Ein großer, runder Saal in einem alten Schloss. Um einen Tisch scharen sich 40 Personen. Wir sind im Schlosshotel in Kronberg im Taunus. Hierhin hat das Weingut Prinz von Hessen geladen. Der Prinz ist persönlich anwesend, ebenso sein Direktor und Kellermeister. Der Anlass ist feierlich, die Kleidung angemessen. Denn der Prinz öffnet seine Schatzkammer. Er holt jede Menge gut gealterte Rheingauer Rieslinge aus den Katakomben – Weine, die man sonst selten zu trinken bekommt.

Das freut die Gäste aus England, Österreich, Norwegen, Japan und Russland, die extra angereist sind, nur um zwei Stunden lang trockene und restsüße Weine zu verkosten.
Von den Deutschen begeistern sich dagegen nur wenige für den alten Riesling. Und diejenigen, die es tun, sehen auch selbst ein wenig angestaubt aus. Schrullige ältere Herren.

Es handelt sich bei den Rieslingen ja tatsächlich auch um Weine, die nach landläufiger Ansicht ihren Zenit längst überschritten haben, also "hinüber" sind. Kein normaler Weintrinker würde sich einen Riesling Spätlese aus dem Jahre 1975 vorsetzen lassen. Und auch keinen Riesling Kabinett aus 1979. Das ist doch alles Essig. Was soll man mit so altem Zeug?

Trinken und Vergnügen haben. Und vor allem endlich einmal zur Kenntnis nehmen, welch gigantisches Alterungspotenzial deutscher Riesling hat. Mag sein, dass es im Elsass ähnlich alte Rieslinge gibt. Mag sein, dass die Rieslinge der Wachau, des Kremstals und der Kamptals in Österreich ähnlich gut reifen, wie deutscher Riesling an der Mosel, in der Pfalz, in Rheinhessen, oder im Rheingau. Ich bezweifle es.

Selbst wenn es so wäre, dann muss man festhalten, dass diese einzigartige Finesse, die deutscher Riesling auch im hohen Alter noch aufweisen kann, einzigartig bleibt. Ein Alleinstellungsmerkmal. Kein anderer Riesling transportiert Terroir derart präzise über die Jahre. Kein anderer Riesling hat diese klingenscharfe und metallisch-fruchtige Eleganz, diese Balance zwischen Säure und Restsüße. Das ist dem Klima geschuldet, das die Temperaturen in den deutschen Anbaugebieten an vielen Tagen immer ein paar Zehntelgrad unter jenen anderer Anbaugebiete hält. Das Klima: Fluch und Segen des deutschen Weinbaus.

Ein weiteres Fazit dieser Verkostung war, dass Rieslinge selbst aus festgeschrieben schlechten Jahrgängen sich nach dreißig und mehr Jahren als fast knackig frische Weine erweisen. Natürlich immer mit dem gewissen Alterungston, dem leichten Petrol, der zugespitzten Mineralität, an die man sich erst gewöhnen muss. Aber wenn man diese lebendige Reife schätzen gelernt hat, dann freut man sich über einen gut gealterten Wein, der es einem noch mal richtig zeigen will. Um das zu merken, braucht es auch keinen geschulten Gaumen.

In den zahlreichen Weinblogs wird nun erörtert werden, ob der Jahrgang 1975 doch besser sei als der hochgelobte 76er. Und ob die Edelfäule Botrytis den 1989er nicht zu arg penetriert habe. Und was von dem fantastischen 79er Riesling zu halten ist, der knochentrocken war und somit als Beweis zitiert werden kann, dass auch trockene deutsche Rieslinge famos altern.