Wurde durch seine Molekularküche und sein Restaurant El Bulli weltberühmt: der katalanische Koch Ferran Adrià. © Andreas Rentz/Getty Images

ZEIT ONLINE: Senor Adrià, ist Kochen für Sie eher Kunst oder Forschung?

Ferran Adrià: Kochen ist die erste Tätigkeit, der die Menschheit nachgegangen ist. Seitdem erleben wir eine endlose Revolution in der Geschichte des Kochens. Wir entdecken immer neue Möglichkeiten. Deshalb kann man das Kochen also durchaus als Experiment betrachten.

ZEIT ONLINE: Ihre Küche wirkt wie ein steriles Forschungslabor. Wird bei Ihnen trotzdem "mit Herz" gekocht?

Adrià: Forschung hat immer sehr viel mit Leidenschaft zu tun. Wenn man genau darauf achtet, bemerkt man, dass nahezu alle Forscher ihrem jeweiligen Metier mit großer Leidenschaft nachgehen. Da macht es keinen Unterschied, wie steril das Umfeld wirkt.

ZEIT ONLINE: Ihr Restaurant El Bulli war nur halbjährlich geöffnet – obwohl Sie innerhalb von zwölf Monaten bis zu zwei Millionen Reservierungsanfragen bekamen. Das Prinzip der Verknappung hat als Konzept also bestens funktioniert?

Adrià: Es war sicherlich einer der Faktoren, die zur Anziehungskraft beitrugen. Aber wir brauchten diese sechs Monate Schließzeit auch, um etwas Neues für die anstehende Saison vorzubereiten.

ZEIT ONLINE: Es gab bei Ihnen nie ein Gericht aus der alten Saison, und das, obwohl ein Menü aus bis zu 35 Portionen bestand.

Adrià: Die Herausforderung lag für uns darin, eine immer neue Palette für das neue Jahr zu entwickeln. Wenn man während seiner Arbeit als Restaurantbetreiber nicht ab und an daran denkt, es auch wieder zu schließen, gibt es dafür weder Raum noch Zeit.

ZEIT ONLINE: Hat El Bulli Sie reich gemacht? Bei gerade mal 50 Gästen pro Abend beschäftigten Sie etwa 70 Angestellte, dazu kochten und experimentierten Sie mit den teuersten Zutaten.

Adrià: El Bulli wurde nie mit der Absicht geführt, viel Geld damit zu machen. Wir haben uns wirtschaftlich vielmehr genau so aufgestellt, dass das Konzept fortbestehen konnte. Sogar Universitäten haben mehrfach untersucht, was für ein besonderer Fall unser Restaurant war. Es wurde auf einmal zu einem magnetischen Konzentrationspunkt, zu einem Forschungszentrum für Kochkunst.

ZEIT ONLINE: Nun haben sie das El Bulli für zwei Jahre geschlossen und konzentrieren sich in dieser Zeit nur auf die Forschung. Ist die Kreation von Essen für Sie wichtiger als ein Restaurant zu betreiben?

Adrià: Ja, sonst hätte ich doch keine Perspektive! Ich kann die Leute nicht glücklich machen, wenn ich nicht selbst dabei glücklich bin. Bei El Bulli war der Aspekt der Kreativität immer der wichtigste für uns. Es ging eben nicht nur darum, dafür Sorge zu tragen, dass die Leute dort gut essen und eine nette Zeit erleben. Dafür habe ich mit meinem Bruder einige kleinere Restaurants entwickelt. Bei El Bulli ging es um sehr viel mehr.

ZEIT ONLINE: Für viele gelten Sie als bester Koch der Welt. Können Sie das zugeben?

Adrià: Ich glaube nicht, dass ich der beste Koch der Welt bin. Man kann das ja auch gar nicht messen. El Bulli – nicht ich – war aber sicherlich das einflussreichste Restaurant der Welt. Die meisten erfolgreichen Köche, die jetzt dreißig bis vierzig Jahre alt sind, haben über eine gewisse Zeit dort gearbeitet. Das ist etwas, das sich messen lässt, das lasse ich gelten. Ob ich der beste bin – das kann keiner tatsächlich sagen. Ich arbeite dort ja auch nicht alleine.