Wein und WahrheitIst Veltliner noch Veltliner?

Warum schmeckt der Grüne Veltliner immer öfter nach Sauvignon? Darauf können selbst Weinbauexperten keine befriedigende Antwort geben. von Manfred Klimek

Die kräftig-würzige Note, das sogenannte Pfefferl, ist typisch für Grünen Veltliner.

Die kräftig-würzige Note, das sogenannte Pfefferl, ist typisch für Grünen Veltliner.  |  © checka / photocase.com

Manchmal trinken wir Weine, die uns verwundern. Da steht am Etikett, dass es sich um Müller-Thurgau handelt, im Glas finde ich aber dramatische Anklänge von Riesling. Oder einen australischen Shiraz, der deutlich nach Merlot schmeckt. Geht die Sortentypizität verloren? Das kann man wohl so sagen. Schuld daran ist die moderne Kellertechnik. Mit ihr kann man sich heute perfekte Weine basteln. Der Preis? Die Weine schmecken ähnlich. Sehr ähnlich.

Sehr ähnlich schmecken seit geraumer Zeit auch die vielen einfachen und süffigen Grünen Veltliner aus Österreich, die man gerne auch in Deutschland trinkt. Die oft einfach gestrickten Weine, jene, die nur kurz im Tank oder im Holz bleiben, damit sie am Tag der Auslieferung frisch, fruchtig und trinkfertig sind, diese Weine haben seit einigen Jahren einen seltsamen Geschmack: Sie schmecken irgendwie nach Sauvignon Blanc.

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Vor einigen Tagen bekam ich einen Veltliner vorgesetzt, bei dem mir der Kragen platzte. Denn dieser Wein roch weder nach Veltliner, noch schmeckte er nach Veltliner; nein, dieser Wein war ein astreiner Sauvignon Blanc. Das musste eine Verwechslung sein. Ich roch und kostete aus Gläsern anderer Flaschen. Doch der Ton blieb immer gleich: penetrant nach Sauvignon.

Manfred Klimek
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Manfred Klimek sagt über sich selbst, er habe ein populistisches Weinverständnis mit individueller Note. Alle Weinkolumnen von ihm auf ZEIT ONLINE finden Sie hier.
 

Am nächsten Tag rief ich bei ein paar bekannten Önologen an, um mich nach der Ursache des Phänomens zu erkundigen. Woher kommt der Sauvignon-Blanc-Ton im Veltliner? Findet hier die Mutation eine Rebsorte statt?

Meine Erwartungen nach einer befriedigenden Antwort wurden enttäuscht. Es gibt offenbar keine einheitliche Expertenmeinung zu dieser Geschmacksveränderung. Selbst die Fachleute der Weinbauschulen sind sich uneinig, was die Ursache sein könnte. In Betracht kommen drei Möglichkeiten.

1. Der Einsatz von Aromahefen. Das meinten zumindest ein paar altgediente Önologen. Im besten Fall, meinen sie, verwendet der Winzer Sauvignon-Hefen aus einem eigenen Stamm. Dann kommt alles aus einem Gut. Und nichts aus der Industrie. Du brauchst nur nachsehen, rieten sie mir, wer von den Winzern auch Sauvignon verkauft.

2. Ein Klon hat Schuld. Der sogenannte Mössmer-Klon, der die Nummer 144 trägt. Er ist in Österreich seit einigen Jahren beim Veltliner im Einsatz. Und deshalb schmecken viele Veltliner aus Neuauspflanzungen nach Sauvignon Blanc.

3. Es war einfach das Jahr 2010 . Die einfachste aller Antworten. Das ausgeprägt feuchte und kalte Klima soll dem Vetliner seit jeher nach Sauvignon schmecken lassen. Erst recht aus jenen Gärten, die nicht genügend Mineralstoffe aufweisen; also früher Rübenacker waren, bevor sie gewinnbringend zu Weinbauland umgewandelt wurden.

Es ist natürlich sehr unbefriedigend, wenn Fachleute keine einheitliche Antwort auf ein merkbares Phänomen finden. Vielleicht sind auch alle Faktoren zu gleichen Teilen für die Misere verantwortlich.

