Kulinarische Buchmesse Geben Sie sich nicht mit Häppchen zufrieden!
Der S. Fischer Verlag zelebriert die Askese und Suhrkamp ist kulinarisch im Umbruch. Wer den Puls der deutschen Verlage fühlen will, muss nur in Frankfurt ans Buffet.
Die Leitidee eines jeden ernsthaften Literaturkritikers auf der Frankfurter Buchmesse muss lauten: Lassen Sie sich nicht mit Häppchen abspeisen! Sie entscheiden sich ja auch sonst für die lange Strecke mit Substanz. Furchtlos haben Sie tausend Seiten Navid Kermani in sich reingefressen, und Jan Brandts Ostfriesland-Epos war auch kein ganz kleiner Happen. Also können Sie sich nicht ausgerechnet auf der Buchmesse mit Fingerfood zufrieden geben.
Für fünf Tage Buchmesse mit sehr viel Alkohol brauchen Sie eine solide Grundlage. Achten Sie dabei auf das kulinarische Profil der Verlage, auf deren Rechnung Sie Ihren gröbsten Hunger stillen möchten. Wir helfen gerne mit dieser kleinen Handreichung: Den größten Mut zur protestantischen Askese im echt Max Weber'schen Sinn beweist Jahr um Jahr der S. Fischer Verlag. Belegte Brötchen sorgen dafür, dass die Leistungsethik nicht in Völlerei untergeht.
Suhrkamp, bisher ein traditioneller Kanapee-Verlag, hat in diesem Jahr kulinarisch aufgerüstet: Suppe gab es und sogar ein Programmschwerpunkt Garnelenspieß. In der berühmten Suhrkamp-Kultur ist offensichtlich etwas im Umbruch.
Als entschieden nicht fleischlich, sondern geistlich, positioniert sich seit je der Münchener Beck-Verlag: mit kleinen Mini-Pizzen wird die Festgesellschaft im hessischen Hof abgespeist. Da muss man dann schnell zu den Kollegen von Droemer wechseln, deren Buffet im Frankfurter Hof sich ungeniert in barock-katholischer Fülle präsentiert.
Der Rowohlt Verlag in der Frankfurter Schirn steht für eine konsequent zeitgenössische Küche, schlank, hochwertige Produktqualität, gekonnter Umgang mit den Garzeiten, Akzent auf Fischgerichten, das Ganze leider nur als Flying-Buffet, was der Nahrungsaufnahme einen etwas kurzatmigen Rhythmus aufzwingt.
Behaglichen Überfluss auf hohem Niveau findet der Messeprofi bei den Fleischtöpfen von Random House, das in diesem Jahr mit seiner beachtlichen Nachspeisenkarte als heißester Anwärter für den begehrten goldenen Kochlöffel gilt.
- Datum 14.10.2011 - 17:32 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
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