Künstler und Koch Byung Chul Kim vor seinem Humor-Restaurant in Zürich © Verena Mayer

Die Restaurantbesucher haben gegessen, jetzt geht es ans Zahlen. Der Wirt kommt an den Tisch, Restaurantbesucherin eins hatte Sushi. Sie atmet kurz durch und sagt: "Der kleine Tim liegt krank im Bett, der Arzt kommt. Der kleine Tim: 'Herr Doktor, sagen Sie mir die Wahrheit. Werde ich eines Tages wieder zur Schule gehen können?'" Der Wirt verzieht keine Miene, wendet sich Restaurantbesucherin zwei zu. Sie hatte scharf angebratenen Reis mit Lachs und erzählt ebenfalls eine Geschichte. Dass sie neulich auf dem Bahnhof ein Blind Date mit jemanden aus dem Netz hatte. Ein Mann ging auf sie zu, sie unterhielten sich. Als sie gerade gemeinsam los wollten, bemerkte sie, dass der Mann zwar verabredet war, aber nicht mir ihr.

Sie hatte die ganze Zeit mit einem völlig Fremden geredet. Der Wirt nickt den beiden Frauen zu. "Bezahlt", sagt er.

Byung Chul Kim heißt der Wirt, und die Gaststätte, die er führt, nennt sich Humorrestaurant. Das klingt wie ein Restaurantsketch, nur dass bei Byung Chul Kim nicht der Restaurantbesuch den Sketch ausmacht, sondern die Sketche den Restaurantbesuch. Beziehungsweise das Geld, das man zum auswärts Essen braucht. Bei Kim kann man jedes Gericht mit etwas Lustigem bezahlen. Mit einer Geschichte, einem Witz oder einer Performance. Oder einfach damit, dass man wie ein Affe am Boden herumhüpft, was letztens mal einer gemacht hat.

Zu essen gibt es im Humorrestaurant koreanische Spezialitäten, Byung Chul Kim kommt aus Seoul. Kim-Bab etwa, die koreanische Form des Sushi, gefüllt mit Lachs, Thunfisch oder Ei oder mit allem zusammen, in Korea ein beliebter Imbiss oder ein schnelles Mittagessen. Oder Bibimbap, angebratener Reis mit Gemüse und Ei, Fleisch oder Fisch und viel Chilipaste darunter. Auf einer Tafel hinter der Theke hat Kim mit Kreide die verschiedenen Preise angeschrieben: 9, 12, 13, 15 Franken. Oder eben: "Gegen Humor gratis!!"

© Verena Mayer

Solche Dinge sind oft Kunst, so auch in diesem Fall. Byung Chul Kim, 37 Jahre alt, ist Künstler in Stuttgart. Bekannt wurde er mit seinem Performance-Hotel, in dem 2009 bis 2011 jeder gratis übernachten konnte, der etwas vorführte. Im vergangenen Jahr gab es den Performance-Express, da bekam man gegen eine Performance ein Ticket für den Zug nach Metz oder Paris.

Aber Byung Chul Kim ist auch Koch. Seine Mutter hatte ein Restaurant in Seoul, sie kochte traditionell und mit viel Kimchi. Als Kind hat Kim die meiste Zeit bei ihr verbracht, er hat abgewaschen oder einfach nur in die Töpfe geguckt. Noch immer verbindet er mit kochendem Reis Geborgenheit. So lange der Reiskocher lief, lief auch das Restaurant, war die große Familie versorgt. "Wo Reis kocht, ist Glück", sagt Kim.

Jetzt also Kochen und Kunst. In Stuttgart gab es das Humorrestaurant schon, Ende August war Kim eine Woche lang in Zürich. In einem kleinen Laden mit großen Fenstern und ein paar Tischen aus hellem Sperrholz. Früher war hier mal eine chemische Reinigung, jetzt ist es der Kunstverein Wäscherei, irgendetwas zwischen Galerie, Café und Nachbarschaftszentrum. Kim steht in Jeans und einem einfachen grauen T-Shirt an der Theke. Er schnippelt Gemüse, streicht mit einem Holzlöffel Sushireis auf ein dunkelgrünes Noriblatt wie ein Maler Farbe auf eine Leinwand. An der Wand hängen drei Schilder, darauf ist in rot gemalt: "No money, not funny, no food." Was so viel bedeutet wie: Die Preise hier sind ein Witz. Oder eben nicht.

Wobei Kim sich nicht anmaßen will, zu entscheiden, was lustig ist oder nicht. Er urteilt nach Art der Darbietung oder den Reaktionen der Gäste. Die, bei denen keiner lacht, zahlen die Hälfte. Der Typ, der fragte, ob es schon einen Ösi-Witz gab, musste alles selbst bezahlen. Zu voller Höhe anerkannt hat Kim hingegen den Witz vom Mann, der ein Job-Inserat liest. Da steht: Herumsitzen, 20 Franken die Stunde. Der Arbeitsplatz ist im Zoo, dem Mann wird gesagt: Setz dich in den Käfig und spiel einen Affen. Der Mann beginnt herumzuhüpfen und trommelt sich auf die Brust. Da sagt der Löwe aus dem Käfig nebenan: Was machst du da, willst du, dass wir alle arbeitslos werden?

Der Mann, der den Witz erzählt, ist auf einem Video zu sehen, das in Endlosschleife im Schaufenster des Restaurants läuft. Kim hat ihn gefilmt, wie all die anderen Gäste mit ihren Witzen von Ärzten, Frauen, Politikern, Oktopussen. Die einen leicht angetrunken, Alkohol und Witze-Erzählen gehörten immer schon zusammen. Die anderen bierernst, als müssten sie einen Bankberater überzeugen, ihren Kreditrahmen zu erhöhen.