Eine Misere, so sagt man mir, die vom Konsumenten gar nicht als solche aufgefasst wird. Denn der einst so säuerlich-pfeffrige Grüne Veltliner kommt mit diesem Drops- und Kräuterton dem Weingeschmack der Massen sehr entgegen. Doch welche Alternativen hat man, wenn man diese Art Grüner Veltliner missbilligt, wenn man den "echten" Grünen Veltliner trinken will?

Da gibt es nur eine Möglichkeit: Man sucht einen Winzer, der seine Weine aus alten Reben keltert und das Handwerk der Spontanvergärung beherrscht. Da kann man sicher sein, dass kein Sauvignon im Veltliner zu riechen ist, sondern die kräftig-würzige Note (das sogenannte Pfefferl) den Wein prägt. Diese Weine müssen jedoch nicht so frisch und fruchtig sein, wie man es vom modernen Veltliner verlangt.

So hilft letztlich nur fragen und probieren. Viele fantastische Federspiel-Veltliner aus der Wachau haben keine Sauvignon-Note. Vorzuziehen ist hier der Jahrgang 2009. Oder auch Weine aus dem benachbarten Kremstal. Man muss auch auf die Biographie der Winzer achten. Ein feiner Kleinbetrieb, der womöglich sogar biologisch arbeitet, wird sicher auf Zusätze verzichten. Und seine Weine nicht trimmen. Dort kauft man einen Veltliner, der den Namen der Sorte verdient.

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Leserkommentare
  1. man auch im Weinbau verstärkt industriell produzieren sollte. Daß viele Käsesorten seit Jahren schon keine eigene Geschmacksidentität mehr besitzen, sondern sich an einem ecken-, kanten-, und weitgehend geschmacklosen milden "IdealGouda" orientieren, der offensichtlich dazu hergestellt ist, Nichtkäseesser bloß nicht durch zu viel Individualität zu verschrecken, ist ja nichts Neues. Oder man versuche einmal, einen Fruchtjoghurt ohne Sahnezusatz zu bekommen.

  2. Der Titel dieses Beitrages ist irreführend. In der Schweiz, wo die "Zeit"-Artikel sehr wohl auch gelesen werden, verstehen wir unter "Veltliner" einen qualitativ hochstehenden Rotwein, der aus der italienischen Valtellina (auf Deutsch: Veltlin) kommt, einem Gebiet, das an die Schweiz angrenzt und das zusammen mit dem ebenso bekannten, französischen Weinanbaugebiet Bourgogne (auf Deutsch: Burgund) vor Urzeiten sogar einmal den Beitritt zur Schweiz erwog. Grüner Veltliner ist in der Schweiz weitgehend unbekannt und wird darum dort nicht konsumiert.

    Ich würde mich sehr freuen, wenn die Journalisten der "Zeit" auf solch' wichtige kulturelle Unterschiede Rücksicht nähmen.

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    • zorc
    • 26. Mai 2011 15:36 Uhr

    Es geht aber schon im Untertitel explizit um den Grünen Veltliner, und im 2. Absatz des Textes heißt es dann noch einmal: "die vielen einfachen und süffigen Grünen Veltliner aus Österreich". Kann man es noch klarer sagen?

    • zorc
    • 26. Mai 2011 15:36 Uhr

    Es geht aber schon im Untertitel explizit um den Grünen Veltliner, und im 2. Absatz des Textes heißt es dann noch einmal: "die vielen einfachen und süffigen Grünen Veltliner aus Österreich". Kann man es noch klarer sagen?

    2 Leserempfehlungen
  3. Sie sollten vielleicht berücksichtigen, wie Herr Zorc schon sagte, dass Sprache kontextbezogen funktioniert. [...]
    Anm: Bitte bleiben Sie respektvoll und höflich. Danke. Die Redaktion/km

    Eine Leserempfehlung
  4. kann man doch wohl verlangen, dass ein solcher Artikel für das schweizerische Kontingent geschwärzt wird. Denn Grüner Veltliner ist in der Schweiz weitgehend unbekannt und wird deshalb nie und auf keinen Fall getrunken!
    Ich möchte mich jedoch auch beschweren!
    Da wird mir die Besonderheit eines klassischen Grünen Veltliners nahegebracht, aber der Wein nicht mitgeliefert. Wie soll das jetzt einer nachschmecken? Bis ich an eine Flasche komme, ist der Artikel längst vergilbt, verpixelt oder was weiss ich.

