250 Jahre SandwichRoyal Fastfood

Der kleine englische Ort Sandwich kämpft mit einem großen Erbe: Vor 250 Jahren erfand der vierte Earl of Sandwich die legendäre Klappstulle. von Andreas Austilat

Man muss sich doch nur mal ausmalen, wie das wäre, ein Portsmouth zu bestellen. Erst dieses "ts", dicht gefolgt vom englischen "th" und das womöglich noch mit vollem Mund: "Bringen Sie mir doch bitte noch ein Portsmouth." Niemals hätte sich die englische Form des belegten Brötchens international durchgesetzt. So aber, mit dem Sandwich, dürfen sich die Engländer als Erfinder der Klappstulle fühlen.

Dabei hätte Edward Montagu ja lieber den Titel Earl of Portsmouth gehabt. Doch selbst wenn Englands König Charles II. gewollt hätte, dort gab es schon einen Lord. Die Hafenstadt Sandwich war dagegen nicht vergeben. So geht in aller Kürze die Geschichte, wie Montagu 1660 zu seinem Titel Earl of Sandwich kam, nachdem er seinen König aus dem Exil zurückgeholt hatte. Und Majestät dem treuen Montagu einen Gefallen schuldete.

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Noch einmal 100 Jahre später, 1762 ganz genau, soll es dann der inzwischen vierte Earl of Sandwich gewesen sein, der dem belegten Brot den Namen gab. Zwei Versionen kursieren. Die eine behauptet, der Earl sei ein fleißiger Mann gewesen, der sich nur ungern vom Schreibtisch erhob. Die andere, ungleich populärere beschreibt den Earl als einen passionierten Spieler, der seine Karten nicht für eine Mahlzeit aus der Hand geben wollte und deshalb Fingerfood orderte. Worauf seine Spielkameraden gesagt haben sollen, sie hätten gern, was ihr Freund Sandwich da gerade verzehre.

Erst New York, dann Sandwich

John Montagu, der vierte Earl of Sandwich (1718 - 1792)

John Montagu, der vierte Earl of Sandwich (1718 - 1792)  |  © Earl of Sandwich

Das ist nun 250 Jahre her. Der Ort Sandwich, zwischen den Kanalhäfen Dover und Ramsgate gelegen, hatte damals bereits seine großen Jahre hinter sich. Inzwischen ist der Hafen komplett versandet. Das Meer ist nicht mal mehr in Sicht. Der Name Sandwich aber, man möge den Kalauer entschuldigen, ist in aller Munde.

Der langsame Niedergang hatte auch sein Gutes. "Dies ist die am besten erhaltene mittelalterliche Stadt Englands", sagt Mandy Wilkins mit hörbarem Stolz und zeigt auf ein Tudorhaus, in dem Queen Elizabeth übernachtet haben soll. Die erste natürlich – die von vor 400 Jahren und nicht die von heute. Anderswo hätte man vielleicht Geld für Neubauten ausgegeben, hätte abgerissen, verbreitert, modernisiert. In Sandwich wurde erhalten.

Mandy Wilkins liebt diesen Ort, die große Welt da draußen kennt sie ja schon. Als sie im London der Swinging Sixties lebte und in New York, als sie mit ihrem Partner die Schuhmarke Chelsea Cobbler begründete. Janis Joplin schaute vorbei, Chris Squire, Sänger der Band Yes, ließ sich von ihrem Hund den Mantel anknabbern, und Marc Bolan von T-Rex war ihr Nachbar. Jetzt aber ist Mandy Wilkins Mitglied der Sandwich Society, ihr Herz gehört einer mittelalterlichen Stadt.

Die Idylle ist bedroht. Pfizer geht weg, jedenfalls beinahe. Der Tablettenriese, der jenseits der Stadtmauern 5.000 Menschen Lohn und Brot gab und die Sandwich Society großzügig unterstützte. Nur 700 sollen bleiben.

Leserkommentare
  1. ... Tageszeitungskolportage unter dem Titel "ZEIT" anzubieten, entbehrt nicht einer gewissen Chuzpe

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  2. 2. Leider

    findet man mittlerweile auch in Deutschland, vor allem an Bahnhöfen und Flüghäfen immer mehr Sandwiches anstatt belegte Semmeln bzw. Brötchen. Ich persönlich bevorzuge das letztere.

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    hat nichts mit klassischen Sandwiches zu tun.

    Eine Teezeit mit Sandwiches, die von geschickten Händen zubereitet wurden, ist unschlagbar und hat mit dem pappigen Zeug in Blisterverpackung mit vielen Zusatzstoffen nur den Namen gemeinsam - mehr aber auch nicht.

  3. hat nichts mit klassischen Sandwiches zu tun.

    Eine Teezeit mit Sandwiches, die von geschickten Händen zubereitet wurden, ist unschlagbar und hat mit dem pappigen Zeug in Blisterverpackung mit vielen Zusatzstoffen nur den Namen gemeinsam - mehr aber auch nicht.

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    Antwort auf "Leider"
  4. 250 Jahre nicht verstanden zu haben, wie man richtiges Brot backt, ist wahrlich kein Ruhmesblatt. Stattdessen muss ein Salatblatt herhalten, die furztrockenen Weißbrotscheiben überhaupt essbar zu machen.

    4 Leserempfehlungen
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    ... würde sich die Gräfin aber im Grabe umdrehen. Sie bestätigen gerade wieder einmal William Jones: "Viele Leute glauben zu denken, während sie nur ihre Vorurteile ordnen."

  5. Ebenso wie eine gute Pizza.

  6. ... würde sich die Gräfin aber im Grabe umdrehen. Sie bestätigen gerade wieder einmal William Jones: "Viele Leute glauben zu denken, während sie nur ihre Vorurteile ordnen."

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    Ich zumindest war schon oft genug in England und bin dafür oft genug mit Sandwiches bestraft worden, um "Dönhoffserbe" Recht geben zu müssen.
    Essbares Brot hab ich nur einmal erlebt in einer Familie, die selbst gebacken hat.

  7. Ich zumindest war schon oft genug in England und bin dafür oft genug mit Sandwiches bestraft worden, um "Dönhoffserbe" Recht geben zu müssen.
    Essbares Brot hab ich nur einmal erlebt in einer Familie, die selbst gebacken hat.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Bei so einem Unfug ..."
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    Dann bleibt doch zuhause oder nehmt Euch einen Vorrat Eurer heiligen Pumpernickel-Hostien mit. Viel engstirniger geht's ja wohl kaum noch.

  8. Dann bleibt doch zuhause oder nehmt Euch einen Vorrat Eurer heiligen Pumpernickel-Hostien mit. Viel engstirniger geht's ja wohl kaum noch.

    Antwort auf "Vorurteil?"
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    Verstehen Sie das Wort überhaupt?

    Wie kann es engstirnig sein, Dutzende der unterschiedlichsten Brotsorten zu mögen, incl. dem Baumwollkram, den Ihr Briten unter "Brot" versteht?

    Engstirnig kann es sein, etwas abzulehnen, das man nicht kennt. Fast alle Deutschen aber kennen englisches "Brot".

    Eventuell kann man es auch noch als engstirnig bezeichnen, nur eine Brotsorte zu mögen (beispielsweise englisches Pappbrot), alle anderen aber abzulehnen.

    [...]

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie auf einer sachlichen Ebene. Danke, die Redaktion/mk

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  • Schlagworte Essen | Kochen | Großbritannien | Backware | Brot | Fast Food
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