© Reuters/Herwig Prammer

Ich habe getötet. Es war keine emotionale Kurzschlusshandlung. Es passierte nicht im Affekt. Es war reife Überlegung, die mich dazu brachte, ein Leben zu beenden. Ich wollte wissen, was es bedeutet, was es in mir auslöst – ob ich es kann.

Die Erkenntnis traf mich im Supermarkt. Ich stand vor dem Regal mit den Nudeln. In einer Hand eine Schachtel Spaghetti, in der anderen eine Packung eingeschweißtes Hackfleisch. Ich hatte wenig Zeit, in einer Stunde sollten Leute zum Essen kommen. Doch statt Parmesan zu suchen, stand ich plötzlich bewegungslos da. Was war noch mal der Unterschied zwischen Fleisch und Nudeln? Ich wusste es nicht.

Eines der Produkte in meiner Hand hatte mal gemuht, fiel mir ein. Wenn ich in mich hineinhorchte, machte das jedoch überhaupt keinen Unterschied. Beide Lebensmittel erschienen mir wie Gebrauchsgegenstände – und mit einem Mal fühlte sich das falsch an. "Ich habe keine Ahnung, was es bedeutet, dass ein Tier sterben muss, bevor ich Fleisch kaufe", gestand ich mir ein. Sechs Wochen später nahm ich ein Beil und schlug einem Perlhuhn den Kopf ab.

Vegetarier sein, das kam für mich lange nicht infrage. Als ich aufwuchs, aßen in meiner Familie alle Fleisch. Unser Haus stand am Waldrand. Manchmal beobachteten wir Kaninchen, die zwischen den Bäumen hervorhoppelten. Aber ich hatte nie so viel Mitleid mit ihnen, als dass mir ihr Fleisch nicht mehr geschmeckt hätte. Als kleiner Junge war ich mit meinem Vater ab und zu angeln. Ich erinnere mich, dass es mir Spaß gemacht hat, den Fischen auf den Kopf zu hauen. Dass man Tiere isst, erschien mir immer normal. Löwen fraßen Antilopen, Menschen eben Schweine. Der Kreislauf des Lebens.

Die Idee in die Tat umzusetzen, war schwierig

Die Fragen kamen später. Es war kurz nach der Jahrtausendwende, ich war Anfang 20 und ging viel auf Konzerte. Metal, Punk, später fast nur noch Hardcore. Laut, schnell, brutal. Herausgebrüllte Gesellschaftskritik, zu der man sich beim Tanzen vor der Bühne gegenseitig Hämatome zufügte. In der Szene gab es viele Vegetarier oder Veganer, und irgendwann hatte auch ich in meinem Freundeskreis jede Menge Leute, die kein Fleisch aßen. Es war nie so, dass mich jemand missionieren wollte. Doch die ständige Konfrontation mit Menschen, die sagten, "Nein, das esse ich nicht", setzte Gedanken in Gang. Ich zweifelte nicht am Fleischessen an sich. Aber ich begann darüber nachzudenken, was es überhaupt bedeutet, Tiere zu essen.

Natürlich hatte auch ich Filme über Schlachthöfe gesehen und die Tiertransporte auf der Autobahn. Ich wusste, dass man eigentlich nicht Steak, sondern Kuh bestellt. Aber es gibt einen Unterschied zwischen Wissen und Begreifen und das Begreifen ereilte mich eben dort zwischen den Supermarktregalen. Es forderte eine Entscheidung. "Ich muss verstehen, was es bedeutet, Tiere zu essen", sagte ich mir. Und um zu begreifen und nicht nur zu wissen, dass Hackfleisch und Nudeln eben nicht dasselbe sind, musste ich töten. Ich wollte weiter Fleisch essen, aber nur, wenn ich selbst in der Lage wäre, es vom Stall auf den Teller zu bringen.

Ich warf das Hackfleisch zurück in die Kühltheke und schnitt stattdessen Gemüse in die Tomatensoße. Am nächsten Tag griff ich zum Telefonbuch.

Die Idee in die Tat umzusetzen, gestaltete sich jedoch schwieriger als gedacht. Schlachthöfe gab es 2003 in Berlin nicht mehr. Tiere essen , Jonathan Safran Foers Bestseller-Plädoyer für Vegetarismus, war noch lange nicht geschrieben, und Mark Zuckerberg , der heute angeblich auch nur noch isst, was er selbst erlegt, hatte damals weder Facebook gegründet noch einen Jagdschein gemacht. Metzger, die ich fragte, runzelten die Stirn, Geflügelzüchter, die ich anrief, reagierten mit Misstrauen. Laut dem Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft gibt es zwar kein Gesetz, das das Selberschlachten von Hühnern generell verbietet, gerne sieht das Veterinäramt das allerdings nicht. Nach ein paar Wochen schließlich fand ich ein Ehepaar in Brandenburg , die sagten, ich könne gerne vorbeikommen. Sie hätten ein paar Tiere, die sie sonst auf der Grünen Woche verkaufen wollten.