    2 Leserempfehlungen
  5. Die Bündner wollten das Veltlin ja nicht aufnehmen, weil es ihnen zu katholisch war. Das Veltlin wurde übrigens früher einmal von den Herren von Matsch beherrscht, so dass auch Tirol Ansprüche erheben könnte. Wir begnügen uns aber damit, ab und zu den guten "Rosso di Valtellina" zu trinken, der übrigens auch im Großteil der Schweiz so genannt wird. In Graubünden mag das etwas anders sein. Grüner Veltliner ist allgemein und auch in der Schweiz als Weißwein bekannt. Zwischen dem aus Nebbiolo-Trauben gekelterten Rosso di Valtellina (Roter aus Veltlin) und dem aus Trauben der Sorte Grüner Veltliner (Vermutlich Weißgipfler mit Traminer-Einschlag) gekelterten Grünen Veltliner gibt es außer dem ähnlichen Namen keine nähere Beziehung.

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    • k2
    • 30. Mai 2011 17:21 Uhr

    nach Bibracte führte, ging es um die Eroberung des dortigen
    Weinlagers. Das Valtelina war Eigentum Rhodans, welcher das
    grösste Stück Frankreichs ebenfalls besass und Habsburg ist
    im Engadin mehrfach vernichtend geschlagen worden von Planta,
    einem Heerführer, dessen Nachkommen heute noch Frankreich nahe
    stehen. Das Veltlin, das Bergell, das Puschlav, die Lombardei, Venetia Giulia - die Liste reicht bei Friuli bis nach Bulgarien - waren integraler rhätischer Teil seit Jahrtausenden genau so wie dessen Weinbaugebiete. Triacca
    rollt den Veltliner in Eisenbahnwagen bis nach Frankreich.
    Das Bouquet der Valtelina ist einzigartig, weil es mit den
    ältesten Weinpressen der Welt ohne Traubenstorzen gewonnen worden ist.

  6. Nachdem ich gestern Morgen Herrn Klimeks Artikel gelesen habe und ohnehin gerade in seiner schönen Hauptstadt verweile, konnte ich es auf einen Selbstversuch ankommen lassen und statt den schönen gemischten Sätzen verstärkt dem Veltliner zusagen. Da die Weine hier ohnehin, anders als in meiner schoppenverwöhnten Pfalz, regelmäßig in homöopathischen Dosen ausgeschenkt werden (1/8, 0,1 und teilweise sogar 1/16 - was ist das denn?), durften es zum Mittagessen zwei 2010er Veltliner sein (was insgesamt nicht mal einem Viertel entsprach). Die Weine stammten von ordentlichen Weingütern aus dem Traisental und Krems und erinnerten mich tatsächlich stark an einen Sauvignon Blanc. Einschränkend muss allerdings einräumen, dass ich durch den Artikel etwas voreingenommen an die Sache heranging, da ich ja gerade nach Übereinstimmungen suchte...
    Den Abend jedenfalls habe ich mich dann Quer durch die Südsteiermark getrunken und mit Welschriesling, Sämling (was wohl Schreurebe ist) und Sauvignon Blanc gute Beispiele für schöne österreichische Weine im Glas gehabt.
    Nichtsdestotrotz werde ich natürlich weiterhin Veltliner trinken, denn so schnell muss man ja nicht aufgeben und schlecht waren auch die beiden 2010er keinesfalls.

    • k2
    • 30. Mai 2011 17:21 Uhr

    nach Bibracte führte, ging es um die Eroberung des dortigen
    Weinlagers. Das Valtelina war Eigentum Rhodans, welcher das
    grösste Stück Frankreichs ebenfalls besass und Habsburg ist
    im Engadin mehrfach vernichtend geschlagen worden von Planta,
    einem Heerführer, dessen Nachkommen heute noch Frankreich nahe
    stehen. Das Veltlin, das Bergell, das Puschlav, die Lombardei, Venetia Giulia - die Liste reicht bei Friuli bis nach Bulgarien - waren integraler rhätischer Teil seit Jahrtausenden genau so wie dessen Weinbaugebiete. Triacca
    rollt den Veltliner in Eisenbahnwagen bis nach Frankreich.
    Das Bouquet der Valtelina ist einzigartig, weil es mit den
    ältesten Weinpressen der Welt ohne Traubenstorzen gewonnen worden ist.

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