"Wenn du zur Arbeit gehst am frühen Morgen, wenn du am Bahnhof stehst mit deinen Sorgen: da zeigt die Stadt dir asphaltglatt im Menschentrichter Millionen Gesichter." (Kurt Tucholsky – Die Augen der Großstadt)

Wer sind diese Millionen Gesichter, denen wir täglich in der U-Bahn, im Waschsalon oder in der Schlange an der Supermarktkasse begegnen? Das fragte sich die Berlinerin Sabine Knauf, als sie in ihrem Einkaufskorb drei zerknüllte Einkaufszettel fand.

"Deckweiß, Konfekt, Sekt, Champou", stand auf einem rosafarbenen Stück Papier. In ihrer Fantasie verlieh Knauf dem Einkaufszettel das passende Gesicht und zeichnete es auf. Sie stellte sich eine Frau in der Badewanne vor, die genüsslich Konfekt isst, an einem Glas Sekt nippt und sich eine Flasche über den Kopf hält, aus der vielleicht Champagner statt "Champou" fließt. Diese Zeichnungen hat Knauf, die hauptberuflich als Ärztin arbeitet, jetzt in ihrem ersten Buch Badeschaum & Shrimps veröffentlicht.

"Achteckiges Eis, Bollenpiepen, dickes Rätselheft mit großer Schrift": Es sind vor allem die kuriosen Wünsche, die Knauf interessieren. Ihr Wohnort Kreuzberg eignet sich dabei besonders gut als Sammelrevier. "2 mljeka, 1 jaja, 2 ajntopf, 3 jagurta, 1 sok, korn fleks." Außer Cornflakes nichts verstanden? In diesem Fall muss man sich die Worte unter Beachtung des Lautwertes selbst vorlesen, bevor sie ihr Geheimnis preisgeben.

Knauf fragt sich oft, wie stark ihre Fantasie von der Realität abweicht. "Man muss aufpassen, nicht zu sehr auf Klischees hereinzufallen," sagt sie. Ihr selbst passierte das auch. Bei dem Zettel "Kajal, Abdeckstift, 2 Pyjamas/Sarah auch, Dolormin, Shampoo für beide, Latschen, Rasierer, Bauchwehtee…" stellte sie sich eine junge, deutsche Frau vor, die für ihre Freundin oder Tochter Erledigungen machte. Als sie ihrer arabischen Nachbarin zufällig den Zettel zeigte, stellte sich heraus – er stammte von ihr.

Worin liegt der Reiz, Einkaufszettel zu sammeln? Ist es der Wunsch nach mehr Vertrautheit in der anonymen Großstadt, in der man den Nachbar nicht wirklich kennt? "Die Einkaufszettel ermöglichen mir einen Einblick in das Leben von Menschen, mit denen ich normalerweise nie etwas zu tun hätte", sagt Knauf. "Mir gefällt diese unprätentiöse Art der Mitteilung."

Es ist womöglich eine aussterbende Art. Längst tippt man Erledigungen ins Handy oder verwendet Shopping-Apps für das iPhone. Vielleicht werden wissbegierige Historiker in 100 Jahren Sabine Knaufs Zettelsammlung erforschen – als Sozialstudie aus einer vergangenen Zeit.