teil auch Köche. Andererseits Leute, die man im weitesten Sinne als Geeks und Nerds bezeichnen könnte, die also eher mit einem Interesse an Hintergründigem und Ungewöhnlichem kommen. Beim ersten Pork Camp waren daher vor allem drei Berufsgruppen anwesend: Köche, Menschen aus der Medienbranche – und Softwareentwickler. Letztes Jahr hatten wir insgesamt 40 Teilnehmer.

ZEIT ONLINE: Hatten Sie keine Bedenken, dass die Schlachtung die Teilnehmer und Sie verstören könnte?

Siepert: Natürlich hatte ich Angst vor meiner eigenen Courage. Die Frage, was man macht, wenn das Schwein dann da hängt und blutet und zuckt und einem jede Lust auf Fleisch und die Veranstaltung vergeht. Aber so habe ich das nicht erlebt. Im Gegenteil: Die Schlachtung war ein sehr anständiger und fast natürlicher Prozess. Es gab auch Teilnehmer, die sich angemeldet haben und sagten, dass es durchaus passieren könne, dass sie hinterher Vegetarier werden würden. Ich fand das wahnsinnig gut. Denn umgekehrt ist diese Haltung ja eigentlich das Problem: da viele Menschen Fleisch nur konsumieren können, weil sie eben nicht wissen, wie es hergestellt wird. Und das ist, finde ich, wirklich keine sonderlich nachvollziehbare und erwachsene Haltung.

ZEIT ONLINE: Wie war der Moment, in dem das Schwein geschlachtet wurde?

Siepert: Ich hatte es mir schlimmer vorgestellt. Die Schweine wurden ja individuell betreut, ein Metzger für ein Tier – und nicht wie in der Massentierhaltung einfach mit CO2 betäubt. Die Schlachter, die das gemacht haben, haben die Tiere einzeln hereingeführt und mit einer Stromzange getötet, bis zum Hirntod. Dann blutet das Schwein aus. Der ganze Prozess war schon sehr intensiv und krass. Gerade wenn das tote Tier da liegt und noch röchelt und tritt. Auch wenn man weiß, dass das nur Reflexe sind, ist das beklemmend. Anschließend wurde das Tier entborstet und dann trat zumindest für mich sehr schnell der Prozess ein, dass das Tier zum Fleisch wurde. Aber so intensiv der Moment war, ich fand das letztlich gut, weil es die Herstellung von Fleisch so transparent und nachvollziehbar gemacht hat. Das war das genaue Gegenteil von Massentierhaltung und Fleisch aus dem Supermarkt. Mein Verhältnis zu Nahrung und Tieren hat das nachhaltig geprägt.

ZEIT ONLINE: Wie erleben Sie die aktuelle Debatte um den Fleischkonsum? Einerseits müssten Sie Jonathan Safran Foer in seiner Analyse der Missstände in der Fleischindustrie ja zustimmen, andererseits essen sie weiterhin Fleisch.

Siepert: Ich finde die Debatte um das Buch von Jonathan Safran Foer sehr gut, der ja – ähnlich wie wir – vor allem die Produktionswege und die Industrialisierung des Fleischessens kritisiert. Schade ist schon, dass meine Nische bei Foer gar keine Erwähnung findet, denn es gibt ja artgerecht aufgewachsene Tiere und hochqualitatives Fleisch. Wenn man also Foers Kritik teilt, aber trotzdem Fleisch essen will, dann ist man auf dem Pork Camp jedenfalls sehr gut aufgehoben.